Krisenverlängerer Abwrackprämie?
publiziert: Montag, 16. Feb 2009 / 11:29 Uhr / aktualisiert: Montag, 16. Feb 2009 / 12:07 Uhr

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Die Deutschen haben sie, die Franzosen auch, die Italiener denken daran, ebenso die Österreicher. Und in der Schweiz melden sich erste Propagandisten der Abwrackprämie auch schon zu Wort: Gebt den Konsumenten Geld, damit sie alte Autos verschrotten lassen und neue, umweltfreundliche Autos kaufen, um so das Klima schützen und die Wirtschaft ankurbeln!

Die Sache mit dem Umweltschutz ist allerdings bereits als Mumpitz zu werten: Mit der Energie, die allein für die Produktion eines Autos aufgewendet werden muss, kann man einen alten Spritsäufer noch jahrelang betreiben, bis eine effektive Einsparung erreicht worden ist. In jedem anderen Zusammenhang würde so eine Prämie vermutlich sogar Empörung auslösen. Doch für Autos gelten scheinbar andere Gesetze – in Zeiten der Krise sowieso.

Doch warum eigentlich? Das 20. Jahrhundert wird vermutlich einmal als das Jahrhundert der Mobilität in die Geschichte eingehen. Das Ford Modell T setzte in den USA die Massenmotorisierung in Gang und demokratisierte die individuelle Mobilität. Als Hitler an die Macht kam, erkannte er die Attraktivität und Wichtigkeit der räumlichen Vereinigung seines Landes durch ein Autobahnnetz und ein Auto, das darauf fahren würde, um seine Diktatur und deren Wirtschaft zu stärken. Dass die Autobahnen und der Volkswagen erst nach dem Krieg Realität wurden und so die (west-)deutsche Wirtschaft und Demokratie stärkten, war eine glückliche Fügung.

Diese Erfolge fussen vor allem auf der Tatsache, dass das Auto ein stammesgeschichtliches Urbedürfnis des Menschen nicht nur beantwortet sondern sogar noch verstärkt: jenes nach Mobilität. Für unsere jagenden und sammelnden Vorfahren vor Jahrtausenden war es lebenswichtig, ihre Reviere auszudehnen, möglichst grosse Flächen mit Wild, Beeren und Früchten ausnutzen zu können. Der Mensch ist deshalb von Natur aus ein Ausdauersportler. Jede Erweiterung des Aktionsradius' brachte den Menschen mehr Ressourcen. Reittiere waren deshalb von extremer Bedeutung für unsere Urahnen und entwickelten sich zum Statussymbol sondergleichen.

Mit der Sesshaftwerdung und der damit einhergehenden Arbeitsteilung fiel für die Meisten zwar die ursprüngliche Notwendigkeit weg, mobil zu sein. Aber der Wunsch danach blieb fest in uns verankert. Fernweh, Urlaubsreisen, Spritztouren... die Mobilität der Mobilität willen; sie sind alles tief verankerte Wünsche, welche aus dem Auto einen Gegenstand gemacht haben, der unser Leben, unsere Gesellschaft und auch unseren Planeten ge- und verformt hat – sei es nun im Guten wie im Schlechten.

Die Autoindustrie entwickelte sich dabei zu einem Klumpenrisiko: Immer weniger Konzerne bauten immer grössere Produktionskapazitäten auf. Dies ging bis anhin sogar einigermassen gut, nicht zuletzt wegen des Geldes, das aufgrund diverser, jetzt platzender Finanzmarktblasen in die Wirtschaft gepumpt wurde. Doch nun kommt es an den Tag: Überkapazitäten, Geldmangel bei den Kunden, Modelle, die an den echten Bedürfnissen jener vorbei entwickelt wurden und eine Industrie, die nur mit einem ständigen Mengenwachstum leben kann, konfrontieren uns nun mit Strukturen, welche nur darauf warten, zusammen zu brechen.

Die Abwrackprämien machen daher nicht nur ökologisch als auch wirtschaftlich kaum Sinn. Von den paar Tausendern lassen sich vor allem Leute aus den unteren Einkommensschichten beeindrucken, die meist eh keine grossen Autos fahren und ihren 10 Jahre alten Kompaktwagen nun mit einem Billigmodell aus Rumänien oder Korea ersetzen.

Die Abwrack-Milliarden werden am Schluss höchstens die Krise in diesem Wirtschaftszweig verlängern. Die Autoindustrie muss sich hingegen aus eigener Kraft neu erfinden und überdenken, ob die Frage nach Mobilität in der Zeit des Internets und der virtuellen Realität, in der Zeit des Klimawandels und der ständig verstopften Strassen nicht andere Antworten braucht, als jene, die schon vor hundert Jahren gegeben wurde.

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

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