Kruzifix-Streit: Katholiban im Oberwallis
publiziert: Freitag, 22. Okt 2010 / 12:19 Uhr
Das wahre Oberhaupt der Walliser Schulbehörden: Papst Benedikt XVI
Das wahre Oberhaupt der Walliser Schulbehörden: Papst Benedikt XVI

Die Taliban gelten als fanatisch religiöse, durch keine zivilisatorische Gesetze zu bändigende Krieger, die sich vorzugsweise in engen Bergtälern verschanzen. Dort, wo sie die Macht innehaben, setzen sie altertümliche, religiöse Gesetze mit gnadenloser Härte durch und treiben den Bewohnern jegliche weltliche Aspirationen gnadenlos aus.

9 Meldungen im Zusammenhang
Weiterführende Links zur Meldung:

Protokoll eines Treffens mit den Walliser Schulbehörden
Valentin Abgottspon protokolliert hier ein Treffen mit den Walliser Schulbehörden... surreal
sinnfrei.ch

Die NZZ zum Kruzifix-Krach im Wallis
Der Fall, wie er sich bis letzte Woche präsentierte
nzz.ch

Betrachtet man die geographischen Rahmenbedingungen, die von diesen Fanatikern bevorzugt werden und sucht in Europa nach entsprechenden Orten, fällt fast zwangsläufig eine Gegend in der Schweiz ins Auge: Das Oberwallis. Ein enges Tal, von drei Seiten von Felsgiganten gesäumt, noch schroffere Seitentäler, die den Bewohnern nur ein bescheidenes Auskommen bescheren und unten eine isolierende Sprachgrenze.

Was Anfangs absurd scheint, wird bei näherer Betrachtung durchaus konkret. Die Machtstrukturen werden von Clans und einer religiös dominierten Partei beherrscht, einer CVP, die hier noch in der Lage ist, für ihre Schäfchen zu sorgen. Dabei besteht eine verhängnisvolle Vereinigung von zwei Strukturen, die in einer säkularen Gesellschaft sauber getrennt sein müssten: Kirche und Staat.

Stattdessen indoktriniert die katholische Kirche die Bewohner mit Hilfe der öffentlichen Schulen schon von Kindesbeinen auf, bei gleichzeitiger Ausgrenzung der und sozialem Druck auf die «Ungläubigen». Schulstunden werden zugunsten von Proben für Gottesdienste ausfallen gelassen und es geht soweit, dass im Walliser Schulgesetz Lehrer gefordert sind, Schülern auf ihre Aufgaben als Menschen und Christen vorzubereiten.

Ja, hoppla. Seit wann ist religiöse Indoktrination in einem Land, in dem einer der wichtigsten Grundsätze Religionsfreiheit ist, Aufgabe der staatlichen Schulen? Das Wallis wird doch nicht einfach dreist die Bundesverfassung missachten? Aber natürlich tut es das.

So kann zum Beispiel von einem nicht gläubigen Lehrer verlangt werden, dass er mit seinen Schülern Gottesdienste besucht oder diese gar veranstaltet, auch wenn dies nirgends explizit im Schulreglement festgehalten ist. Doch wer im Wallis als Lehrer arbeiten wolle, wisse ja, worauf er oder sie sich einlasse – die Religionsfreiheit spielt dabei keine Rolle.

Einer, der es scheinbar nicht wirklich wusste, dass das Staatsverständnis im Oberwallis bis in die Behörden hinein jenes einer Vatikan-Exklave und nicht eines der Bundesverfassung unterstellten Kantons ist, ist der Lehrer Valentin Abgottspon. Dieser hängte in seinem Schulzimmer der Orientierungsstufe das Kruzifix ab. Und wurde für diesen Akt des Ungehorsams gegenüber dem Papst, äh, den Walliser Schulbehörden, fristlos entlassen. Über eine Beschwerde mit aufschiebender Wirkung gegen diese Entlassung soll in kürze Entschieden werden, doch egal, was da entschieden wird, der Fall ist noch lange nicht ausgestanden.

Wer sich je gewundert hat, wie Bewohner des afghanischen Berglandes die Macht der Taliban tolerieren können, sieht ein etwas zivilisierteres Modell im Oberwallis: Indoktrination von Klein auf, gesellschaftlich sanktionierte Denkverbote, Ausgrenzung von Aussenseitern, der unbedingte Glaube an die Diktatur der Mehrheit und die gleichzeitige Negation von Minderheitenrechten erzeugen eine selbstauferlegte geistige Unterdrückung, die untrennbar mit einem strengen, unbedingten Glauben verbunden ist.

Doch was tun, wenn, wie im luzernischen Triengen, wo eben eine Deutsche Familie, die keinen Hingerichteten im Schulzimmer der Kinder hängen haben wollte, die Ketzer nicht mit Gewaltandrohung und Beschimpfungen vertrieben werden können? Was, wenn der Sünder ein heimischer ist? Valentin Abgottspon, Walliser, der im Wallis aufgewachsen ist, fühlt sich noch nicht gefährdet, auch wenn er schon Aufforderungen bekommen habe, sich umzubringen. Aber er bringt mit seinem Mut, gegen den behördlichen Fundamentalismus aufzustehen, die Illusion des Oberwallis, demokratisch und frei zu sein, heftig ins Wanken, wenn auch nicht genug, um jetzt schon wirklich in die Köpfe der federführenden katholischen Fanatiker einzudringen.

Ja, nicht einmal die Aufforderung des IZS (Islamischen Zentralrats der Schweiz), doch bitte die Kruzifixe hängen zu lassen, scheint einen Einfluss auf die Haltung im Wallis zu haben. Dabei zeigt sich ja genau hier die wahre Frontlinie: Nur wo eine Religion sich im öffentlichen Raum etablieren, den Staat unterwandern und Ansprüche stellen kann, die ihr Verfassungsmässig gar nicht zustehen, kann diese, wenn sich die Gewichte verschieben, auch eine andere Religion beanspruchen. In diesem Sinn ist das katholisch-talibanisierte Oberwallis der perfekte Präzedenzfall für die Islamisten und keineswegs ein Bollwerk der Demokratie, wie dies manche der lautesten Kreuzverfechter gerne glauben würden. Das Gegenteil ist der Fall.

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

Machen Sie auch mit! Diese news.ch - Meldung wurde von 2 Leserinnen und Lesern kommentiert.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Stalden VS - Der Walliser Lehrer, der ... mehr lesen
Darf in kruzifixfreiem Schulzimmer unterrichten: Valentin Abgottspon
Schlecht Recherchiert.
Zürich - Der Presserat hat eine ... mehr lesen
Luzern - In öffentlichen Gebäuden ... mehr lesen
Kruzifix.
Jesus bleibt in Luzern hängen.
Luzern - In den Luzerner ... mehr lesen
Mattea Meyer Die Frage der Woche lautete: Kruzifixstreit in Luzern und ... mehr lesen
Die Trennung von Kirche und Staat ist in der Schweiz noch lange nicht Tatsache.
Weitere Artikel im Zusammenhang
Das Christentum ist ein Teil der Schweizerischen Identität, ein Wesensmerkmal der Schweiz.
Simon Oberbeck Das Thema der Woche ist der Kruzifixstreit in Luzern und Wallis: Wie säkular soll der Schweizer Staat sein? Heute der ... mehr lesen
Luzern - Jetzt rüsten sich die ... mehr lesen
Die Anhänger der Kreuze rüsten in Luzern auf.
Brenda Mäder Die Frage der Woche lautet: Kruzifixstreit in Luzern und Wallis: Wie säkular soll der Schweizer Staat sein? Heute der Beitrag von Brenda Mäder, der Präsidentin der Jungfreisinnigen Schweiz. mehr lesen  7
Der Vater zweier Kinder verlangte die Entfernung der Kruxifixe.
Triengen LU - Die Freidenker-Familie, ... mehr lesen 3
Aufklärung statt Verdrängung
Statt Kreuze in Schulzimmern abzuhängen sollte man lieber neben den Kreuzen noch alle anderen Religionssymbole aufhängen und sie den Schülern erklären, frei von Wertung.

Damit unsere Jungen wenigsten einmal mit Religion in Kontakt kommen und etwas darüber lernen.
Da bin ich 100% einverstanden
Für mich ist es ebenfalls allzu durchsichtig, dass islamische Kreise in der Schweiz mit der katholischen Kirche gleichgelagerte Interessen verfolgen - nämlich gegen den säkularen Staat, in welchem Religion schlicht Privatsache ist.

Von daher sollte man endlich Staat und Kirche konsequent trennen. Was im Kanton Genf möglich war, sollte überall gelten: Kirchen sind gewöhnliche Vereine oder Genossenschaften, und der Staat hilft nicht, Beiträge als Steuern einzutreiben.
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
«Hier hätte ich noch eine ...
In den USA ist bei einer Frau mit Harnwegsinfektion zum ersten mal ein Bakterium aufgetaucht, das gegen das letzte Reserve-Antibiotikum resistent ist. Wer Angst vor ISIS hat, sollte sich überlegen, ob er seinen Paranoia-Focus nicht neu einstellen will. Denn das hier ist jenseits aller im Alltag sonst verklickerten Gefahren anzusiedeln. mehr lesen 4
Durch ungeschickte Avancen von SBB- und Post-Chefs, droht die Service-Public-Initiative tatsächlich angenommen zu werden. Von bürgerlicher Seite her solle ... mehr lesen  
Künftig mindestens 500'000.-- und die ganze Schweiz inklusive: SwissPass, der schon bald mal GACH heissen könnte.
Urversion von IBM's Supercomputer WATSON: Basis für 'ROSS'... und unsere zukünftigen Regierungen?
Eine renommierte US-Kanzlei stellt einen neuen Anwalt Namens Ross ein. Die Aufgabe: Teil des Insolvenz-Teams zu sein und sich durch Millionen Seiten Unternehmensrecht kämpfen. Und ... mehr lesen  
In letzter Zeit wurden aus Terrorangst zwei Flüge in den USA aufgehalten. Dies, weil Passagiere sich vor Mitreisenden wegen deren 'verdächtigen' Verhaltens bedroht fühlten. Die Bedrohungen: Differentialgleichungen und ein ... mehr lesen
Sicherheitskontrolle in US-Airport: 95% Versagen, 100% nervig.
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
saleduck.ch, Logo
Shopping «Wär hetts erfunde?» Zwei Jahre nach der Gründung erhält Saleduck.ch eine neue Plattform und wird zu einer Deal Community. Neben einem neuen Layout bieten sich auch für Netzwerke und Advertiser viele ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Obama in Hanoi mit der Präsidentin der Nationalversammlung, Nguyen Thi Kim Ngan auf einer Besichtigungstour: Willkommenes Gegengewicht zu China.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Do Fr
Zürich 10°C 26°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt, Regen wechselnd bewölkt, Regen
Basel 14°C 27°C wolkig, aber kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt, Regen wechselnd bewölkt, Regen
St. Gallen 14°C 24°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt, Regen wechselnd bewölkt, Regen
Bern 10°C 25°C wolkig, aber kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt, Regen wechselnd bewölkt, Regen
Luzern 12°C 26°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig gewitterhaft trüb und nass
Genf 13°C 25°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt, Regen wechselnd bewölkt, Regen
Lugano 14°C 25°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig anhaltender Regen wolkig, aber kaum Regen
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten