Kein Sonderschutz für religiös Beleidigte!
publiziert: Mittwoch, 29. Okt 2014 / 10:31 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 29. Okt 2014 / 14:56 Uhr
Angezeigter Kabarettist Dieter Nuhr: Sollen Witze über Religion strafrechtlich relevant sein?
Angezeigter Kabarettist Dieter Nuhr: Sollen Witze über Religion strafrechtlich relevant sein?

Darf der deutsche Kabarettist Dieter Nuhr über den Islam und den Koran lachen? Ja, in einer freiheitlichen Gesellschaft muss er lachen dürfen. Darf der beleidigte Muslim Erhat Toka ihn deswegen anzeigen? Ja darf er.

2 Meldungen im Zusammenhang
Weiterführende Links zur Meldung:

FAZ zur Anzeige gegen Dieter Nuhr
Feuilleton-Beitrag zur Anzeige gegen den deutschen Kabarettisten.
faz.net

Weltweit sind Blasphemiegesetze in Kraft, die eigens dafür geschaffen wurden, Religionen vor Kritik zu schützen und den besonders leicht Beleidigten einen besonderen strafrechtlichen Hebel in die Hand zu geben - solche Gesetze gehören abgeschafft!

Gläubige aller Couleur müssen ertragen, dass das, was ihnen heilig erscheint, anderen komplett absurd vorkommt. Tiefgläubige Christen etwa glauben ja mit einigem Stolz angeblich gerade deshalb, also nicht trotz, sondern weil es absurd ist: «Creo quia absurdum». Als private Meinung ist das zu tolerieren, staatlichen Schutz verdient das jedoch nicht, und als todernste Doktrin kann das leider auch tödliche Folgen haben.

Es fragt sich aber, wem das Lachen über solche Glaubensvorstellungen was bringt.

Als Ventil für die Irritation gegenüber Fremden scheint das Lachen zu unserer menschlichen Ausstattung zu gehören. Wir vergewissern uns mit Witzen über Fremde unserer eigenen Identität. Der Witz sagt deshalb oft mehr über die eigene Befindlichkeit aus, als über das Fremde. Wenn also die Mehrheitsgesellschaft Witze über eine Minderheit macht, zeigt sie ihre eigene Hilflosigkeit. Aber es bringt nichts, das Fremde zu verlachen, wir müssen uns um die freiheitliche Ordnung im eigenen Staat kümmern.

Die treffendsten Witze sind Insiderwitze, also jene, welche die Menschen über die eigene Kultur machen. Damit begehren sie auf gegen Erstarrungstendenzen und Machtmissbrauch der Oberen. Der Witz bringt hier Selbsterkenntnis und macht Mut zur Veränderung oder wenigstens Distanz zu den Dogmen. Gesellschaften, in denen das Lachen verboten ist, ob per Dekret oder angedrohter Höllenstrafe, sind unfrei. Und so lange Muslime keine muslimische Kabarettisten beklatschen können, die ihre eigene Kultur auf die Schippe nehmen, solange ist ihre Religion eine freiheits- und damit menschenfeindliche Doktrin.

Sollen Witze über religiöse Dogmen aber strafrechtlich relevant sein? Darf der beleidigte Muslim den Kabarettisten anzeigen? Ja, das darf er. Weil wir immer noch Blasphemiegesetze haben, die dafür eigens geschaffen wurden, religiös Beleidigten eine rechtliche Waffe in die Hand zu geben, mit der guten Absicht, den «religiösen Frieden» zu schützen. Aber es sind heute längst nicht mehr diese Gesetze, die hierzulande den religiösen Frieden schaffen, sondern es ist die Gelassenheit der Menschen, die sich in der Schweiz immer mehr von den religiösen Dogmen befreien: 85 Prozent der SchweizerInnen sehen mittlerweile in der Religion primär Konfliktpotenzial und 69 Prozent stehen selber der organisierten Religion distanziert gegenüber oder haben sich bereits völlig davon gelöst.

Die Politik hingegen bemüht sich krampfhaft, diese Erkenntnis zu ignorieren: Da werden neue Gesetze zur Privilegierung von Religionsgemeinschaften gefordert und da wird frei von jeglichen wissenschaftlichen Belegen von der «Integration durch Religion» geplappert.

Und um Integration geht es im Wesentlichen: Integrieren wir die nur noch rund 17 Prozent der Frommen aller Couleur also in unseren freiheitlichen Rechtsstaat, indem wir sie für voll nehmen und ihnen auch Spott zumuten, statt sie und ihre Dogmen mit Sonderbehandlung zu verwöhnen und zu stigmatisieren..

Als SpötterInnen sollten wir uns jedoch fragen, ob wir nicht noch mehr tun könnten, als unsere Abwehrinstinkte zu bedienen.

(Reta Caspar/news.ch)

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Ein Katholik schreibt:
Replik Dieter Nuhrs Witze über den Islam müssen erlaubt sein.
Von GiuseppeGracia*

Gipfel der Korrektheit

Der deutsche Comedian Dieter Nuhr bringt mich regelmässig zum Lachen. Fast ebenso regelmässig macht er seine Witze auf Kosten der katholischen Kirche. Das Ist kein Problem. In den deutschsprachigen Ländern ist die Kirche mit allen barmherzig - solange sie brav die Kirchensteuer zahlen. Nun zeigt sich: Das Problem bei Dieter Nuhr ist, dass er auch Witze über den Islam macht; Deswegen hat nun jemand ohne Witz eine Strafanzeige gegen ihn eingereicht (ansonsten ist Mohammed ja sehr humorvoll). Zu diesem Vorfall schrieb der «Tages Anzeiger», Dieter Nuhr sei wohl nicht klar, was er mit seinen Aussagen bei «Islamhasserrn bewirke (TA vom Dienstag). Satire sei «nur dann problemlos», wenn sie sich «gegen uns selbst» richte. Wie bitte? Bei uns soll die Meinungsfreiheit nicht mehr gelten? Beziehungsweise nur noch unter Berücksichtigung des Minderheitenschutzes? Das wäre die Herrschaft der politischen Korrektheit über die freie Rede. Man denke zum Beispiel an Minderheiten wie die Neonazis oder die Abzocker! Und stelle sich vor, was ihnen alles zustossen könnte, wenn ich meinen Widerwillen gegen Demokratiehasser oder Casinokapitalisten unzensiert von mir gebe. Meine Aussagen könnten von gewaltbereiten Linken und Antiglobalisierern missbraucht werden. Und man denke an rechtgläubige Katholiken.
Die sind gemäss jüngster Nationalfondsstudie jetzt auch eine Minderheit. Es wäre nicht mehr so einfach, in den Medien bedenkenlos über sie herzuziehen. Eine heikle Situation, gerade auch für den «Tages-Anzeiger».
Und ich gebe zu: ein verlockender Gedanke.
Trotzdem halte ich fest an der vollen Meinungsfreiheit für alle, solange keine Grundrechte verletzt werden. Ich finde: Auch durch eine raffinierte Hintertür wie die Sorge um Minderheiten darf die Meinungsfreiheit nicht relativiert werden. Und Dieter Nuhr soll sich treu bleiben. Er kann auch Minderheiten dazu bringen, über sich selbst zu lachen - unabhängig von Ethnie, Religion und sexueller Ausrichtung.
* Giuseppe Gracia ist Medienbeauftragter
von Bischof Vitus Huonder in Chur. Tagesanzeiger vom 31. Oktober 2014

Kein SVP-ler würde jemals so viel Kritik ertragen, wie dieser katholische Beamte sie geradezu fordert. Diese Dumpfbacken würden wieder von SVP-Hassern und -Bashern und so was vor sich hin murren. Dummheit und Humor sind halt nicht aus dem gleichen Holz geschnitzt.

Giuseppe Garcia, ich liebe Sie! Und ich denke wie der Nuhr über den Katholizismus!
Religiöse Gefühle
Was ist das konkret? Wie kann man nur solche abstrusen Formulierungen zur Gestaltung eines Gesetzes heranziehen!
Lieber Dieter Nuhr, erhalte uns die Meinungs- und Redefreiheit und lass dich nicht beirren von Leuten, die geistig noch im Mittelalter leben! Die meisten , die dich angreifen, wissen gar nicht, welchen Unsinn sie glauben! Du machst lediglich manchmal drauf aufmerksam!
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