«Künstler ist nicht mehr der Hungerberuf»
publiziert: Mittwoch, 23. Sep 2009 / 15:47 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 23. Sep 2009 / 17:06 Uhr

Die Schweizer Eva-Maria Häusler und Peter Vetsch sind zum ersten Mal als Co-Direktoren verantwortlich für das art forum berlin, eine der weltweit wichtigsten Kunstmessen für zeitgenössische Kunst. news.ch sprach mit den beiden vor der Eröffnung.

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Sie hatten in den letzten Jahren viel Erfahrung bei Organisation der Art Basel gesammelt, was hat Sie an diesem Job als Direktoren des art forum berlin gereizt?

Peter Vetsch: Ich habe acht Jahre für die Art Basel und Art Basel Miami gearbeitet, ich habe geholfen, 15 Messen mitzuorganisieren. Ich wollte einfach was Neues machen. Bei der Art Basel ist es auch so, dass das Niveau so hoch ist, man hat immer für die letzten zehn Prozent gearbeitet. Hier in Berlin konnten wir noch viel verändern. Das war uns wichtig.

Eva-Maria Häusler: Die Aufgabe und die Herausforderung war sehr reizvoll. Die besten Voraussetzungen – es ist alles da, es hat bloss vorher nicht richtig funktioniert. Man brauchte eigentlich bloss die Fäden zusammenbringen und dann hat man hier eine total ideale Situation. Und das ist uns auch im ersten Ansatz gelungen, denke ich. Wir haben uns sehr gut ergänzt, wir wissen ja auch, dass wir gut zusammen arbeiten, das haben wir in den letzten acht Jahren gemerkt. Ich als Showmanagerin für das Operationelle, für die Budgetgeschichten und die Austellerbetreuung und Peter Vetsch, der eher aus der Pressearbeit kommt.

Wie hart war denn der Wechsel von den ruhigen Saiblings-Gewässern der Art Basel hin zum deutschen Haifischbecken art forum, bei dem ihre Vorgängerin Sabrina van der Ley wohl nicht freiwillig gegangen ist?

Peter Vetsch: Ich war sehr, sehr viel auf Reisen, war also auch weg vom ruhigen Basel, wie Sie es nennen. Haifischbecken gibt es auf der ganzen Welt und wir haben Berlin nie als Haifischbecken erlebt. Wir kannten ja die Galeristen und die Protagonisten viele Jahre lang durch unsere Arbeit. Der Dienstleistungsgedanke für unsere Kunden steht dabei absolut im Vordergrund. Das hat nichts mit Schweiz oder Deutsch zu tun, sondern ist einfach eine andere Haltung wie man eine Kunstmesse macht und wie man mit den Leuten umgeht.

Eva-Maria Häusler: Wir sind weich gelandet. Die Frage wird uns häufig gestellt, deswegen haben wir auch gelacht. Ich glaube, die Berliner haben ein schlechteres Bild von sich selber als man von ihnen hat, wenn man von aussen kommt. Auf der anderen Seite sind die Schweizer erstaunlicherweise schon sehr beliebt und man hat schon das Gefühl, man hat einen Bonus als Schweizer...das fängt bei der Wohnungssuche an.
Der Vertrag von Frau von der Ley wurde einfach nicht verlängert, da halten wir uns natürlich jetzt zurück, wir waren ja gar nicht involviert.

Was unterscheidet diese Messe von anderen internationalen Kunstmessen?

Eva-Maria Häusler: Berlin ist natürlich sehr spannend, eine Kunsthauptstadt mit einer sehr vitalen Kunstszene, vielleicht weltweit eine der wichtigsten Städte. Daher ist Berlin sehr attraktiv für jeden aus der Kunstwelt, und es bietet sich an, eine gute Kunstmesse zu haben. Und es hilft natürlich, dass man sehr viele gute und führende Galerien vor Ort hat.

Peter Vetsch: Berlin hatte in den letzten 10 Jahren eine sehr grosse Sogwirkung für Galerien aus ganz Deutschland, viele sind aus Düsseldorf, Köln oder München nach Berlin gekommen. Ausserdem gibt es in den letzten Jahren einen grossen Sog für Sammler, die nach Berlin kommen und hier ihre Sammlungen eröffnen, nicht nur Deutsche, auch aus anderen Ländern. Die Kunstmesse selbst unterscheidet sich in erster Linie, wenn man sie mit London oder Paris vergleicht, natürlich durch die lokale Komponente.

Was konnten Sie persönlich einbringen, was ist Ihre persönliche Note bei dieser Messe?

Eva-Maria Häusler: Wir versuchen natürlich unsere Person einzubringen, mit unseren Kontakten, sowie den Leuten, die uns kennen und unsere Verlässlichkeit und den Dienstleistungsgedanken. Diese Messe sollte eine Plattform sein, uns ist ganz wichtig, dass die Inhalte von den Galerien kommen; wir stellen lediglich den Rahmen zur Verfügung, die Voraussetzungen. Alles andere was die Messe ausmachen soll, soll von den Galerien kommen. Wir legen sehr viel Wert auf direkte Kommunikation mit den Galerien, auf eine gute Betreuung.

Peter Vetsch: Ich würde es nicht persönliche Note nennen, sondern Kriterien wie eine Kunstmesse sein soll: Wir wollen nicht nur die Kunst der letzten 20 Jahre zeigen, wir gehen zurück bis in die 60er Jahre, aber der Schwerpunkt bleibt immer noch auf der zeitgenössischen Kunst. Dann gibt es kleine Änderungen, die aber anscheinend in den letzten Jahren immer sehr wichtig waren. Vorher wurden die Galerien immer alphabetisch angeordnet, das wollten wir nicht mehr, wir wollen inhaltliche Schwerpunkte setzen.

Dann haben wir einen neuen Sektor kreiert: Als wir letztes Jahr hier waren und den schönen Sommergarten hier gesehen haben, haben wir gesagt, wir wollen da Arbeiten zeigen, Skulpturen und Installationen. Wir haben ein neues Komitee mit Galerien berufen, die unserer Meinung nach eine seriöse Arbeit machen, für einen seriösen Kunsthandel stehen, die sich um ihre Künstler kümmern, die sie vertreten, vermitteln und propagieren.

Was ist das sogenannte Host Committee?

Eva-Maria Häusler: Das Host Committee ist etwas, das wir nach amerikanischem Vorbild umgesetzt haben. Die ursprüngliche Idee war, die Stadt als Gastgeber mit ins Boot zu holen. Es sind um die 160 Vertreter aus der Berliner Politik, Wirtschaft und Kultur, die mit ihrem Namen sagen «Wir unterstützen das Art Forum Berlin» - eigentlich eine PR-Sache. Aber auch, dass diese Exponenten physisch präsent sind und für die vielen ausländischen Galeristen und Besucher als Gesprächspartner zur Verfügung stehen.

Peter Vetsch: Einfach auf den Punkt gebracht: Wir möchten, dass sich die Gäste wohl fühlen. Wenn man ein persönliches Erlebnis mit Leuten einer Stadt hat, dann erinnert man sich anders an diesen Aufenthalt in der Stadt, als wenn man als Tourist kommt und wieder wegfährt.

Das zweite Anliegen ist natürlich, dass das Host Committee eine Networking-Plattform ist, wo man sich kennen lernen und austauschen kann und dabei im denkbar besten Fall Freundschaften entstehen können.

Welchen Einfluss hat die internationale Finanzkrise auf den Kunstmarkt und auf das art forum berlin?

Peter Vetsch: Die internationale Finanzkrise hat natürlich in erster Linie die Städte getroffen, die von der Finanzwelt gelebt haben, wie London und New York. Im letzten Herbst waren die Leute schon sehr ängstlich, aber ich denke, die Talsohle ist erreicht. Es gibt aber von Land zu Land erhebliche Unterschiede: Deutschland hat die Finanzkrise im Kunstmarkt viel weniger gespürt, als England zum Beispiel. Frankreich hatte auch eine traditionelle Sammlerschaft, die seit x-Jahren Kunst kauft und nicht erst in den letzten Jahren auf den Zug aufgesprungen sind. Wer am meisten darunter leidet, sind die neuen Kunstmärkte wie China oder Indien.

War es nicht eine notwendige Korrektur der Preise?

Peter Vetsch: Es ist doch alles eine Definitionssache: Wann sind Preise für Kunst zu hoch?

Wenn zum Beispiel 100 Millionen Euro für einen Picasso gezahlt werden und Kunst nicht mehr um der Kunst willen gekauft wird, sondern von Banken oder Fonds als reines Finanzinvestment.

Peter Vetsch: Das ist ein Phänomen der Globalisierung. Es ist eine Tatsache, dass in den letzten acht bis zehn Jahren viele Sammler aus Lateinamerika, China, Indien und Osteuropa in diesen Markt eingestiegen sind, aber nicht nur Banken oder Spekulanten, sondern auch seriöse Sammler. Früher haben sich für zeitgenössische Kunst nur die westliche Welt, USA und Europa interessiert und wenn der Markt sich ausweitet und das Angebot nicht Schritt hält mit der Nachfrage des Marktes, dann explodieren zwangsläufig die Preise.

Aber davon haben aber auch die Künstler profitiert: Es hat in den letzten acht bis zehn Jahren noch nie so viele Künstler gegeben, die von ihrer Arbeit leben können. Ich mach immer einen Witz: Wenn sogar die Eltern sagen: «Du kannst unseretwegen gerne Künstler werden.» Es ist nicht mehr der Hungerberuf.

Welchen Einfluss hat der Kunstmarkt auf die Kunst?

Peter Vetsch: Eine schwierige Frage: Das eine ist von dem anderen nicht zu trennen, es ist ein Phänomen, das natürlich nicht neu ist. Das gibt es seit der Renaissance, Rubens hat eine Werkstatt betrieben mit vielen Angestellten, die die Falten der Mantel gemalt haben usw. . In den 50er Jahren «durfte» man ja nur abstrakt malen, wenn man sich heute anschaut, wie viele tausend Maler es in den 50er Jahren gab, die abstrakt gemalt haben und wie viele sind heute noch übrig von denen? In Endeffekt wird das die Kunstgeschichte sanktionieren, wer dann noch dabei ist.

Eva-Maria Häusler: Viele Leute haben gesagt, wenn es jetzt schlechter geht im Kunstmarkt, wird die Kunst wieder besser, aber so pauschal kann man das nicht sagen. Manchmal ist für gewisse Künstler wirklich sehr schnell gegangen, dass sie eine Karriere gemacht haben, man kann das mit einem Fussballspieler vergleichen, wo man sagt, vielleicht wäre es etwas besser, man würde sich ein wenig mehr Zeit geben.

Sehen Sie einen Trend in der zeitgenössischen Kunst?

Eva-Maria Häusler: Es gibt einen sehr viel grösseren Markt und damit auch sehr viel mehr Kunst. Die Stile sind sehr breit gefächert. Es gibt nicht nur abstrakte Kunst, Malerei, Skulptur oder Installation; viele Künstler arbeiten mit sehr unterschiedlichen Medien.

Peter Vetsch: Ganz banal gesagt: Der Trend ist, dass es keinen Trend gibt. Oder: Im Vordergrund steht die absolute Individualität des Künstlers.

(Felix Steinbild, Berlin/news.ch)

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