Marihuana für alle
Klarer Kopf im Weissen Haus: Gesetzlich nicht vorgeschrieben
publiziert: Freitag, 24. Jan 2014 / 13:41 Uhr
In Colorado ganz legal.
In Colorado ganz legal.

Da liegt etwas in der Luft: In den USA ändert sich die Einstellung zum Marihuana-Konsum - nicht nur beim Präsidenten.

5 Meldungen im Zusammenhang
«Als Junge habe ich Marihuana geraucht, und ich halte es für eine schlechte Angewohnheit und ein Laster - nicht viel anders als die Zigaretten, die ich früher geraucht habe», sagte Obama diese Woche in einem Interview mit dem New Yorker Magazin. «Ich denke nicht, dass es gefährlicher ist als Alkohol.»

Seit Beginn des Jahres ist der US-Bundesstaat Colorado der erste Ort auf der Welt, an dem es einen ganz legalen und regulierten Marihuana-Markt gibt.

Der Rest des Landes beobachtet das Treiben erstaunt, empört oder amüsiert, und wartet gespannt, was passiert, wenn sich ein ganzer Staat plötzlich zudröhnen darf.

In Wahrheit sind die Auswirkungen jedoch wenig bemerkenswert. Seit Inkrafttreten des Gesetzes am 1. Januar diesen Jahres, kam es weder zu einem massenhaften Auftreten von Gewalt, der vermehrten Vernachlässigung von Kindern und Jugendlichen oder unkontrollierbaren nächtlichen Heisshungerattacken. Colorados Experiment hat sich schnell von einer Sensationsnachricht in einen Normalzustand verwandelt. Auch im Bundesstaat Washington, der im Nordwesten der USA liegt, hat man den Verkauf und Genuss von Cannabis legalisiert. In wenigen Monaten soll es auch dort möglich sein, in bestimmten Läden offiziell Marihuana zu kaufen. Insgesamt 18 Bundesstaaten sowie Washington, D.C., gestatten in Ausnahmefällen den Konsum von Marihuana, vor allem für medizinische Zwecke.

Der Wandel in der Gesellschaft ist spektakulär. In Amerika verteufelte man den «Kifferwahn», wie ihn ein Hollywoodfilm einst bezeichnete, bereits vor dem Zweiten Weltkrieg, und zwar lange Zeit, bevor das Land Gefahren durch Nazis und Kommunisten wahrnahm.

Marihuana gelangte Anfang des 20. Jahrhunderts mit den mexikanischen Einwanderern in die USA. Schnell wurde die Droge mit all den Vorurteilen in Zusammenhang gebracht, die man den Mexikanern nachsagte: Faulheit, Laszivität und Kriminalität.

Krieg gegen Drogen

In den 70er Jahren erklärte Nixon «den Krieg gegen Drogen» (War on Drugs) und Ronald Reagan schloss sich später diesem Kampf an, der laut der amerikanischen Bürgerrechtsunion ACLU jährlich mehr als dreieinhalb Milliarden Dollar gekostet hat.

Der Sieger nach all den Jahren ist aber das Marihuana. Heute konsumieren die Amerikaner Cannabis öfter als alle anderen illegalen Drogen zusammen. Unsere letzte Umfrage ergab, dass 52 Prozent der Amerikaner einräumen, in ihrem Leben mindestens einmal Gras geraucht zu haben. Da Befragte im Allgemeinen dazu neigen, ihre Laster zu verschweigen, dürfte die Dunkelziffer weit höher liegen.

Vielleicht ist das der Grund, warum ganze 55 Prozent der Amerikaner der Meinung sind, man solle Marihuana legalisieren. Das sind mehr als doppelt so viele Menschen wie in den 90ern und mehr als dreimal so viele wie in den 70er und 80er Jahren.

USA kein Ausnahmefall

Die USA sind damit kein Ausnahmefall. Seit Dezember ist in Uruguay der Anbau von Cannabispflanzen legal. Im Laufe des Jahres wird zudem der rechtliche Rahmen geschaffen, der den offiziellen Verkauf der Droge ermöglichen soll.

Die Niederlande, die für ihre liberale Drogenpolitik bekannt sind, legalisierten Marihuana zwar nie gänzlich, doch der Konsum wird toleriert. In Portugal wird der Besitz geringer Mengen ähnlich wie ein Parkverstoss geahndet. Und die kanadische Regierung gibt Marihuana zur medizinischen Verwendung an bedürftige Patienten ab.

Krieg gegen Drogen lange nicht vorbei

Damit ist Amerikas Krieg gegen Drogen aber noch lange nicht vorbei. In den meisten Staaten sowie auf Bundesebene ist Marihuana nach wie vor illegal. Jedes Jahr werden hunderttausende Menschen wegen Drogenbesitzes verhaftet.

Die Ungereimtheiten zwischen den geltenden Bundesgesetzen und der Rechtslage in den einzelnen Bundesstaaten sowie zwischen der Überwachung und der öffentlichen Meinung sind erstaunlich und verwirrend - selbst für Amerikaner mit klarem Kopf.

Doch wenn Marihuana mehr und mehr Akzeptanz findet, und das sogar im Weissen Haus, dann ist es auch nicht länger gesetzlich vorgeschrieben, einen klaren Kopf zu behalten.

Über Jonathan Mann:
Jonathan Mann ist Moderator und Korrespondent bei CNN International. Er berichtet regelmässig aus der Zentrale des Nachrichtensenders in Atlanta und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im Print-, Radio- und TV-Journalismus. Seine Kolumne steht in der Schweiz exklusiv für news.ch zur Verfügung.

(Kolumne von Jonathan Mann/CNN-News)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Der Konsum von Marihuana scheint im Bundesstaat Colorado mehr als ausgeprägt zu sein. (Symbolbild)
Denver - Durch Geschäfte mit Kiffern hat der US-Bundesstaat Colorado nach der Legalisierung von Marihuana allein im Januar rund zwei Millionen Dollar an Steuergeldern eingenommen. ... mehr lesen
Washington - US-Präsident Barack ... mehr lesen
Barack Obama hat früher Zigaretten geraucht.
Die Aktienkurse mehrerer an der Produktion und Vermarktung beteiligter Unternehmen sind gestiegen. (Archivbild)
Nach der Legalisierung des Verkaufs von Cannabis im US-Bundesstaat Colorado sind die Aktienkurse mehrerer an der Produktion und der Vermarktung beteiligter Unternehmen am ... mehr lesen
Denver - Erstmals in der Geschichte ... mehr lesen
Ab 2014 können Bürger, die älter sind als 21 Jahre, in Colorado Marihuana legal in Geschäften erwerben.
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
Jonathan Mann moderiert auf CNN International immer samstags, um 20.00 Uhr, die US- Politsendung Political Mann.
Jonathan Mann moderiert auf CNN International immer samstags, ...
US-Wahlen  Noch ist absolut nichts sicher, doch es ist mittlerweile eine absolut realistische und alarmierende Möglichkeit geworden: was hat die Welt zu erwarten, falls Donald Trump wirklich zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt werden sollte? mehr lesen 
Trump: «Wir haben schwache und bedauernswerte Politiker.»
US-Wahlen  Ist Donald Trump der geeignete Mann, Amerika vor dem IS zu beschützen? Oder ist er vielmehr genau ... mehr lesen  
US-Wahlen  Die Geschichte wiederholt sich - und manchmal tut sie das sogar sehr schnell. mehr lesen  
Titel Forum Teaser
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Sa So
Zürich 8°C 20°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich stark bewölkt, Regen
Basel 10°C 20°C wechselnd bewölktleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Wolkenfelder, kaum Regen bewölkt, etwas Regen
St. Gallen 14°C 17°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig bewölkt, etwas Regen
Bern 7°C 19°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Wolkenfelder, kaum Regen gewittrige Regengüsse
Luzern 6°C 20°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich gewittrige Regengüsse
Genf 7°C 21°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt, Regen gewittrige Regengüsse
Lugano 11°C 19°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich Wolkenfelder, kaum Regen
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten