LHC oder Eurofighter?
publiziert: Freitag, 6. Jul 2012 / 12:21 Uhr
Woraus die Welt besteht: Simulierter Higgs Event
Woraus die Welt besteht: Simulierter Higgs Event

Am vergangenen Mittwoch wurde an einer in einem Webcast vom Cern - dem Ort, an dem das Internet «erfunden» wurde - in Genf aus die sehr wahrscheinliche Entdeckung des Higgs-Bosons verkündet, jenes Elementarteilchens das es - dem momentan gebräuchlichen Standardmodell nach - braucht, damit sprichwörtlich nicht alles auseinander fliegt und das Materie seine Masse verleiht.

2 Meldungen im Zusammenhang
Sollte sich diese Wahrscheinlichkeit bestätigen (und die Chancen dagegen liegen irgendwo in der Gegend von einer Million zu Eins), wäre ein wichtiges Bauteil zum grundlegenden Verständnis der Welt und des Universums dem grossen Weltpuzzle hinzugefügt.

Angesichts der grössten Maschine der Welt - dies ist der Large Hadron Collider in Genf nämlich - und der enormen Kosten, welche Bau und Betrieb von diesem erfordern, bekommt man mit Sicherheit immer wieder eine Aussage zu hören: «Und was bringt's?» gefolgt von «Mit dem Geld könnte man viel bessere Dinge machen.»

Dies zeugt einerseits davon, dass sich diese Leute scheinbar nicht dafür interessieren, woraus sie und unsere Welt bestehen. Andererseits auch, dass sie den Begriff Grundlagenforschung offensichtlich nicht begriffen haben.

Bedenkt man schliesslich, dass das Geld für das CERN aus über 100 Ländern kommt und die Resultate weltweit geteilt werden, diese Erkenntnisse sonst nicht gewonnen werden könnten und die Kosten über Jahrzehnte verteilt sind, erscheinen die bisher elf Milliarden Gesamtkosten (inklusive Betrieb) auf einmal nicht mehr so dramatisch.

Sicher, man könnte mit dem Geld auch zwei Atomflugzeugträger bauen. Oder einen Eurofighter entwickeln, von dem was Erkenntnisgewinne angeht, nichts zu erwarten wäre und der in der Folge nochmals das Mehrfache kosten würde.

Doch bringt uns der Erkenntnisgewinn etwas, bringt es das Higgs-Boson wirklich? Kommt drauf an, wie man es betrachtet. Bringt es Ihnen was, zu wissen, dass die Erde um die Sonne kreist? Dass die Erde eine Ekliptik von 23,4385° hat? Dass von der Sonne ausgespuckte Elementarteilchen das Magnetfeld der Erde verbeulen können? Dass unser Universum 13,75 Milliarden Jahre alt ist und alle Elemente in unseren Körpern mit Ausnahme des Wasserstoffs aus dem Kern explodierter Sterne stammen?

Nein, bringt nichts. Davon können Sie sich weder ein Sandwich kaufen noch ins Kino gehen. Aber - es kann einem aufzeigen, wo man wirklich steht und was man wirklich ist. Universal gesehen, sind wir weniger als ein Staubkörnchen. Die Zeit unserer Existenz - als Zivilisation - wird dereinst nur ein kurzes Aufblitzen gewesen sein. Die Unendlichkeitsansprüche von Religionen und Ideologien sind vor diesem Hintergrund lächerlich - nicht zuletzt einer der Gründe, warum sich Religionsvertreter schon immer gegen die Wissenschaft gestellt haben.

Wenn wir diese begreifen, die Endlichkeit unserer Existenz bejahen und gleichzeitig den fantastischen Fakt begreifen, dass unsere Ahnenlinie nicht ein paar tausend Jahre zu irgendwelchen Göttern oder Adam und Eva, sondern Milliarden Jahre bis zu den Einzellern zurück geht, so können wir auch beginnen, Leben so zu Leben, wie es ist: Kostbar und selten, ungeschützt durch metaphysische Superhelden (auch Götter genannt), verwundbar durch kosmische und irdische Katastrophen.

Und genau hier könnte uns die Grundlagenforschung helfen, wenn wir zu begreifen gewillt sind, was sie uns sagt: Dass wir auf einem sehr einsamen Planeten sitzen, ohne Rettungsboot, angewiesen auf Kooperation statt Konfrontation. Dass wir mit den limitierten Ressourcen gut haushalten sollten und die Menschheit sich so vom Wundergläubigen, sich als Abbild eines archaischen Gottes wahrnehmenden, zum rational-anteilnehmenden Wesen entwickelt.

Zudem gibt sie und wird uns noch mehr Mittel in die Hand geben, unseren Planeten sowohl gegen unsere Dummheit als auch gegen Gefahren von ausserhalb (Killerkometenabwehr und ein Sonnensturmwarnsystem wären keine schlechten, in globaler Zusammenarbeit realisierbare Ideen) verteidigen könnten.

Und jeder, der findet, dass dies alles Fantasien seien, sei daran erinnert, dass heutige Selbstverständlichkeiten, vom Smartphone bis zum Kernspintomographen die Wurzeln ihrer Technologie in der «idiotischen, sinnlosen» Grundlagenforschung haben. Wer weiss - vielleicht liegt in den neuen Erkenntnissen dereinst auch die Lösung von grundsätzlichen, globalen Problemen.

Die Meinungen werden sich kaum ändern - wer blind sein will, wird blind gegenüber der Realität bleiben, blind gegenüber den Tatsachen unserer Existenz und den Lösungen von Problemen die nur in der Anerkennung der Realität, der kritischen Prüfung aller neuer Ideen und einer globalen Zusammenarbeit liegen kann, wie sie von den CERN-Forschern vorgelebt wird.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
1
Forum
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Genf - Die Wissenschaft feiert einen historischen Erfolg: Eines der grössten physikalischen Rätsel der Gegenwart ist offenbar gelöst. ... mehr lesen
Der CMS-Detektor.
Der Nachweis von Higgs-Bosonen wäre eine wissenschaftliche Sensation.
Genf - Dem europäischen Kernforschungszentrum Cern ist vor ... mehr lesen
LHC oder Eurofighter
Etschmann ist einfach unbezahlbar super, intelligent, ehrlich steht er zu seiner Meinung, erklärt uns, stupst uns an, mit zu denken. Freue mich immer an seinen Kolumnen , der Vielfalt seines Wissens. Humor hat er auch, dies merkt man, ist schön!
Das HTC One M9 toppt seine beiden Vorgänger - mehr Pixel, mehr Speicher, mehr Power.
Das HTC One M9 toppt seine beiden Vorgänger - mehr ...
Das neue HTC One M9 ist ab dem 30.März erhältlich  Nächste Woche wird das neue HTC-Flagship in der Schweiz auf den Markt kommen, das HTC One M9, das die erfolgreiche Unibody-Design-Philosophie seiner beiden Vorgänger fortsetzen und diese mit einigen Verfeinerung noch toppen will. 
Am letzten Samstag lag wieder einmal frisches Altpapier von der «grössten Partei der Schweiz»(TM) im Briefkasten. Diesmal wird zur indirekten Abschaffung der ... mehr lesen   2
Auf einer Wellenlänge mit der neusten SVP-Initiative: Putin, Erdogan, Orban.
Gfs.bern befragt Schweizer Bevölkerung zu MEI und Bilateralen Bern - Die Schweizer Bevölkerung sieht mehrheitlich Vorteile in den bilateralen Verträge ...
Laut Umfrage seien 32 Prozent der Befragten einverstanden mit einer wortgetreuen Umsetzung der SVP-Zuwanderungsinitiative, während 59 Prozent dies ablehnen.
Laut der vorberatenden Nationalratskommission könnten sich so 5000 bis 6000 Personen jährlich erleichtert einbürgern lassen. (Symbolbild)
Nationalrat für erleichterte Einbürgerung der dritten Generation Bern - Ausländerinnen und Ausländer der dritten Generation sollen sich in der Schweiz leichter einbürgern ... 1
Typisch Schweiz Fullmovie - The Swiss Conspiracy (1976/engl) Nein, das ist kein Schweizer Film, aber der ...
Shopping Marc Chagall - Art Documentary Kunstbanausen erkennt man daran, dass sie Marc Chagall für einen französischen Expressionisten halten. Dabei stammte Moshe Segal aus Weissrussland. Marc Chagall malte sich ...
Burt Reynolds: Ein Mann, viele Haare.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Bern. Von aussen hinschauen. Und erschauern.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Auf einer Wellenlänge mit der neusten SVP-Initiative: Putin, Erdogan, Orban.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Soldaten der «Myanmar-Nationalen Demokratischen Allianz-Armee»: Unterstützung von Peking vehement dementiert
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
SA SO MO DI MI DO
Zürich 1°C 8°C leicht bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen
Basel -2°C 9°C leicht bewölkt bedeckt, wenig Regen bedeckt, wenig Regen bedeckt, wenig Regen bedeckt, wenig Regen bedeckt, wenig Regen
St.Gallen 1°C 10°C leicht bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen
Bern -1°C 13°C leicht bewölkt bedeckt, wenig Regen bedeckt, wenig Regen bedeckt, wenig Regen bedeckt, wenig Regen bedeckt, wenig Regen
Luzern 1°C 13°C leicht bewölkt bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen
Genf 0°C 14°C leicht bewölkt bedeckt, wenig Regen bedeckt, wenig Regen bedeckt, wenig Regen bedeckt, wenig Regen bedeckt, wenig Regen
Lugano 11°C 18°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
mehr Wetter von über 6000 Orten