Männerdepression: Tabu kostet Leben
publiziert: Mittwoch, 5. Sep 2012 / 14:55 Uhr
Männer nehmen von sich aus seltener Hilfe in Anspruch als Frauen.  (Symbolbild)
Männer nehmen von sich aus seltener Hilfe in Anspruch als Frauen. (Symbolbild)

Bayreuth - Sprichworte wie «Indianer kennen keinen Schmerz» haben einen hohen Preis: Männer tun sich schwer dabei, Gefühle auszudrücken und Hilfe anzunehmen - was sie bei Lebenskrisen viel leichter in die Depression stolpern lässt.

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Der Bayreuther Psychiater Manfred Wolfersdorf hat dazu gemeinsam mit Constanze Löffler und Beate Wagner im Buch «Männer weinen nicht. Depressionen bei Männern» (Goldmann, Erscheinungstag 17. September) das Phänomen umrissen, das bisher selbst von der Fachwelt meist ignoriert oder verdrängt wird.

Kranke Gesellschaft

Depression ist nur auf den ersten Blick weiblich: Zwar kommen bei dieser Störung zwei Frauen auf einen Mann, doch steigt beim vermeintlich «starken Geschlecht» die Suizidgefahr mit dem Lebensalter weitaus schneller als bei weiblichen Patienten. Vielfach wird das Problem jedoch übersehen - nicht zuletzt deshalb, da Männer von sich aus seltener Hilfe in Anspruch nehmen als Frauen. «Viele therapieren sich selbst - durch übermässig viel Sport, Aktivismus oder Alkohol, was häufig in die Hose geht», so Wolfersdorf gegenüber pressetext.

Typisch «männliche» Aktivitäten wie exzessiver Sport, risikofreudiges Autofahren oder regelmässiges Trinken können somit auch Anzeichen einer Depression sein - zusätzlich zu Aggressivität und Gereiztheit sowie den Grundsymptomen wie Niedergeschlagenheit, Verlust von Freude und Antrieb, Grübeleien und Hoffnungslosigkeit. Die Mentalität der Generation der heute 50- bis 60-Jährigen spielt hier wesentlich mit, vermutet der Experte. «Männer, die psychisch krank sind, leiden in dieser Gruppe unter hoher Stigmatisierung.»

Dass sich die Situation künftig automatisch bessert, bezweifelt Wolfersdorf, sind doch auch bei Jüngeren die erschwerenden Faktoren zahlreich: Leistungsorientierung, hohe Mobilität sowie der Zwang zur ständigen Erreichbarkeit und Kommunikation, der «letztlich vereinsamen lässt».

Neue Fragestellung

Obwohl das Problem der hohen Sterblichkeit depressiver Männer weithin bekannt ist, stecken alle Männer-spezifischen Ansätze für die Behandlung der Krankheit noch in den Kinderschuhen. Erst nach der Jahrtausendwende wurde das Thema gezielt als Fragestellung begriffen, allem voran durch die Gendermedizin und Suizidforschung. Bloss drei Gruppen widmen sich in Deutschland speziell dem Gebiet «Mann und Psyche», neuerdings auch die Stiftung Männergesundheit mit einem Fokus auf Depressivität, Sucht und Suizidalität.

Praktische Ärzte sollten bei Warnsignalen wie Schlaf- und Appetitlosigkeit sowie Gewichtsverlust nicht nur an Krebs denken, rät der Bayreuther Mediziner. Auf Männer abgestimmte Prävention ist hingegen noch ferne Zukunftsmusik. Dabei gibt es einige Faktoren, die Männern besonders helfen können: «Arbeit und Beziehung haben für Männer hohe Bedeutung. Ist nur eine Seite davon in Gefahr, kann die andere Schutz bieten», sagt Wolfersdorf. Besonders günstig sind auch Gratifikationen und Wertschätzung, die das Selbstwertgefühl stabilisieren, sowie das Erlernen der Fähigkeit, über Probleme zu sprechen.

(knob/pte)

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