Keine falschen Signale!
publiziert: Donnerstag, 29. Okt 2015 / 09:17 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 29. Okt 2015 / 10:39 Uhr
Auch wenn's nicht so aussieht: Die Paulskirche ist keine Kirche mehr.
Auch wenn's nicht so aussieht: Die Paulskirche ist keine Kirche mehr.

Navid Kermani hat kürzlich seine Dankesrede für den Friedenspreis in der Frankfurter Paulskirche mit einem Gebet beendet. Einige Kommentatoren reagierten irritiert - mit Recht. Es muss wohl künftig explizit in derart genutzte Kirchen geschrieben werden, dass man sich hier in einem säkularen Rahmen befindet, denn die Optik gibt falsche Signale.

1 Meldung im Zusammenhang
Weiterführende Links zur Meldung:

Umgenutzte Kirchen - 1
Wikipedia über die Brauereikirche in Haarlem
wikipedia.org

Umgenutzte Kirchen - 2
Grabeskirche St. Josef in Aachen.
german-architects.com

Informationen zur Paulskirche
Geschichte und Infos zur Paulskirche in Frankfurt.
frankfurt.de

PDF zu «Religion im Fernsehen»
Die in der Kolumne angeführte Stelle findet sich auf Seite 3.
nfp58.ch

Europaweit werden derzeit Kirchen umgenutzt. Unproblematisch sind Nutzungen als Grabstätten (sic!) (z. B. Grabeskirche St. Josef in Aachen) oder private Nutzungen als Wohn- oder Büroräume. Ebenfalls unproblematisch sind öffentliche Nutzungen wie Konzerträume, Bibliotheken oder Galerien, oder kommerzielle Nutzungen wie z.B. eine Bierbrauerei samt Bar (z. B. die Jopenkerk in Haarlem, NL).

Anders sieht es aus, wenn der Staat selbst die Räume nutzt, oder sie für staatlich beaufsichtigte Aufgaben bereitgestellt werden. Da kann unter anderem ein klares Zeichen - architektonisch oder mittels einer Inschrift - nötig sein, damit die religiöse Sprache der Architektur nicht mit der aktuellen Nutzung in Verbindung gebracht wird.

Besonders schwierig wird es, wenn in solchen - längst nicht mehr religiös genutzten - Räumen gesellschaftspolitische bedeutende Anlässe durchgeführt werden. Wenn dann noch Akteure beteiligt sind, die mit der europäische Säkularisierung wenig vertraut sind, kann die religiöse Sprache der Architektur sie dazu verleiten, den Anlass und das Publikum als religiös konnotiert zu verstehen.

Das ist wohl in der Frankfurter Paulskirche geschehen.

Als grösster und modernster Saal Frankfurts bot sie sich 1848 «als Sitz für das erste gesamtdeutsche Parlament an. Hier schuf die Nationalversammlung die erste demokratische Verfassung für Deutschland. Auch nach Auflösung des Parlaments fanden in der Paulskirche nationale Gedächtnisfeiern statt. Zur Gedenkstätte wurde die Paulskirche 1913 während der Jahrhundertfeier zum Gedenken an die Freiheitskriege. 1944 wurde die Paulskirche komplett zerstört. Ihr Neuaufbau begann kurz nach Kriegsende. Eingeweiht wurde sie am 18. Mai 1948 anlässlich der Hundertjahrfeier der Deutschen Nationalversammlung. Seitdem dient sie ausschliesslich als Ort der Erinnerung an den Beginn der deutschen Demokratie.»

Diese Kirche wurde also zum Ort konfessionsloser, zivilreligiöser Feierstunden der Bundesrepublik u. a. für den seit 1950 vergebenen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Wenn nun ein Preisträger - iranischer Abstammung, aber in Deutschland geboren und aufgewachsen und mit der deutschen Realität sogar bestens vertraut - wenn also ein bestens integrierter Vorzeigemuslim an einem Anlass in der Paulskirche zum Gebet auffordert, dann dürfte ihn möglicherweise die religiöse Sprache deren Architektur dazu verleitet haben. Ein Jahr zuvor, bei seiner Rede zu «65 Jahre Grundgesetz» vor dem deutschen Parlament hat er es jedenfalls nicht getan.

Die Macht der Optik darf nicht unterschätzt werden. Christliche Symbole dominieren den öffentlichen Raum unserer religiös distanzierten Gesellschaft im Übermass. Dasselbe gilt für das Fernsehen, wo oftmals Kirchen oder religiöse Symbole ins Bild rücken, obwohl sie mit dem Inhalt der Meldung gar nichts zu tun haben.

2010 hat im Rahmen des NFP 58 eine Studie an der Uni Fribourg ergeben: «Religionen sind, wenn auch nicht immer explizit, im Fernsehalltag der Schweiz allgegenwärtig. In einer ersten flächendeckenden Analyse wurden alle Sendungen und Beiträge markiert, in denen mindestens ein - auf welche Religion auch immer bezogenes - religiöses Symbol identifizierbar war (ˏTagging´), vom Kreuz um den Hals des Sportlers bis zur Kirche als architektonischem Artefakt. Im Durchschnitt aller Programmsparten ist in Folge der sehr offenen Codierung in fast der Hälfte aller Untersuchungseinheiten ein Religionsbezug feststellbar (48 Prozent).» Die AutorInnen wiesen klar darauf hin, dass diese Omnipräsenz religiöser Symbole von den Einheimischen infolge optischer Gewöhnung kaum mehr als solche wahrgenommen, von Zugewanderten aus anderen Kulturkreisen aber ganz anders verstanden wird.

Mit dem heute noch verbreitetem Hang des Denkmalschutzes zur Erhaltung aller sakralen Gebäude handeln wir uns also das Problem ein, dass unsere Umgebung strotzt von religiösen Symbolen und den Anschein erweckt, dass hier allenthalben religiös gelebt wird.

Hüten wir uns deshalb von einem Übermass an falschen Signalen.

(Reta Caspar /news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
1
Forum
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Begrifflichkeit
Kann denn ein solches Haus nicht schon mal mit einem anderen Begriff gekennzeichnet werden? Das Wort "Paulskirche" verleitet doch dazu anzunehmen, es handelt sich tatsächlich um eine immer noch als Kirche genutzte Baute.
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
Händeschütteln: Zum Schutz von sich selbst und anderer diese Tradition aufgeben?
Händeschütteln: Zum Schutz von sich selbst ...
Kein Zusammenprall der Zivilisationen sondern der Fundamentalisten ist es, wenn ein von Pubertierenden verweigerter Handshake hierzulande zur Staatsaffäre wird. mehr lesen 
Secondos haben vor ein paar Jahren vorgeschlagen, die Schweizerfahne durch die Tricolore der Helvetischen Republik zu ersetzen. Das ging selbst fortschrittlichen Politikerinnen zu weit. Warum? Symbole haben sich in der ... mehr lesen
Polderturm in Emmeloord: Areligiöses Symbol der gemeinschaftlichen Werte.
Jyllands Posten Kulturchef Flemming Rose: Nicht Vertreter des aufklärerischerischen sondern des romantischen Liberalismus
Die Politologin Gina Gustavsson von der Universität Uppsala hat die Argumentationen im Karikaturenstreit analysiert. Sie stellt fest, dass in dieser Debatte den religionskritischen Äusserungen vorschnell ein aufklärerischer ... mehr lesen  
Die Vorkommnisse in der Silvesternacht in Köln und in anderen Städten geben einer besonderen Sorte von Zeitgenossinnen und -genossen Auftrieb: Frauenbeschützern, die einheimische Frauen bedroht sehen von einfallenden Horden ... mehr lesen
Sexuelle Belästigung: «Frauen sollten sich deshalb niemals der Illusion hingeben, gleichzeitig beschützt und frei zu sein.»
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
saleduck.ch, Logo
Shopping «Wär hetts erfunde?» Zwei Jahre nach der Gründung erhält Saleduck.ch eine neue Plattform und wird zu einer Deal Community. Neben einem neuen Layout bieten sich auch für Netzwerke und Advertiser viele ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Obama in Hanoi mit der Präsidentin der Nationalversammlung, Nguyen Thi Kim Ngan auf einer Besichtigungstour: Willkommenes Gegengewicht zu China.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Do Fr
Zürich 0°C 12°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig freundlich
Basel 3°C 14°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich Wolkenfelder, kaum Regen
St. Gallen 11°C 11°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig freundlich
Bern -1°C 12°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich wechselnd bewölkt
Luzern 1°C 11°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig freundlich
Genf 0°C 13°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig Wolkenfelder, kaum Regen
Lugano 5°C 11°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt wechselnd bewölkt
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten