Marodierende Nadelstreifjournis
publiziert: Mittwoch, 20. Jun 2012 / 14:51 Uhr
Parlament von Athen: Keine brennende Stadt am Wahl-Wochenende
Parlament von Athen: Keine brennende Stadt am Wahl-Wochenende

Die Welt existiert im Wesentlichen durch die Augen derer, die die Deutungsmacht haben. Selten hat sich dies so sehr bewahrheitet wie diesen Sonntag in Griechenland.

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In den Augen meiner Freunde und Bekannten wäre die Idee eines Urlaubes im kriegsgeplagten Kongo plausibler und weniger gefährlich erschienen, als ein Besuch Griechenlands während der Parlamentswahl. Was mussten wir nicht alles in den schweizerischen und deutschen Leitmedien über den totalen Wahnsinn, der anscheinend das Mutterland der Demokratie befallen hat, lesen.

Sturm auf die Banken, Rückkehr zur Drachme, Unwillen zur Dankbarkeit angesichts der «Milliardengeschenke» aus dem « zivilisierten» Norden Europas. Kein Klischee, das nicht bedient wurde! Und was trafen wir dieses Wochenende in Athen an? Eine brennende Stadt, die im Wahlfieber für den Sieg des Linksbündnisses kämpfte und ihr aus Merkels Sicht freches «Ochi» zur Eurozone unvernünftig in die Wahlurne legte? Mitnichten.

Hellas präsentierte sich im schönsten Licht mit den wohl gebildetesten Europäern - lassen Sie mal einen Schweizer Kellner das Proporzsystem erklären und Sie wissen, was ich meine. Und wer mal in der Schweiz auf Gastfreundschaft zählte, der konnte sicher sein, sofort bei einem Cousins eines Cousins des griechischen Freundes in Luzern unterzukommen, aber sicher nicht beim ehemaligen Berner Studienkollegen! Die Griechen, die ich an diesem Wochenende in Athen traf, hatte mit «den Griechen» aus Bild, Tagesanzeiger, Spiegel Online und diversen schweizerischen wie deutschen Talkshows absolut nichts zu tun. Manchmal frage ich mich echt, auf welchem Planeten viele Experten und Journis wohnen - sicher nicht auf dem Stück Erde, das von Menschen und nicht von Kategorien bewohnt wird.

Wie dies zustande kommt, zeigten die diversen Medienleute in Athen. Sie tummelten sich mangels Aufstandes in netten Restaurants, füllten ihre Bäuche mit fetagefülltem Schweinefleisch, befragten die jeweiligen Wirte mangels revolutionärem Wahlvolk und sendeten dramatische Berichte in ihre Heimatstädte. Mitten in der Kulisse von wohlgekleideten Athenerinnen, freundlichen Familien mit Kindern und coolen Jungs, schrieben und schrieen sie in die Welt: Der Kommunismus ist eingedämmt! Die Griechen werden Steuern zahlen. Die Eurozone ist gerettet. Die «vernünftigen» Kräfte haben die Wahlen gewonnen!

Nichts davon stimmt. Fakt ist, dass nun die 55 Prozent aller links wählenden Griechen von einer Handvoll fetten und ziemlich verblödeten hellenischen Politikerdynastien regiert und von Merkel aus Berlin weiter gejocht werden sollen. Weiter Fakt ist, dass Christine Lagarde als Chefin des IWF für so primitive Sprüche über nicht-steuerwillige Griechen mit 46'000(!) Euro monatlich entlohnt wird (exklusive natürlich Spesen, Reise- und Hotelkosten, Renten- und Krankenkasse sowie eine Studienzulage für ihren Nachwuchs etc.) - dies übrigens seit Jahren steuerfrei! Fakt ist, dass wir europäischen Menschen, die für ihr Geld wirklich arbeiten, weiterhin von all jenen, die Arbeit nicht einmal mehr vom Hörensagen kennen, bis auf den letzten Olivenöltropfen ausgepresst werden, damit die marodierenden Horden in weissen Hemden und Nadelstreifenanzügen wie Heuschrecken auch noch den Rest an Realwirtschaft wegfressen dürfen.

Athen zeigte an diesem Wochenende, wie wirklich und wunderbar Menschen und wie unfassbar unwirklich die Narrative, welche die Medien über «Griechenland» oder die griechische Politik im allgemeinen berichten, sind. Noch unwirklicher ist dabei, dass viele Journis gleichzeitig von sich selber meinen, kritisch, demokratiefreundlich oder gar links zu sein. In Athen wurde mir in Anlehnung an Adorno bitter bewusst, dass es keinen richtigen Beruf im falschen gibt.

Griechenland wird es nämlich, ebenso wie Deutschland oder die Schweiz immer noch geben, selbst wenn die Heuschrecken des Kapitalismus längst nur noch ein dunkles Kapitel der Geschichte sein werden.

(Regula Stämpfli/news.ch)

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