Früh-Englisch-Debatte auch in China
Lingua Franca Mandarin
publiziert: Montag, 21. Okt 2013 / 10:48 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 22. Okt 2013 / 08:29 Uhr
Qin Shi Huangdi-Statue: Der erste Kaiser von China führte Mandarin als Amtssprache in China ein.
Qin Shi Huangdi-Statue: Der erste Kaiser von China führte Mandarin als Amtssprache in China ein.

Qin Shi Huangdi vereinigte China 221 v. Chr. Mit eiserner Hand zwang er die eroberten Staaten mit strengen Gesetzen in ein einziges Reich. Der Kaiser vereinheitlichte auch die Schrift. Nur so war der neue Zentralstaat zu regieren. Gesprochen wurde allerdings in verschiedenen chinesischen Zungen. Was Schwierigkeiten bis heute bereitet.

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Ohne Verständigung innerhalb der Bürokratie könne das Ziel eines zentral regierten Einheitsstaats nie erreicht werden. Schliesslich setzte sich die Beamtenschaft aus Vertretern vieler Regionen zusammen. Sie alle sprachen zwar Chinesisch, aber verschiedener, untereinander nicht verständlicher Provenienz. Der erste Kaiser von China vereinheitlichte zur Überwindung der Sprachhürde die chinesische Zeichenschrift. Dieses literarische, geschriebene Chinesisch blieb bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Norm.

Neben dem literarischen Chinesisch entwickelten sich parallel über die Jahrhunderte die Alltagssprachen, je nach Regionen sehr unterschiedlich. Zwar redet man normalerweise von chinesischen Dialekten, doch oft sind diese Dialekte so unterschiedlich wie zum Beispiel das Deutsche, Flämische oder Niederländische. Als die Jesuiten im 16.Jahrhundert am kaiserlichen Hof in Peking als Astronomen und Mathematiker tätig waren, lernten sie auch die Sprache. Die Chinesen, stellten sie in ihren Schriften fest, haben verschiedene Sprachen in verschiedenen Provinzen, die untereinander zum Teil nicht verstanden werden. Dann gebe es, so die Jesuiten, eine andere Sprache, welche als universale, allgemeine Sprache am Hof und unter den Beamten gebraucht und ähnlich wie das Latein als Lingua France verwendet werde. Die Jesuiten nannten diese aus verschiedenen nördlichen Dialekten entstandene Sprache «Mandarin». Und Mandarin (Portugiesisch: Mandarim) bedeutet nichts anderes als Beamter, Berater, Minister. Chinesen selbst verwenden den Ausdruck Standardsprache oder allgemeine Sprache (Putonghua), Linguisten sprechen von Beamtensprache (Guanghua).

Im 20. Jahrhundert legten staatlich eingesetzte Sprachhüter 1932 den Pekinger Dialekt als allgemeinen Standard fest. Der «Grosse Steuermann» Mao Dsedong übernahm die Regeln, reformierte aber - getreu seinem grossen Vorbild, dem ersten Kaiser Qin Shi Huangdi - die Schrift. In Schulen, Universitäten, Zeitungen, Zeitschriften und dem nationalen Radio und Fernsehen wird Mandarin verwendet.

Seit die Kommunisten 1949 an die Macht kamen, sind mit grossem Erfolg Alphabetisierungskampagnen lanciert worden. Waren vor über sechzig Jahren noch fast neunzig Prozent der Chinesen Analphabeten, sind es heute nur noch etwas über zehn Prozent.

Die regionalen Unterschiede freilich sind geblieben. Vor drei Jahren kam es im südlichen Kanton (Guangdong) zu Demonstrationen, als bekannt wurde, dass die Radio- und Fernsehstationen der Provinz vom Kantonesischen auf Mandarin wechseln wollten. Von Exil-Tibetern wiederum wird der Unterricht von Mandarin (neben Tibetisch, notabene) in Tibet als Angriff auf die tibetische Kultur missverstanden.

Die Nachricht, verbreitet von der amtlichen Nachrichten-Agentur Xinhua, dass 400 Millionen Menschen in China des Mandarin nicht mächtig seien, hat die roten Mandarine, aber auch Linguisten und Sprachschützer aufgeschreckt. Wenn gut dreissig Prozent der Bevölkerung die Standardsprache Mandarin nicht verstehen, geht es wie einst unter dem ersten Kaiser Qin Shi Huangdi um die nationale Einheit und ganz praktisch um die Fähigkeit, das Riesenreich der Mitte zu regieren. Mit «massiven Investitionen» will nun die Regierung das Sprachdefizit beseitigen und - getreu dem Wahlspruch von Staat- und Parteichef Xi Jinping - «den gemeinsamen chinesischen Traum bauen». Renmin Ribao (Volkszeitung), das Sprachrohr der Partei, weiss auch schon, wo genau man ansetzen muss: bei der Landbevölkerung und den Minoritäten.

Sprachschützer sehen aber auch noch andere Gefahren. Wie Kollegen in andern Ländern haben sie das Englisch als schwere Bedrohung ausgemacht. Schon vor Jahren wollten die eifrigen Sprachhüter englische Ausdrücke in den Medien oder auf Reklametafeln verbieten. Mit wenig Erfolg. Wang Xueming, einst Sprecher des Erziehungsministeriums, fordert in einem Blog auf Sina Weibo, dass Frühenglisch endlich abgeschafft werde und dafür die Chinesisch-Lektionen erhöht werden. Ähnlich wie in der Schweiz sind sich in China Erziehungswissenschafter in der Früh-Englisch-Frage uneinig. Einig sind sie sich dagegen darin, dass dem Chinesisch-Unterricht mehr Beachtung geschenkt werden sollte. Von den Chinesen lernen! - kann man da nur sagen...

Chinesisch ist eine der sechs offiziellen Sprachen der UNO. Chinesische Schüler pauken auch eifrig Englisch. Doch nach der obligatorischen Schulpflicht können sie so viel Englisch wie der Deutschschweizer Schüler Französisch. Dennoch, der Pekinger Professor Shi Zhongying wird in der parteiamtlichen Zeitung «Global Times» mit folgenden Worten zitiert: «Was immer man denkt über die Debatte, in unserer globalisierten Welt ist es nötig eine Fremdsprache zu lernen - zum Beispiel Englisch».

(Peter Achten/news.ch)

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