Kirchliches Hyperventilieren wegen Lehrplan 21
publiziert: Freitag, 3. Jan 2014 / 08:27 Uhr / aktualisiert: Freitag, 3. Jan 2014 / 11:16 Uhr
Lehrplan 21: In die Schule gehört Bildung und nicht Religion. Ist das schon Diskriminierung?
Lehrplan 21: In die Schule gehört Bildung und nicht Religion. Ist das schon Diskriminierung?

Etablierte religiöse Kreise (sprich: Landeskirchen und ihre Parteigänger) sehen ihre Interessen im Lehrplan 21 unterrepräsentiert und sich selbst diskriminiert, weil sie Gleichbehandlung erfahren: Skandalon!

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Im Dezember des abgelaufenen Jahres konnte man den Medien entnehmen, dass die Bischofskonferenz mit dem Entwurf des Lehrplans 21 nicht zufrieden sei. Auch die evangelische Kirche pflichtete bei und die EVP hing an die grosse mediale Glocke, dass im Lehrplan 21 «zu wenig Jesus stecke». Das Christentum habe gefälligst privilegiert zu werden. Es habe Grundlage der Volksschule zu sein.

Man kann das alles auch unaufgeregter als die religiöse Lobby sehen. Objektiv, angemessen. Beim Lehrplan 21 handelt es sich um ein Harmonisierungsprojekt von 21 Kantonen. Mit ihm soll ein Verfassungsauftrag umgesetzt werden und ohne allzu viel Zentralisierung soll doch eine gewisse Vereinheitlichung stattfinden, so dass z.B. der kantonsübergreifende Wohnortswechsel von Familien mit schulpflichtigen Kindern leichter vonstatten gehen kann. Im aktuellen Entwurf werden in verschiedensten Bereichen die Kompetenzen festgelegt, über welche Schülerinnen und Schüler verfügen sollen.

Bezüglich Religionsunterricht ist die Sache klar: Der konfessionelle Religionsunterricht (also der Bekenntnisunterricht, 'teaching in religion') wird im Lehrplan 21 nicht behandelt. Dieser Unterricht ist Sache der Kirchen, Religionsgemeinschaften oder der Familie, er hat also ausserhalb der staatlichen Schule stattzufinden. In den Fächern 'Mensch, Umwelt, Gesellschaft' oder 'Ethik, Religionen, Gemeinschaft' kommen jedoch auch Themen vor, welche Religion als Untersuchungs- und Diskussionsgegenstand haben. Es ist jedoch religionswissenschaftlicher, konfessionsübergreifender oder bekenntnisneutraler Unterricht, also 'teaching about religion'.

Gegen einen solchen Unterricht ist wenig oder nichts einzuwenden. Wer von Religionen nichts weiss, kann nahezu keine Tagesschau angemessen verstehen, er ist kulturell analphabetisch, was viele Kunstwerke betrifft und es würde ihm wohl auch im Umgang mit gläubigen Mitmenschen einiges fehlen. Ein gewisses objektives Grundwissen, welches auch die Toleranz und das gegenseitige Verständnis fördern soll, ist zu begrüssen. Das ist den religiösen Funktionären und den ihnen traditionell zugetanen Politikern aber freilich nicht genug. Sie fordern eine absolute Privilegierung des Christlichen in der Volksschule. Manchmal fügen sie aus strategischen Gründen noch andere Adjektive hinzu. Dann sollen allenfalls die jüdisch-christlichen Werte, Wurzeln und Traditionen oder das christlich-abendländische Weltverständnis zentral sein.

Die Schweiz und Europa wurden vom Christentum stark mitgeprägt. Es ist heute aber nicht mehr zeitgemäss, das Christentum als Grundlage für unser gesellschaftliches Zusammenleben zu bezeichnen. Die griechische Antike hat zu unserem politischen und ethischen System wahrscheinlich sogar mehr beigetragen als das Christentum. Das Rechtssytem ist auch kein christliches, sondern eher ein römisches. Und vergessen wir nicht, dass gerade viele jener Rechte, welche wir heute als unverzichtbar, zumindest aber für sehr wichtig erachten, GEGEN den erbitterten Widerstand der christlichen Kirchen erkämpft werden mussten: Prügelverbot, Recht auf Scheidung, Pressefreiheit, Kunstfreiheit, Meinungsäusserungsfreiheit, Gleichberechtigung von Frau und Mann, allgemeines Wahlrecht, Recht auf Abtreibung usw. Die Werte des Humanismus und die Errungenschaften der Aufklärung sind oft geradezu anti-christlich.

Es ist freilich ein Rückzugsgefecht der Achse der Religiösen, das hier veranstaltet wird. Sie wollen den Zugriff auf die Kinder und Jugendlichen noch möglichst lange aufrecht erhalten, sie merken, dass ihnen die Felle davonschwimmen. Es ist verständlich: Würden die religiösen Ideen nicht in jungen Jahren eingetrichtert, sie setzten sich nur noch schlecht fest in kritischeren, jugendlichen oder erwachsenen Gehirnen. Die Nationalfondsstudie NFP 58 hat unlängst festgestellt, dass 64% der Schweizerinnen und Schweizer ein distanziertes Verhältnis zu institutionalisierter Religion haben. Auch in dieser Hinsicht ist es überholt, in der Schule so zu tun, als ob Religion - und da ausgerechnet nur die christliche - für die Mehrheit tatsächlich noch zentral wäre. Viele sind nur noch Taufschein- und Weichspülchristen, welche eine Kirche etwa drei Mal pro Jahr von innen sehen.

Der Aufschrei der religiösen Lobby war aber trotzdem ziemlich laut. Wer über sehr lange Zeiträume stets privilegiert wurde, wem Sonderrechte noch und noch zugebilligt wurden, wer fast frei schalten und walten, fordern und einstreichen konnte... Für den ist es halt fast schon eine Beleidigung, wenn man plötzlich wie alle anderen behandelt werden soll. Dass sie keine Sonderstellung mehr einnehmen sollen, ist für sie ein Affront, es wird sogar als regelrechte Diskriminierung wahrgenommen.

Sehen wir das Positive am aktuellen Entwurf des Lehrplans 21: Kritisches Denken soll gefördert und gefordert werden, auch nicht-religiöse Weltanschauungen sollen Platz haben und thematisiert werden, die Evolutionslehre wird in allen Kantonen Pflichtstoff und die Vorbereitung auf religiöse Rituale hat ausserhalb der Volksschule stattzufinden. Aus Freidenker-Sicht sollte der Lehrplan freilich weiter gehen, als er dies aktuell tut: Echte und grundsätzliche Kritik am religiösen Glauben ist nicht vorgesehen. Das Thema einer weltlichen, entschieden unreligiösen Ethik wird zu wenig behandelt. Und wir werden aufmerksam bleiben müssen, dass in den Kantonen nicht noch vieles weiter verwässert wird. Die CVP hat sich der Schelte, welche die Bischofskonferenz und die EVP vorbrachten, übrigens nicht angeschlossen, hat sich sogar hinter das Modell des 'teaching about religion' gestellt. Insbesondere in den traditionell eher mit Katholizismus belasteten Kantonen wird die Gefahr jedoch gross sein, dass doch wieder viel Bekenntnis hineingepackt wird und die CVP in die altbekannte Rolle der Kirchenlobbyisten zurückfallen wird.

Die Hoffnung bleibt jedoch bestehen: Dass in immer mehr Kantonen auch in der obligatorischen Schule ankommt, was in der Gesellschaft längst Realität ist: Religion ist kein das Leben bestimmender Wert mehr. Sie ist Folklore und Tradition, tiefgläubig sind die meisten Menschen hierzulande nicht mehr. Für unser Zusammenleben sind die Menschenrechte, demokratische Grundhaltung, Toleranz und Solidarität wichtig. Und die wenigsten sehen noch ein, dass man diese Werte religiös begründen muss.

Auch die Freidenker-Vereinigung der Schweiz hat bei der Konsultation zum Lehrplan 21 ausführlich Stellung bezogen und sieht mehr Positives als Negatives im aktuellen Entwurf. Den wichtigsten Punkt müssen wir vielleicht noch etwas verteidigen, bis er überall durchgesetzt und umgesetzt sein wird: Religion (als 'teaching in religion') hat an der Volksschule nichts zu suchen. Ganz nach dem Motto: Haltet das Bekenntnis und das Beten aus unseren Schulen raus, und wir versprechen, dass wir nicht in eure Gotteshäuser kommen, um dort kritisch und frei zu denken!

(Valentin Abgottspon/news.ch)

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