'Künstler sind wie Kinder'
publiziert: Mittwoch, 2. Mrz 2005 / 08:16 Uhr

Rom/Mailand - Streik und Entlassung an der Mailänder Scala. Das Publikum verfolgt das Trauerspiel mit zunehmender Unruhe: Wann fällt endlich der Vorhang?

Die Mailänder Scala bietet derzeit ein ganz besonderes Stück aus Rücktritt, Streiks und Absagen.
Die Mailänder Scala bietet derzeit ein ganz besonderes Stück aus Rücktritt, Streiks und Absagen.
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Was derzeit gespielt wird an der Scala, weiss niemand so recht - nur dass das Stück verdammt schrill klingt, lässt sich nicht mehr überhören. Allein der Spielplan der vergangenen Woche bot bizarre Szenen reihenweise.

Dienstag: Streik der Bühnenarbeiter, Tschaikowskys "Pique Dame" fällt aus. Donnerstag: Intendant Carlo Fontana wird gefeuert; warum genau, versteht keiner. Freitag: "Pique Dame" wird doch aufgeführt; vorher verteilen Gewerkschafter Flugblätter, danach gibt's fünf Minuten Beifall. Samstag: Die Arbeiter drohen mit weiteren Streiks; mehrere Stücke mit Stardirigent Riccardo Muti sind in Gefahr.

Animositäten?

"Künstler sind wie Kinder, verwöhnt, eitel und anmassend", versucht Regie-Altmeister Franco Zeffirelli das Chaos zu erklären. "Man kann ihnen nicht die Führung eines Theaters anvertrauen." Als Erklärung für die Kakophonie an dem altehrwürdigen Haus reicht das kaum aus.

Schliesslich hing der Mailänder Opernhimmel noch im Dezember voller Geigen: Nach drei Jahren Renovierung wurde die Scala wieder eröffnet, die goldenen Logenränge erstrahlten in neuem Glanz, Künstler und Publikum schwelgten im Luxus. Und jetzt, alles vorbei?

Das Besondere an dem schrillen Stück ist, dass niemand das Textbuch versteht, selbst eingefleischte Opernkenner nicht. Was steckt hinter dem Streit, womöglich lediglich persönliche Animositäten?

Fest steht nur, behaupten italienischen Chronisten, dass es zwischen Dirigent Muti und Intendant Fontana nie so recht harmonierte. Um "künstlerische Fragen" soll es gehen, heisst es, eine zweite tragende Rolle spiele aber auch der Schuldenberg (zwölf Millionen Euro) der Scala. In bester Theatermanier soll der aufbrausende Maestro schon vor Jahren gedroht haben: Der oder ich!

Politik?

Hintersinnig habe der Orchestervorsteher den Theatermann Mauro Meli an die Scala geholt - der ist jetzt auch gleich auf den freigewordenen Indentantstuhl gerückt. Nur soll Meli bei seinem bisher letzten Arbeitgeber, der Oper von Cagliari, einen wahren Berg an Schulden hinterlassen haben - was nicht gerade eine Empfehlung für Mailand wäre. "Aber er ist Mutis Liebling", heisst es in Mailand.

Womöglich geht es jetzt erst richtig los mit dem Tohuwabohu. "In der Scala droht nun die wirkliche Krise", mutmasst die römische Zeitung "La Repubblica". Immer mehr spiele nun auch die Politik in das bizarre Stück hinein.

Fontana, lauten die Erklärungsversuche, zähle zur Linken, weshalb Teile der Scala-Arbeiter bei seinem Rauswurf auch theatralisch "Va Pensiero" (Gefangenenchor aus Verdis "Nabucco") gesungen haben. Die Stadt Mailand dagegen ist in den Händen des Parteienlagers von Ministerpräsident Silvio Berlusconi.

Wut und Schadenfreude

Wenn nicht alles täuscht, steht jetzt ein "finale furioso" an, in dem jeder Protagonist gewaltig aufspielt: Die Gewerkschaften wollen die grossen anstehenden Muti-Auftritte bestreiken, der wütende Maestro droht laut Medienberichten bereits mit seinem Abgang aus Mailand, und der geschasste Intendant Fontana äussert "klammheimliche Freude" über das Drama.

Solche Verstrickungen lieben Opernfans, sie lassen ihr Herz höher schlagen und den Atem anhalten - aber das Stück sollte auf der Bühne gespielt werden.

(Peer Meinert/dpa)

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