Kein Blut in Bülach
publiziert: Freitag, 8. Jun 2007 / 12:20 Uhr / aktualisiert: Samstag, 9. Jun 2007 / 00:38 Uhr

7 Meldungen im Zusammenhang
Eigentlich waren die Freisprüche von Bülach nichts als logisch. Strafrechtlich hatte die Anklage ein Strohhaus in einem Hurrikan-Gebiet aufgebaut und Junge, blieb da nichts von übrig. Nicht einmal eine Geldbusse setzte es ab. Nichts. Rien. Nothing. Niente. Auch kein gratis Wienerli für den Staatsanwalt. Nur Entschädigungen für die Angeklagten. Und der Blick wälzt sich statt in deren Blut in den eigenen Krokodilstränen... ach, der Corti in Handschellen - wäre das schön gewesen...

Aber eben – es gab kein Blut in Bülach – höchstens lauwarmen Kaffee.

Natürlich, die Zivilklagen, die durch den idiotischen Strafrechtsprozess vermutlich herausgezögert wurden, werden sehr wahrscheinlich andere Resultate zeitigen. Vor allem die Mitglieder des einstigen Swissair-Verwaltungsrates werden sich betreffend ihrer Aufsichtspflicht einiges anhören müssen. Zu Recht. Doch mit diesen vermeintlichen Wirtschaftsgrössen wird auch die Schweiz der 90er Jahre auf der Anklagebank sitzen.

Denn was heute vielfach ausgeblendet und geradezu krampfhaft verdrängt wird, ist die Tatsache, dass der vom damaligen Swissair-Boss Bruggisser eingeschlagene Katastrophenkurs sehr genau der Grossmannssucht vieler Schweizer Bürger und Medien entsprach.

Das Elend begann wohl damit, dass das damalige Fusionsprojekt Alcazar mit KLM, SAS und der AUA vor allem auch von der Schweiz aus abgeschossen wurde. Die Welt war im Umbruch und der Gedanke, dass nun auch noch die Swissair, dieses überragende Symbol von Swissness in einer gleichberechtigten Partnerschaft mit anderen, in den Augen vieler Schweizer, dahergelaufenen Europäern hätte aufgehen sollen, war der totale Horror. Nein, da musste eine andere Lösung her.

Alle Warnungen gegen den Aufkauf von halb bankrotten, sanierungsbedürftigen Luftfahrtklitschen wurden als Defätismus und unpatriotisches Gerede abgetan. Die Swissair KONNTE nicht abstürzen, weil sie nicht abstürzen durfte. Sie war ein Teil der Schweizer Psyche, symbolträchtig wie Tell, herzerwärmend wie Heidi, einen mit Stolz erfüllend wie Pirmin Zurbriggen auf dem Siegespodest (ja, an den konnte man sich damals noch erinnern).

Der eigentliche Skandal an der ganzen Sache war wohl der, dass diese ganze Geldvernichtung vom VR der Swissair praktisch kommentarlos abgenickt wurde, sofern die betreffenden Leute überhaupt an den gut dotierten Sitzungen anwesend waren. Möglich wurde das nur durch eine Krankheit, an welcher die Schweizer Wirtschaft (wenn auch damals noch wesentlich heftiger als heute) leidet, der Tatsache, dass die Kontrolleure der einen Firma die Kontrollierten der anderen Firma waren, und umgekehrt. Im Fall der Swissair muss sich auch der Bund fragen lassen, in wie weit er seine Kontrollpflicht vernachlässigt hat. Doch auch hier ist das Personal wieder das gleiche... kurz gesagt: Die Schweiz AG hat damals kläglich versagt.

Schon Jahre vor dem Grounding war die Swissair hoffnungslos überschuldet und steckte bis zum Hals in Verpflichtungen der faktisch bankrotten Zukäufe. Doch das wollte auch dann noch niemand sehen, als eigentlich alle Alarmleuchten hätten blinken müssen. Stattdessen wurden Werte verschoben und das Wirtschaften auf Pump zur Regel. 9/11 versetzte der waidwunden Swissair lediglich noch den Todesstoss, der ohne einen radikalen Umbau ohnehin gekommen wäre.

In diesem Sinne reiht sich der Strafprozess nahtlos in das gesamte Swissair-Debakel ein. Auch hier fand wieder eine sinnlose aber teure Übung statt, die ohne Weiteres im Interesse einer schnelleren zivilrechtlichen Abwicklung hätte vermieden werden können. Die Swissair-Geschädigten hätten mit Ausnahme von Genugtuung ja ohnehin nichts von einer strafrechtlichen Verurteilung der Angeklagen gehabt.

Die Chance sind nun die Zivilprozesse. Denn es mag ja sein, dass Dummheit nicht strafbar ist, wie man es heute an so vielen Orten lesen kann. Aber Dummheit kann teuer sein. Sehr teuer... und manch einer würde dann lieber ein wenig echtes Blut gegeben haben als finanziell für seine Dummheiten auszubluten.

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

Lesen Sie hier mehr zum Thema
Bern - Der Nationalrat wird nächste ... mehr lesen
Der Nationalrat berät nächste Woche noch einmal.
Brüssel - Die belgischen Zeitungen ... mehr lesen
Die Swissair-Verantwortlichen gelten als Hauptschuldige für den Niedergang der belgischen Sabena.
Bülach - Die Freisprüche im ... mehr lesen
Der Grüne Nationalrat Daniel Vischer fordert eine parlamentarische Untersuchungskommission.
Weitere Artikel im Zusammenhang
 
Sechs Jahre nach der Swissair hat auch die Zürcher Staatsanwaltschaft vor dem Bülacher Bezirksgericht ein wunderbares ... mehr lesen
Bülach - Die Anklageschrift der ... mehr lesen
Mario Corti bekommt auch fast eine halbe Million Franken Entschädigung. (Archivbild)
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
«Hier hätte ich noch eine ...
In den USA ist bei einer Frau mit Harnwegsinfektion zum ersten mal ein Bakterium aufgetaucht, das gegen das letzte Reserve-Antibiotikum resistent ist. Wer Angst vor ISIS hat, sollte sich überlegen, ob er seinen Paranoia-Focus nicht neu einstellen will. Denn das hier ist jenseits aller im Alltag sonst verklickerten Gefahren anzusiedeln. mehr lesen 4
Durch ungeschickte Avancen von SBB- und Post-Chefs, droht die Service-Public-Initiative tatsächlich angenommen zu werden. Von bürgerlicher Seite her solle laut einem Geheimplan daher ein volksnaher ... mehr lesen
Künftig mindestens 500'000.-- und die ganze Schweiz inklusive: SwissPass, der schon bald mal GACH heissen könnte.
Urversion von IBM's Supercomputer WATSON: Basis für 'ROSS'... und unsere zukünftigen Regierungen?
Eine renommierte US-Kanzlei stellt einen neuen Anwalt Namens Ross ein. Die Aufgabe: Teil des Insolvenz-Teams zu sein und sich durch Millionen Seiten Unternehmensrecht kämpfen. Und nein, ROSS ist kein armes Schwein, sondern ein ... mehr lesen  
In letzter Zeit wurden aus Terrorangst zwei Flüge in den USA aufgehalten. Dies, weil Passagiere sich vor Mitreisenden wegen deren 'verdächtigen' Verhaltens bedroht fühlten. Die Bedrohungen: Differentialgleichungen und ein ... mehr lesen
Sicherheitskontrolle in US-Airport: 95% Versagen, 100% nervig.
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
saleduck.ch, Logo
Shopping «Wär hetts erfunde?» Zwei Jahre nach der Gründung erhält Saleduck.ch eine neue Plattform und wird zu einer Deal Community. Neben einem neuen Layout bieten sich auch für Netzwerke und Advertiser viele ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Obama in Hanoi mit der Präsidentin der Nationalversammlung, Nguyen Thi Kim Ngan auf einer Besichtigungstour: Willkommenes Gegengewicht zu China.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Mi Do
Zürich 16°C 34°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig recht sonnig
Basel 18°C 35°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig sonnig
St. Gallen 17°C 31°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig sonnig
Bern 17°C 33°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig sonnig
Luzern 18°C 33°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig sonnig
Genf 18°C 33°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig sonnig
Lugano 21°C 32°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig sonnig
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten