Kuhn sucht Reibungen und Konflikte
publiziert: Montag, 7. Jun 2004 / 16:44 Uhr

Köbi Kuhn ist der Vater des Schweizer Erfolgs. Nach anfänglichen (kommunikativen) Problemen, die sich mit einzelnen Spielern ergaben und in den Medien akzentuiert wurden, ist der 60-jährige Zürcher am Vorabend der EURO 2004 der allseits beliebte und respektierte Coach.

Köbi Kuhn mag die Arbeit mit den Medien nicht immer, aber er akzeptiert sie.
Köbi Kuhn mag die Arbeit mit den Medien nicht immer, aber er akzeptiert sie.
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"Sobald man Kritik an Resultaten festmachen kann, ist es einfach, grosse Buchstaben zu schreiben", sagte Kuhn einmal. Zuletzt blieb die harte Kritik aus, weil bei der Schweiz die Resultate stimmten, wenn es zählte.

Dies vereinfachte Kuhns Arbeit im Hinblick auf die Endrunde. Kuhn sieht aber die Medien nicht als Damoklesschwert über seiner Arbeit, sondern akzeptiert den täglichen Kontakt mit Journalisten als Teil seines Jobs.

Und obwohl sein Blick derzeit voll und ganz auf das erste Spiel in Portugal gegen Kroatien gerichtet ist, schaut Kuhn auf seine bisherige Zeit als Nationalcoach zurück, erläutert seine Gedanken zur Zusammenstellung des Kaders und verrät, wie er das Stimmungsbarometer im Team auf konstantem Hoch halten will.

Herr Kuhn, Sie sind der erste Schweizer, der sich sowohl als Spieler wie als Trainer für eine Endrunde qualifiziert hat. Wie anders fühlen Sie sich wenige Tage vor der EM verglichen mit der damaligen Zeit vor der WM 1966, an der Sie als Spieler teilgenommen haben?

Köbi Kuhn: "Was jetzt kommt, ist für mich viel bedeutsamer. Als Trainer muss ich alles unter Kontrolle haben, und ich stehe natürlich viel mehr in der Verantwortung, als ich es als Spieler gewesen bin. 1966 war ich noch so jung... ich kann mich nicht einmal mehr so genau an die Vorbereitungszeit erinnern. Aber ich weiss, dass ich damals vor allem auf mich schaute und mit mir selber beschäftigt war."

Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie ganz allgemein an die Unterschiede zwischen damals und heute denken?

Kuhn: "Die Betreuung der Spieler ist viel intensiver und vor allem individueller geworden. Heute haben wir beispielsweise ein Team von Ärzten und Wissenschaftlern, das für jeden Internationalen einen eigenen Ernährungsplan zusammenstellte. Und was natürlich auch ganz anders ist: Als ich noch aktiv war, waren wir eine Männergruppe, die von aussen kaum behelligt wurde. Heute gibt es jeden Tag Gespräche mit den Medien und mit den Sponsoren."

Stichwort Medien: Hat die intensivierte Arbeit mit der Presse, die vor einer Endrunde noch mehr Zeit in Anspruch nimmt als sonst, die Vorbereitung gestört?

Kuhn: "Alle Einflüsse von aussen können auf die Arbeit theoretisch störend wirken. Das ist nicht nur im Fussball so. Aber im Spitzensport ist man den intensiven Umgang mit den Medien gewohnt. Und auch wenn es mir nicht immer gefällt, mehrmals am Tag die gleiche Frage zu beantworten, weiss ich natürlich, dass der Umgang mit der Presse und mit den Sponsoren Teil meines Jobs, Teil meiner Aufgabe ist."

Zeitweise hatte man im vergangenen Frühjahr Angst, dass wegen der EM-Teilnahme Probleme in die Nationalmannschaft getragen wurden, die sonst nicht interessiert hätten, und dadurch die Entwicklung des Teams gehemmt werden könnte.

Kuhn: "Es gibt zwei Seiten, wenn Probleme von aussen entstehen. Einerseits ist das unangenehm. Andererseits zeigt es auch, dass die Nationalmannschaft interessiert und begeistert. Das Team hat diese Begeisterung verdient. Es erhöht zwar den Erwartungsdruck, doch die Spieler sind selbstbewusst genug, um mit diesem Druck umzugehen."

Vor dem ersten EM-Qualifikationsspiel gegen Georgien im September 2002 haben Sie gesagt, die Mannschaft stehe am Anfang einer Entwicklung. Die Teilnahme an der EURO 2004 sei deshalb nicht zu erwarten. Sie schienen das Fernziel WM 2006 im Blick zu haben. Haben Sie damals Ihr Team unterschätzt? Weshalb hat es sich gleichwohl als Gruppensieger für die EM qualifiziert?

Kuhn: "Habe ich sowas tatsächlich gesagt? Das ist ja unglaublich. (lacht). Nein, im Ernst. Die technische Entwicklung verlief so, wie ich sie vermutet hatte. Aber weil die Führungsspieler sofort mitzogen und meine Ideen annahmen, hat sich eine starke Gruppe gebildet. Die von mir immer wieder zitierte und viel belächelte ´Familie´ ist schneller zusammengewachsen, als ich zu hoffen wagte. Und mit Harmonie lässt sich fast alles erreichen. Vor der Qualifikation war meine Prognose: Wenn alles optimal läuft, spielen wir um Platz 2 mit. Nach dem Sieg in Irland (im 3. Spiel im Oktober 2002 - Red.) wusste ich, dass wir bis am Ende um den Gruppensieg kämpfen würden."

Sie sagen, mit Harmonie lasse sich fast alles erreichen. Was machen Sie konkret, damit die Stimmung im Team gut bleibt, obwohl die Spieler wochenlang zusammen sind und die Gefahr des Lagerkollers besteht?

Kuhn: "Vier Tage vor der Abreise nach Portugal durften die Spieler rund 24 Stunden nach Hause. Das hat einen nötigen Unterbruch gegeben. Während der EM hat der Verband alle Frauen oder Freundinnen eingeladen. Sie werden nicht im gleichen Hotel wohnen wie wir, doch die Spieler können nach den Partien jeweils mit ihren Partnerinnen zusammen sein. Auch dürfen die Partnerinnen die Nacht nach den Partien bei den Spielern verbringen. Jeder Internationale hat ein Einzelzimmer, damit er seine Privatsphäre während der gesamten EM-Zeit bewahren kann."

Ist Ihre Frau in Portugal auch dabei?

Kuhn: "Sie reist erst zum letzten Gruppenspiel gegen Frankreich an. Vorher hätte es keinen Sinn, denn ich habe schlicht keine Zeit. Die Spieler können nach den Partien regenerieren und etwas ausspannen. Ich muss dann sofort die Matchanalyse und die Vorbereitung auf den nächsten Gegner in Angriff nehmen."

Eine kritische Phase muss die Zusammenstellung des Kaders gewesen sein. Haben Sie dabei auf die Harmoniefähigkeit geachtet?

Kuhn: "Sie denken, ich hätte bewusst auf unbequeme Spieler verzichtet? Nein, das war kein Faktor. Es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alle oder die meisten zufrieden sind. Doch es braucht auch Reibungen und Konflikte. Letztlich muss aber immer jeder bereit sein, den anderen zu akzeptieren, dem anderen zu helfen. Auch wenn dieser andere vielleicht einen völlig anderen Charakter hat. Wenn sich alle an diese Maxime halten, kann die Harmonie nicht tiefgreifend erschüttert werden."

Die Öffentlichkeit hat nicht jeden Personalentscheid verstanden. Eine unerwartete Dynamik kam in die Frage, wer von der U21 allenfalls nachnominiert wird. Vonlanthen oder Chiumiento? Oder beide? Sie haben sich für Vonlanthen entschieden.

Kuhn: "Weil ich überzeugt bin, dass er uns als Joker etwas bringen kann. Er ist in der Lage, mit einem Antritt, einem Dribbling auch auf EM-Niveau einen Verteidiger zu düpieren und für uns wichtige Tore zu schiessen. Bei Chiumiento sehe ich zwar, dass er ein herausragender Fussballer ist. Doch kann er sich an einer EM gegen die robusten Defensivspieler schon durchsetzen? Ich denke, gegen einen Dietmar Hamann (der defensive Mittelfeldspieler Deutschlands im Testspiel gegen die Schweiz - Red.) hätte er beispielsweise nicht viele Bälle gesehen. Nach dem Abwägen und Beantworten dieser Fragen habe ich mich vorerst gegen Chiumiento entschieden..."

... der Ihnen später ohnehin einen Korb gab.

Kuhn: "Was ich sogar verstehen kann. Davide ist zwar schon ein sehr reifer Mensch. Doch er ist trotzdem noch sehr jung, und es war für ihn noch zu früh, sich jetzt schon für die Schweiz und gegen Italien zu entscheiden. Dieses Verhalten respektiere ich voll und ganz. Auch wenn ich es natürlich vom fussballerischen Standpunkt her sehr bedauere."

Fragezeichen gab es nicht nur bei den Nachnominationen von U21-Spielern. Auch beim Stamm gab es Härtefälle. Was sprach für Ludovic Magnin, was gegen Remo Meyer. Was sprach für Marco Zwyssig?

Kuhn: "Bei Magnin weiss ich, dass seine Nomination ein Risiko ist. Aber Ludovic ist ein seriöser und bewusster Spieler, den alle gern haben. Er hat unheimlich viel Energie, und er hat hart für das Comeback gearbeitet. Als er verletzt war, reiste er mehrmals in die Schweiz, um zu zeigen, wie die Heilungsprozesse verlaufen."

Aber Magnin ist noch immer nicht fit. Und vielleicht verletzt er sich während der EM erneut.

Kuhn: "Magnin ist häufiger verletzt als andere, weil er ungestüm ist und sich nie schont. Das sind aber auch Qualitäten, die wir an der Endrunde gegen die starke Konkurrenz nötig haben. Der Verzicht auf Meyer war ein schwieriger Prozess. Remo war sehr enttäuscht, weil er zuletzt immer zur Gruppe gehört hatte. Entscheidend war, dass ich rechts in der Abwehr auch Raphaël Wicky einsetzen kann, wenn Bernt Haas ausfällt. Auch Bruno Berner kann rechts spielen. Er ist nämlich Rechtsfüsser, nur wissen das die meisten nicht. Marco Zwyssig hat von Anfang an gewusst, dass er der vierte Mann in der Innenverteidigung ist. Er hat diese Rolle akzeptiert und war immer mit grosser Begeisterung dabei. Er ist ein wichtiger Teamplayer und garantiert die gute Harmonie."

Die gute Ambiance könnte gefährdet sein, wenn die Schweiz das wegweisende erste Spiel gegen Kroatien verliert. Ist es nicht gefährlich, den Fokus nur auf diese Partie zu richten und zu riskieren, dass danach die Luft vielleicht schon draussen ist?

Kuhn: "Der Weg in die Viertelfinals führt für uns nur über einen Sieg gegen Kroatien. Deshalb muss ich jetzt alles diesem Spiel unterordnen. Auch wenn die Gefahr tatsächlich besteht, dass bei einer Niederlage die Euphorie abflacht. Dieses Risiko müssen wir eingehen.

(von René Baumann und Stefan Wyss/Si)

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