Kinder der Austerität
publiziert: Montag, 8. Apr 2013 / 11:45 Uhr / aktualisiert: Montag, 8. Apr 2013 / 13:37 Uhr
Methylisierung der DNA: Stress, Angst und Unsicherheit, fest geschrieben im Erbgut.
Methylisierung der DNA: Stress, Angst und Unsicherheit, fest geschrieben im Erbgut.

Die Sparpolitik in den Krisenstaaten der EU hat bereits dramatische Ereignisse in den Leben der betroffenen gezeitigt. Selbstmordraten steigen dramatisch an und unzählige Familien stehen vor dem sprichwörtlichen Nichts. Der Einfluss auf die Kinder könnte verheerend sein - auf Jahrzehnte hinaus.

1 Meldung im Zusammenhang
Je länger sich Forscher mit dem Erbgut beschäftigen, je mehr wissen sie über unsere DNA, desto mehr Fragen stellen sie und desto komplexer erscheinen die Vorgänge, welche die entscheidenden biologischen Vorgänge in unseren Zellen steuern.

Die Epigenetik ist noch gar nicht in das populäre Wissen vorgedrungen, obwohl dieses Phänomen genau so wichtig ist, wie die eigentliche DNA. Epigenetische Vorgänge bestimmen, welche Proteine von der DNA erzeugt und welche Vorgänge unterdrückt werden. Gesteuert werden diese Vorgänge durch Methyl-Gruppen (CH3). Methyl ist ein organisches Molekül das sich an die DNA-Basis Cytosin anhängen kann.

Passiert dies, rollt sich der methylierte Bereich der DNA enger auf und kann so die dort verschlüsselten Proteine nicht mehr per RNA erzeugen lassen. Die Methylgruppen heften sich dabei nicht nur kurzzeitig an - sie können sich permanent an die DNA anheften und sogar an kommende Generationen vererbt werden. Dieses genetische Extra ist zum Teil schon seit den 1970er Jahren bekannt und spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von manchen Krebsarten.

Lange Zeit wurde angenommen, dass die Methylisierung von Genen nur durch molekulare Signale ausgelöst werden könnten. Doch Beobachtungen an Rattenbabies in den frühen 2000er Jahren deuteten darauf hin, dass diese, wenn sie von ihren Müttern nur selten geleckt und widerwillig gesäugt wurden, zu nervösen, gestressten Ratten, solche die liebevoll umsorgt wurden, hingegen zu stressresistenten, zufriedenen Tieren heranwachsen. Die Ursache dafür war die Methylisierung der Gene in den Rattenhirnen, welche die Produktion von Glucocorticoidrezeptoren steuern, die die Empfindlichkeit gegenüber Stresshormonen regulieren.

Der Schritt zum Menschen war da nur logisch und die seit einigen Jahren gesammelten Resultate zeichnen ein klares Bild. 2008 zeigte eine Untersuchung der Hirne von Selbstmördern im Vergleich zu denen Gleichaltriger, die eines anderen Todes gestorben waren, eine exzessive Methylisierung von Genen im Hippocampus, einer Hirnregion, die vor allem für Gedächtnisleistung und Stressverarbeitung zuständig ist. Und wenn die Selbstmörder Opfer von Kindsmisshandlung geworden waren, war die Methylisierung noch höher.

Eine Genstudie in England zeigte eine hohe Metyhlisierung von Genen von Menschen, deren Familien während ihrer frühen Kindheit grosse materielle Not gelitten hatten. Blutproben von 14 Kindern aus russischen Waisenhäusern zeigten eine weit höhere Methylisierung des Genoms als jene von Kindern, die durch die biologischen Eltern aufgezogen wurden.

Diese Vorgänge erklären auch die massenhafte Unfähigkeit von traumatisierten jungen Kriegsflüchtlingen auch später im Leben wieder Fuss zu fassen. Besonders, wenn die Familien selbst im Ganzen zerrüttet wurden und auch später keinen Halt und keine Liebe bieten konnten, zeigt sich doch auch, dass die Effekte im Hirn durch grosse Zuneigung und Sicherheit im Umfeld zum Teil wieder umgedreht werden können.

Womit wir nun mitten in der Eurokrise gelandet wären. Millionen von Familien stehen momentan vor dem wirtschaftlichen Abgrund und es ist mehr als wahrscheinlich, dass der Stress der Eltern, ihre Existenzangst und auch die finanzielle Not Spuren in den Hirnen der kleinen Kinder hinterlassen wird. Denn Stress, Angst und Unsicherheit verhindern vielfach, dass sich Eltern noch so um ihre Kinder kümmern können wie sie dies wollen und diese es vor allem in frühen Jahren brauchen.

Hoffentlich wird es nicht soweit kommen, aber einiges deutet aus epigenetischer Sicht darauf hin (siehe die Studie aus Grossbritannien), dass hier eine Generation heranwachsen könnte, die ängstlicher, nervöser und weniger leistungsfähig sein wird, die betroffenen Länder also auf Jahrzehnte hinaus auch eine Schwächung ihres Humanpotentials erleben werden. Im Angesicht der ohnehin schon riesigen Probleme dieser Nationen würden diese Kinder der Austerität ein weiteres Problem sein, eine Generation, denen der Niedergang ihrer Heimat und der wirtschaftliche Ruin ihrer Familie regelrecht in die Gene ihres Hirns geschrieben worden ist.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

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Worum geht es hier?
Was ist eigentlich das Ziel dieser Schreibe? EU-Bashing? Oder eine Warnung an die Schweizer, diesem Gebilde nicht beizutreten? Oder die Erfüllung eines Schreibauftrags für eine bestimmte Anzahl Zeilen? Oder geht es darum, das Expertenwissen des Kolumnisten einer breiten Öffentlichkeit darzulegen? Oder soll einfach der Leserschaft ihre lausige Bildung vor Augen geführt werden ("es kann doch nicht sein, dass Sie nicht wissen, was eine RNA ist ...")
Kinder der Austerität
erschreckend logisch! Die Prägungen der ersten Jahre der Kinder, die so wichtigen ersten Jahre, da sich kein Boden des Vertrauens, der Sicherheit bilden kann, sich fest setzt, ein Leben lang. Welche Folgen dies hat, sehr unterschiedlich im Erwachsenenalter gelebt wird, nicht voraus sehbar. Was tun wir den Kindern an, der Welt, uns!!
Nichts besonderes.
Auch wir Europäer sind die Nachkommen einer Generation von durch Krieg und Elend betroffenen.

Dass die Lebenserfahrung schon von frühester Kindheit an den Lebensmut beeinflusst, ist schon länger bekannt. Allerdings sind mir die Menschen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit eher als besonders zäh, denn als besonders suizidgefährdet bekannt.

Wie auch immer - irgendwie fehlt diesem Beitrag der Bezug zur Auswirkung der genetischen Veränderung. Interessant wäre nun, zu erfahren, ob die Methylisierung der DNS auch und in welcher Form an die Nachkommenschaft vererbt wird.
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