Mediale Apokalypse - die vier journalistischen Reiter
publiziert: Donnerstag, 1. Nov 2012 / 08:58 Uhr
Hurricane Sandy: Oberflächliches, zynisches Bibel-Metapher-Dreschen.
Hurricane Sandy: Oberflächliches, zynisches Bibel-Metapher-Dreschen.

Die westlichen Medien schauten gebannt auf Satellitenkarten der amerikanischen Ostküste, und pünktlich trafen sie ein, die Schlagzeilen mit biblischem Vokabular: der «Sintflut» (Blick), den «4 Reitern der Apokalypse» (20 Minuten). Auf der Suche nach Superlativen werden die Journalisten selber zu Reitern, die mit ihren sprachlichen Pferden ungerührt über das Geschehen und über die Opfer hinweg trampeln.

3 Meldungen im Zusammenhang
Jedes erfolgreiche Buch braucht einen prägnanten Anfang und einen fulminanten Schluss, so auch die Bibel. Sie beginnt mit dem Anfang, an dem das «Wort» gestanden haben soll, und sie schliesst mit der Offenbarung des Johannes über das grauenvolle Ende der Welt samt Auftritt der «vier apokalyptischen Reiter»: alles in ziemlich wirren, gruseligen und abstossenden Worten, aber offenbar trotzdem - oder gerade deshalb? - attraktiv für JournalistInnen. Die Redaktionen lassen ihnen das durch, oder setzen damit sogar selber schrille Titel. Das gilt selbst für Traditionsblätter wie die «gute alte» NZZ, die immer mal wieder den Begriff «Sintflut» bemüht, wenn ein Hochwasser irgendwo Schaden verursacht.

Keine Ahnung von den verheerenden Zusammenhängen, in denen dieses Vokabular in der Bibel verwendet wird, für die journalistischen Reiter zählen nur die schnellen Effekte:

1. journalistischer Reiter: der weisse Blender
Wer in einem mehrheitlich säkularen Umfeld religiöse Metaphern verwendet, sucht den hypen Titel und den billigen Medieneffekt und nimmt dabei nur sich selbst und seine Profilierung wahr und weder die Betroffenen noch die Religion ernst.

2. journalistischer Reiter: der rote Skandalierer
Wer von Apokalypse spricht, sucht den Schockeffekt auf Kosten der aufklärenden Beschreibung, greift zum religiösen Vierhänder und rechtfertigt zudem den Schaden mit dem göttlichen Plan des Weltuntergangs.

3. journalistischer Reiter: der schwarze Opportunist
Wer achtlos religiöse Metaphern verwendet, gibt vor, gebildet und kulturgeschichtlich bewandert zu sein und bedient sich der Deutungsmacht der kulturellen Tradition. Dabei wirft er die Metapher nur hin und bemüht sich nicht - oder ist unfähig - ihre Bedeutung auszudifferenzieren.

4. journalistischer Reiter: der fahle Zyniker
Wer «Sintflut» schreibt, sucht nicht nach wirklichen Kausalitäten und schreibt den Opfern einer Katastrophe letztlich die Schuld zu und rechtfertigt die Vernichtung mit einer göttlich verordneten Strafe für nicht gottgefälliges Benehmen.

Mit journalistischen Grundsätzen hat solche Schreibe nichts zu tun: keine Wahrhaftigkeit, keine Informationsvermittlung, keine professionelle Distanz sondern nur scheinbare Einordnung mittels oberflächlichen Umgangs mit Metaphern.

Die Kirchen müssten sich eigentlich dagegen verwahren, aber sie tun es nicht. Sie begnügen sich offenbar damit, die Kulisse des medialen Deutungshorizontes zu liefern und nehmen in Kauf, dass das Publikum die Religion und ihre Metaphern nur noch als Worthülsen und allenfalls als Verweis auf die virtuelle Realität von Katastrophenfilmen versteht - nach dem Motto: lieber eine mediale Apokalypse als gar keine?

(Reta Caspar/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
New York - Nach dem verheerenden Hurrikan «Sandy» mit dutzenden Toten und schweren Verwüstungen kehrt die ... mehr lesen
New York ist nach dem Wirbelsturm auf dem Weg zur Normalität.
Washington - Massen-Evakuierungen in New York: 375'000 Bewohnern der Millionenstadt müssen wegen des drohenden ... mehr lesen
«Frankenstorm» bedroht die Ostküste der USA.
Sexuelle Belästigung: «Frauen sollten sich deshalb niemals der Illusion hingeben, gleichzeitig beschützt und frei zu sein.»
Sexuelle Belästigung: «Frauen sollten sich deshalb ...
Die Vorkommnisse in der Silvesternacht in Köln und in anderen Städten geben einer besonderen Sorte von Zeitgenossinnen und -genossen Auftrieb: Frauenbeschützern, die einheimische Frauen bedroht sehen von einfallenden Horden junger Männer und deshalb nach paternalistischen Massnahmen rufen. mehr lesen 
Missbrauch von weiblichen Flüchtlingen in Europa London - Auf ihrer Flucht aus Syrien und dem Irak sind viele Frauen nach ...
CDU verschärft Gangart gegen kriminelle Migranten Mainz - Nach den Übergriffen an Silvester in Köln verschärft die ... 1
Keine Sorge, sie ist nur für Medien ansteckend und bald vorüber, die weihnachtliche Mediengrippe. Die wahre frohe Botschaft zum Jahresende lautet: Es begab sich am 10. ... mehr lesen   2
Seit 1948 ein Grund im Dezember zu feiern: Universelle Erklärung der Menschenrechte.
Der italienische Arzt Gino Strada bekam die Auszeichnung für seine Versorgung von Menschen in Konfliktgebieten.
Alternative Nobelpreise ehren vier Kämpfer für Menschenrechte Stockholm - Erstmals sind am Montag in Stockholm Preisträger aus Uganda und Italien mit dem Alternativen ...
Typisch Schweiz Pepperminta (2009) Zürich ist ja immer noch voll im Dada-Fieber. Passend dazu gibt's den ...
Shopping 100 Rifles (Fullmovie) Eigentlich spielte Burt Reynolds in gar nicht so schlechten Filmen mit wie viele meinen. Man denke nur mal an «Deliverance» oder «Boogie Nights». Dieser Western gehört leider ...
Sony Walkman Anzeige aus den 80er Jahren.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Als Sozialdemokraten gewählt, als Regierende Sozialdemokratie abgewählt: Hartz-IV Architekten Schröder und Clement.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Filter-Bubbles können radikalisieren. (Screenshot des verlinkten TED-Talks)
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Chinesische Marken zum neuen Jahr: Affenmässig schnell ausverkauft.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Wieder enthüllte Aphrodite: Erleichtert, Rohani nicht gesehen zu haben.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Wettbewerb
   
Die geladenen Gäste werden eine Fahrt durch den mit 57 Kilometern längsten Bahntunnel der Welt machen.
Gotthard-Basistunnel  Bern - 160'000 Personen haben sich bis zum Ablauf des Wettbewerbs für Fahrkarten in jenen beiden Zügen beworben, die am 1. ...
Eröffnungsfahrt zu gewinnen  Bern - Wer am 1. Juni 2016 in einem der beiden Züge, die den Gotthard-Basistunnel eröffnen, mitfahren will, kann sich nun um Fahrkarten bewerben. ...
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
DO FR SA SO MO DI
Zürich -2°C -0°C leicht bewölkt bewölkt bewölkt bewölkt bewölkt bewölkt
Basel -2°C 1°C leicht bewölkt bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall
St.Gallen -1°C 3°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt
Bern -2°C 4°C leicht bewölkt bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen
Luzern -1°C 5°C leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt
Genf -1°C 5°C leicht bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen
Lugano 2°C 8°C bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen
mehr Wetter von über 6000 Orten