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Kunst oder Vandalismus? Urban art – Graffiti & Co.
publiziert: Montag, 28. Jun 2010 / 15:47 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 14. Dez 2010 / 22:21 Uhr

Sie ist überall. Sie prangt an Hauswänden, irritiert auf Verkehrsschildern und brandmarkt S-Bahnen. Die Städte sind voll davon. Doch trotz ihrer Omnipräsenz entzieht sie sich oft unserer be- wussten Wahrnehmung. Die Rede ist von der sogenannten Urban Art, die sich irgendwo zwischen Vandalismus und Kunstfertigkeit zu bewegen scheint – und fast immer anonym entsteht.

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Dazu zählen übrigens nicht nur die «klassischen» Graffiti und Taggs (Schriftzüge), sondern auch Stencils (das Sprühen mit Schablonen), Adbustings (Graffiti auf Plakaten), Plakatierungen, Reverse Graffiti (das gezielte Säubern von schmutzigen Flächen, um etwas hervorzuheben), das Bekleben mit Stickern, LED-Throwies (dabei werden Magnete, die mit batteriebetriebenen Leuchtdioden versehen sind, an Metallwänden hochgeworfen), Installationen, Darbietungen und kreative Bepflanzungen. Die Möglichkeiten, den öffentlichen Raum legaler- oder illegalerweise als Bühne und Projektionsfläche der eigenen Ausdrucksform zu nutzen, sind dabei schier grenzenlos.

Ende April, Anfang Mai bot sich in Zürich und Luzern die einmalige Gelegenheit, sechs Schweizer Urban-Art-Künstlern beim Arbeiten über die Schultern zu schauen. Abwechselnd gestalteten sie insgesamt drei Plakatwände, die für diese Aktion durch Sponsoring temporär freigegeben wurden. Zwei Plakatwände befanden sich in Zürich am Bahnhof Stadelhofen und in der Langstrasse, eine in Luzern im Löwengraben-Areal.

«Mit dieser Kunstaktion entsteht eine öffentliche Galerie, die frei und ohne Einschränkung begehbar ist. Auf dem Weg von Kunstwerk zu Kunstwerk entdeckt man gleichzeitig weitere Urban Art, die sich überall befinden kann», so Sarah Furrer alias Safu, eine der be- kanntesten Kreativen der Szene. Durch die Stadt führte dabei der renommierte Urban Artist und Creative Director der Zürcher Kunst- und Design-Vereinigung RawColor: Harun Dogan, der Insidern besser bekannt ist unter dem Namen Shark.

Die Plakat-Aktion sollte übrigens nicht nur einen Beitrag zur bewussten Auseinandersetzung mit dieser speziellen Kunstform darstellen, sondern auch ein Förderprogramm ins Leben rufen, das mitunter die Einrichtung eines Urban-Art-Centers in Zürich vorsieht. Ob man die Urban Art nun als ernst zu nehmende Kunstrichtung bezeichnen will oder nicht, liegt im Ermessen jedes Einzelnen, doch eines lässt sich bestimmt sagen: Sich mit wache(re)n Augen durch die urbane Kunstbühne zu bewegen, lohnt sich – es gibt viel zu entdecken im Dschungel der Grossstadt.

Zu den Protagonisten: Safu (Bilder 1 und 2) gilt in der Szene als talentierte Nachwuchskünstlerin und arbeitet am liebsten mit schwarzen Stiften, Tinte und Markern. Die Grafikdesignerin ist Mitglied der Kunst- und Design-Vereinigung RawColor.

Die Arbeiten des Graffiti-Künstlers Ezra zeichnen sich besonders durch das plastische Herausarbeiten mit Lichteffekten und Schattierungen aus. Er selbst bezeichnet dabei seinen Stil als eine Mischung aus Wildstyle und 3-D-Darstellung. Er arbeitet bereits seit 14 Jahren als Sprayer und ist mittlerweile auch im Ausland bekannt.

Immer auf der Suche nach einer gewissen trashigen Ästhetik greift der Grafiker Wes21 (Bilder 3 und 4) nicht nur zur Sprühdose, sondern entwirft auch Flyer und Plakate, illustriert und bemalt Leinwände. In seinen Wandbildern verbindet er grafische Elemente mit fotorealistischen Darstellungen.

Zwischen Zürich und Berlin pendelnd, ist Céline Quadri alias C-Line (Bilder 5 und 6) sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland in verschiedenen Galerien, Designstores und Ausstellungen präsent. Sie gewann 2006 den «Passion is Fashion Contest» von Pussy Deluxe und entwarf verschiedene T-Shirts für das Label Carhartt.

Die 32-jährige Spielzeug- und Grafikdesignerin Natalia Gianinazzi (Bilder 7 und 8) – auch Mamma Grüsli genannt – wurde bekannt durch ihre kleinen Stofftiere, sogenannten Grüslis, die sie liebevoll in Handarbeit näht. Seit der Gründung des Grüsli-Projekts im März 2003 hat sie bereits über 900 Plüsch-Unikate angefertigt. Die Tessinerin lebt und arbeitet in Zürich.

Der bekannteste der sechs Künstler dürfte wohl Smash 137 sein, der als einer der besten Graffiti-Sprayer der Schweiz gilt und beispielsweise die Spraytechnik Cracking entwickelt hat, bei der die Dosen aufgestochen werden. Er startete seine Karriere schon vor neunzehn Jahren in Basel und ist auch heute noch mit einigen Schriftzügen entlang der SBB-Gleise präsent. Der symphatische Künstler, der sich für Hall of Fames – Freiflächen für Graffiti – einsetzt, hat den Sprung zum international anerkannten Künstler geschafft. Nicht nur Galerien in Berlin, Melbourne und New York zeigten bereits seine Arbeiten, er erhielt auch schon Aufträge in Dubai und São Paulo.

(sl/Wohnrevue)

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