Konzertabsage
publiziert: Dienstag, 29. Mrz 2016 / 07:19 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 29. Mrz 2016 / 13:54 Uhr
Live-Feeling: Vorne spielt eine Band, die ich hinten nicht sehe.
Live-Feeling: Vorne spielt eine Band, die ich hinten nicht sehe.

Neulich war ich wieder einmal an einem Konzert. Und wie immer fragte ich mich beim ersten Taktschlag, was ich hier eigentlich mache.

Das Schönste an einem Konzert ist die Vorfreude, der Rest wird nur noch anstrengend. Gross der Jubel, wenn eine Lieblingsband ankündigt, ein Konzert in der Schweiz zu geben! Ohne gross zu überlegen, ist das Ticket zum Preis eines Billigfluges in eine südeuropäische Stadt auch schon ausgedruckt.

Stolz drapiere ich die Eintrittskarten jeweils so, dass ich mich täglich an ihrem Anblick erfreuen kann. Doch je näher der Tag X kommt, desto weniger passt es in meine Wochenplanung. Weil Konzerte ja meistens an einem Wochentag stattfinden, liegen sie zwischen zwei Arbeitstagen. Mit jedem Tag, an dem das Konzert näher rückt, wird es zum terminlichen Pferdefuss und stört die Work-Life-Balance.

Der Tag X muss schon vorher geplant sein. Weil sich kein Abstecher mehr nach Hause lohnt, geht's meist direkt nach der Arbeit ans Konzert. Das bedeutet wiederum, schon frühmorgens daran zu denken sein Konzert-Outfit anzuziehen, das sowohl bequem als auch nicht zu wertvoll ist, um es mit Bier und Schweiss vollzusauen.

Nach der Arbeit wird die Zeit bis zum Konzert mit einem Essen überbrückt, um nicht schon bei der Vorband unterzuckert im Sanitätsraum zu landen. Leider verdaut man in meinem Alter schnelles, schweres Essen nicht mehr so gut wie in den wilden Jahren und so liegt der Pasta-Teller schwerer auf als der Laptop, den man den ganzen Abend rumschleppen muss, weil man im entscheidenden Moment doch nicht daran gedacht hat, dass man an ein Konzert geht. Scheiss Automatismus!

Noch vor dem Erreichen der Konzert-Location ertappe ich mich beim Gähnen und überlege mir beim Anblick der langen Schlangen vor dem Eingang, ob es nicht für alle das Beste wäre, wenn ich jetzt nach Hause gehen würde. Das ewig lange Warten in der Abendkälte macht zwar wach, aber Stimmung kommt halt beim Sicherheitscheck nicht wirklich auf.

Ist man endlich drin, geht es direkt zur Garderobe. Nochmals anstehen. Soll ich den Laptop hier abgeben - mit all den Daten drauf? Ich hab keine Wahl, wenn ich morgen nicht zum Chiropraktiker will.

An der Bar geht das Anstehen in die nächste Runde. Mit dem Becher Bier fängt sogleich die Suche nach einem geeigneten  Platz an. Das ist bei meiner Körpergrösse nicht einfach. Alle guten Stellen, leicht erhöht oder wo möglich vorne auf der Galerie, sind bereits belegt. Unverständlicherweise sind diese auch bei gross gewachsenen Menschen heiss begehrt. Ich drehe Runde um Runde, kämpfe mich durch aufgekratzte Menschenmengen, verschütte dabei meinen Bierbecher, fülle ihn an der Bar wieder auf und verschütte es noch einmal, weil sich der Vordermann kurzerhand entschlossen hat, seine Schuhe zu binden.

Hat man endlich einen geeigneten Platz mit Sicht auf die Bühne gefunden, meldet sich garantiert die Blase - pünktlich zum Show-Beginn, wenn es auf der Bühne dunkel wird und die Euphorie steigt. Die Enttäuschung ist umso grösser, wenn einem bewusst wird,  dass nun erst mal die Vorband dran ist - mit einer Stunde Verspätung. Oje.

Vorbands sind für niemanden ein Vergnügen. Für das Publikum nicht, die sowieso nicht wegen ihnen gekommen ist und auch für die Band nicht, die für ein Publikum spielen muss, das hofft, sie gehen endlich von der Bühne. Wer jetzt sagt, eine Vorband sei wie das Vorspiel beim Sex, der vergisst, dass nach dem Vorspiel erst mal wieder Umbaupause ist.

Wenn der Haupt-Act dann endlich anfängt, bin ich schon so müde, dass ich mich in die Ecken schlafen legen könnte. Damit dieser Wunsch nicht noch verstärkt wird, pfeife ich mich wach, sobald der Act in die Saiten, Tasten oder Pauken haut.

Doch schon nach dreissig Sekunden sackt bei mir die Freude zusammen wie eine Lunge beim Ausatmen. Ähnlich wie wenn «Sex Machine» angestimmt wird und alle auf die Tanzfläche stürmen und dort merken, dass man dazu eigentlich gar nicht tanzen kann. So geht es mir oft an Konzerten.

Wer kennt schon jeden Song auswendig, um mitgrölen zu können. Einfach die Lippen zu bewegen ist auch peinlich. Ebenso alle Luft-Instrumente wie Schlagzeug, Gitarre oder Keyboard nachzuäffen. Was soll man dann tun? Tanzen? So richtig ausgelassen geht ja sowieso nicht und einfach die Hand auf den Oberschenkel schlagen und mit dem Fuss wippen wie ein Sekundarlehrer sein Tamburin ist ja auch bünzlig.

Ich steh drum meistens einfach nur da und langweile vor mich hin. Es gibt auch nichts Langweiligeres als jemandem zuzuschauen wie er ein Instrument spielt. Wie bei einem Handwerker, der einen Hammer schwingt - auch nicht sehr spannend. Und weil die Band entweder zu faul für einen Soundcheck war oder sonst einfach keinen Bock hat, aufzutreten, ist das Live-Erlebnis auch akustisch oft eine Zumutung.

Schon nach dem dritten Song habe ich genug und könnte nach Hause gehen. Doch ich zwinge mich durchzuhalten und nicht jede fünf Minuten auf die Uhr zu blicken um nachzurechnen, ob ich die letzten ÖVs noch erwische. Wenn dann endlich der letzte Song angespielt wird, geht der Kampf bei den Garderoben los. Und von dort der Ansturm auf die ÖVs.

Endlich zu Hause angekommen, hab ich ein Pfeifen im Ohr, durchnässte Kleider von allerlei Getränken und Körpersäften, als wär ich grad Schweizer Meister geworden. Am nächsten Morgen dann der Muskelkater, das Kopfweh und das Versprechen nie wieder an ein Konzert zu gehen. Bis die nächste Lieblingsband ankündigt in die Schweiz zu kommen ...

(Jürg Zentner/news.ch)

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