Kaufsucht: «Schlimmer geahndet als Mord»
publiziert: Sonntag, 14. Feb 2010 / 20:48 Uhr / aktualisiert: Montag, 15. Feb 2010 / 07:20 Uhr

Hannover - An Kaufsucht leidende Menschen verstecken ihre Zwangsstörung, da sie sich schämen und die drastischen Folgen eines Bekenntnisses fürchten.

Obwohl Kaufsucht selten thematisiert wird, ist sie weit verbreitet. (Symbolbild)
Obwohl Kaufsucht selten thematisiert wird, ist sie weit verbreitet. (Symbolbild)
Das berichtet Sieglinde Zimmer-Fiene, Leiterin der Selbsthilfegruppe für Kaufsucht in Hannover und selbst jahrelang Betroffene. «In der Gesellschaft gibt es keinen Mittelstand mehr, wodurch Menschen entweder oben oder unten stehen. Das führt zum ständigen Vergleich nach dem Motto 'Kleider machen Leute'. Doch die Wirtschaft sorgt dafür, dass man nie wirklich am letzten Stand sein kann.» Kaufsüchtige bilden die Spitze dieses Eisberges.

Zwang zu Modeschuh und gutem Rotwein

Obwohl Kaufsucht selten thematisiert wird, ist sie weit verbreitet. Einer aktuellen Erhebung zufolge ist eine Mio. Menschen in den deutschsprachigen Ländern kaufsüchtig und jeder Zwanzigste dürfte zumindest gefährdet sein. Die Zwangsstörung zeigt sich im suchtartigen Bedürfnis, Waren und Dienstleistungen einzukaufen. «Kaufsucht betrifft ohne Ausnahmen alle Gesellschaftsschichten, unabhängig vom Einkommen. Betroffene Frauen sprechen besonders auf modische Kleidung, Schuhe oder Wohnungsaccessoires an, Männer auf die neueste Technik oder guten Rotwein», erklärt Zimmer-Fiene.

Bei Kaufsüchtigen wird Gier und Habenwollen zum zentralen Lebensmotiv. «Man ist etwa von einem im Fernsehen gesehenen Kleid fasziniert und empfindet, es haben zu müssen oder andernfalls zu sterben», beschreibt die früher Betroffene. Zum kurzen Hochgefühl komme es dann beim Bezahlen des Artikels in der Boutique, wobei dessen Preis irrelevant sei. «Das Blut rauscht wie wild durch den Körper. Schon kurz darauf auf der Strasse wird man sich der Sinnlosigkeit des Kaufs bewusst und Schuldgefühl schiesst ein. Doch es ist einem unmöglich, umzudrehen und die Ware zurückzugeben.» Das oft sogar in mehrfacher Ausführung Gekaufte wird nur einmal gebraucht oder bleibt unausgepackt.

Sucht beginnt schleichend

Der Beginn des Zwangs ist schleichend und aufgrund des fliessenden Übergangs unbemerkt. Äusserer Anlass sind oft Frust oder Schicksalsschläge, auch grosse Entbehrungen oder materieller Liebesersatz der Eltern im Kindesalter können laut Zimmer-Fiene mitspielen. In ihrem Fall war der Wunsch nach perfektem Outfit eine Form, den Selbstwert nach dem frühen Tod ihres ersten Ehemannes zu steigern. «Irgendwann lobte niemand mehr mein modisches Erscheinen, denn es war Teil meiner Person geworden.» Die eigenen Kinder, die sie stets mit guten und teuren Geschenken bedacht hatte, baten sie, ihnen doch keine Kleidung mehr zu kaufen.

Der bewusste Kaufverzicht wird Betroffenen jedoch unmöglich und auch die Hinderung am Kauf führt zu Entzugserscheinungen. «Man verliert jedes Gefühl für Werte, Besitz und Schulden», so Zimmer-Fiene. Allgegenwärtig ist jedoch das Schamempfinden. «Waren und Rechnungen werden gut versteckt und damit aus dem Bewusstsein geschaffen. Gegenüber dem Umfeld setzt man ein Lügenkarussell in Gang, um die Ausgaben zu rechtfertigen. Offen darüber zu reden kann man nicht. Mit dem lange aufgebauten guten Ruf wäre schlagartig auch der Job weg, denn die Grauzone von Geld und Sucht macht jeden misstrauisch und niemand hilft dir mehr. Verstösse rund um Geld ahndet die Gesellschaft schlimmer als Mord», so Zimmer-Fiene.

Überwindung ein langer Weg, aber möglich

Im privaten Bereich führt Kaufsucht zu Schlafstörungen, körperlichen Beschwerden, Depressionen und Existenzängsten bis hin zu Suizidgedanken und zerstört viele Beziehungen und Familien. Grund ist meist der wachsende Schuldenberg. «Verhängnisvoll ist, dass man durch die Kreditkarten-Überziehung auf vielen Konten gleichzeitig schnell mit 30.000 Euro im Minus steht, durch eine kleine Einzahlung aber wieder Geld bekommt.» Irgendwann komme der Moment der Anzeige, des Gerichtsvollziehers oder der Verurteilung. «90 Prozent der Betroffenen werden erst dann wach, wenn sie an die Wand gedrängt werden - etwa wenn der Partner mit dem Verlassen droht», so Zimmer-Fiene.

So schleichend der Einstieg in die Sucht ist, so mühsam ist jedoch auch der Weg heraus. Die «Überschreitung der Verhältnismässigkeit» brachte Zimmer-Fiene in eine forensische Klinik, wo man sie erst nach acht Jahren als «hoffnungsloser Fall» entliess. 2007 gründete sie eine der ersten Selbsthilfegruppen und widmet sich nun der Zusammenarbeit von Kliniken, Therapeuten, Ärzten und Betroffenen. Die Selbsthilfe stecke noch in Kinderschuhen und viele Gruppen hätten nur kurz Bestand. Wichtiger erster Schritt sei stets, das verlorene Selbstwertgefühl wieder zu entwickeln. «Keiner kann von heute auf morgen Kaufsucht loswerden, denn wie wenn man Laufen lernt, fällt man immer wieder und muss neu aufstehen. Die Gruppe kann hier den Rücken stärken.»

(zel/pte)

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