Luzerner GymnasiastInnen - denkt selber!
publiziert: Donnerstag, 27. Nov 2014 / 08:36 Uhr
Ehemaliger Einsiedler Abt Martin Werlen: Von den Luzerner Ethiklehrern als Verstärkung geholt. (Archivbild)
Ehemaliger Einsiedler Abt Martin Werlen: Von den Luzerner Ethiklehrern als Verstärkung geholt. (Archivbild)

Im Kanton Luzern findet aktuell ein weiteres Rückzugsgefecht der katholischen Tradition statt. Aus Spargründen will der Regierungsrat ab 2016 das Fach «Religion und Ethik» an den obersten Gymnasialklassen streichen. Was anderswo selbstverständlich ist, wollen Luzerner Katholiken verhindern: Sie beanspruchen die Deutungshoheit über den Ethikunterricht ihrer Eliten.

Die Petition der Religionspädagogen war erfolgreich. Bereits haben über 7000 Personen einen Aufruf an die kantonalen PolitikerInnen unterzeichnet, die das Sparpaket im Dezember beraten werden. Der Aufstand der Katholiken zeigt Wirkung: Am heutigen Podium in Luzern wollte gemäss den Organisatoren niemand aus der Politik dabei sein, offenbar will sich niemand wegen einer halben Million Einsparmöglichkeit die eigene Politkarriere verderben. Die Freidenkerin steht also allein gegen vier Vertreter mit katholischer Sozialisation und dem Wunsch nach Rückkehr in die «gute alte Zeit», in der die Kirche im Zentrum von Dorf und Gesellschaft stand.

Ein Lehrstück für kritische GymnasiastInnen ist die ganze Posse allemal: Sie können lernen, wie ihre Religionspädagogen, sogenannten Fachleute für Ethik, unredlich mit Fakten umgehen, indem sie verschweigen, dass es bereits heute mindestens zwei Luzerner Gymnasien gibt, an denen das Fach in den oberen Klassen nicht mehr zum Obligatorium gehört - dass dort also schon heute Pädagogen so «verantwortungslos» sind, «Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahren alleine zu lassen mit ihren Fragen zu Religion und Werten». Ganz zu schweigen von der Mehrzahl der Kantone, wo in den oberen Gymnasialklassen selbstverständlich Philosophie auf dem Lehrplan steht und nicht die während der neunjährigen Schulpflicht wahrlich ausgiebig berücksichtigte Religionskunde.

Sie können zudem mal den Rahmenlehrplan für Maturitätsschulen lesen und werden feststellen, wie demagogisch katholisch geprägte Luzerner Pädagogen argumentieren, wenn sie sagen, dass «verantwortungslose Politiker» daran interessiert seien, dass Maturandinnen «bloss in Sprachen und Mathematik/Naturwissenschaften 'drauskomme'», aber in Fragestellungen, welche für eine gute Bewältigung des Lebens von existenzieller Bedeutung sind, «'in den Kinderschuhen' stecken bleiben oder zu potenziellen unreflektierten Opfern von Bekenntnisgemeinschaften werden.» Die Pädagogen spielen hier gezielt mit den Ängsten der Bevölkerung, während der Lehrplan strotzt vor Hinweisen auf Ethik und Verantwortung: Ob in Geschichte, Wirtschaft und Recht, Geographie, Biologie, Chemie oder Physik - überall wird Ethik im Lehrplan explizit thematisiert. In den Sprachfächern werden SchülerInnen über Literatur automatisch mit ethischen Fragen konfrontiert und schliesslich geht es im Fach Philosophie, das in den letzten Gymnasialklassen überall zum Pflichtstoff gehört, wesentlich darum «- selbständig, kritisch und selbstkritisch - nachzudenken über das, was uns persönlich und den Gemeinschaften und Gesellschaften als wirklich oder scheinhaft, wert oder unwert gilt, und darüber, was als solches gelten soll».

Aufmerksame SchülerInnen werden merken: Der von den Religionspädagogen ins Feld geführte «Zerfall der Werte» und die von der katholischen Kirche und der universitären Religionspädagogik heraufbeschworene «Gefahr, dass die künftige Elite des Landes an den Gymnasien nichts mehr von Religionskunde und Ethik mitbekomme», sind reine Propaganda. Diese beginnt schon im Luzerner Lehrplan, wo man lesen kann: «Das Fach Religionskunde und Ethik leistet einen spezifischen und unverzichtbaren Beitrag zu einer ganzheitlichen Bildung, wie sie Art. 5 des Maturitätsanerkennungsreglements fordert und wie sie durch die verschiedenen Kompetenzfelder des Rahmenlehrplans ausgedrückt wird.» Kein anderes Fach erhebt den Anspruch unverzichtbar zu sein, und ein Blick in diesen Lehrplan zeigt darüber hinaus, dass von der Religion bei den Kompetenzfeldern offenbar kaum einen interdisziplinären Beitrag erwartet wird.

Kritische GymnasiastInnen werden sich auch fragen, warum die Religionspädagogen sich so aufplustern und gleichzeitig die Kompetenz des ganzen übrigen Lehrkörpers in Ethik infrage stellen, und sie werden zum Schluss kommen, dass es ihnen wohl doch weniger um Bildungsziele als um den Erhalt ihrer eigenen Stellen geht.

Last but not least werden sie sich als «künftige Elite» am Schluss wundern, wieso die derzeitige (noch bis zur Matura mit Religion bearbeitete) Elite in der Politik nicht den Mut hat, sich an der öffentlichen Debatte zu beteiligen und warum die Organisatoren der Luzerner Debatte über ein offiziell bekenntnisfreies Fach Verstärkung in der Person des ehemaligen Einsiedler Abtes Martin Werlen holen.

(Reta Caspar/news.ch)

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