Mediale Mythenpflege - aus Desinteresse
publiziert: Donnerstag, 15. Mai 2014 / 09:01 Uhr
Die Medien sind nicht kirchenfreundlich - sie sind ignorant und desinteressiert.
Die Medien sind nicht kirchenfreundlich - sie sind ignorant und desinteressiert.

Einhellig sprechen sich die grösseren Tageszeitungen im Kanton Zürich gegen die Abschaffung der Kirchensteuer für juristische Personen aus. Aber die Medien sind nicht etwa kirchenfreundlich, sondern schlicht ignorant und desinteressiert. Sie finden das Thema Trennung von Staat und Kirche einfach nicht sexy, dienen den Kirchen zwar noch als Sprachrohr, aber sie generieren keine eigenen Argumente mehr.

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Peinlich genug für die Kirchen, dass sie das überkommene System nur noch mit wirtschaftlichen Argumenten verteidigen und die BürgerInnen nur noch bei ihrer Angst vor Steuererhöhungen zu packen versuchen.

Peinlich aber vor allem für die Medien, welche ihre Aufgabe nicht erfüllen und Mythen pflegen, statt zu recherchieren und die fadenscheinigen Argumente der Kirchen höher gewichten als den offensichtlich rasanten Schwund der gesellschaftlichen Bedeutung dieser Organisationen.

So verbreitete der Tagesanzeiger im Leitartikel unkritisch, dass Kirchensteuern für juristische Personen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen und faselt von der «historischen Rolle des Glaubens». Als Informanten dienen Kirchenfunktionäre, welche selbstredend auch die hohen Funktionärslöhne mit den Zwängen des Arbeitsmarktes begründen.

Der Landbote plapperte den Mythos nach, dass «die Wirtschaft wie die gesamte Gesellschaft von jenen Leistungen der Kirche, die zur sozialen Stabilität und damit zur Standortattraktivität beitragen, profitieren» würde. Belege? Keine.

Auch in der NZZ wurde über den Mythos der «Klammerfunktion» der Kirchen fabuliert, unter Ausblendung der Tatsache, dass in entscheidenden Abstimmungen die Kirchen mit ihren Parolen meist desavouiert werden. Als Gastkommentator konnte SP-Regierungsrat Mario Fehr in der NZZ das Hohelied des Werts der kirchlichen Angebote auch für Nichtmitglieder anstimmen - ein Angebot allein bedeutet aber noch keinen Nutzen und auch die von den Initiativgegnern gerne zitierte Fakir-Studie hat eben gerade nicht erhoben, ob und wie viele (Nicht-)Mitglieder die Angebote auch wirklich in Anspruch nehmen, sondern nur, wie viel (Freiwilligen-)Arbeit geleistet wird. Dass der SP-Mann Fehr daraus ohne weiteren Rechenschritt auf Effizienz schliesst, ist für einen linken Politiker nicht überraschend, dass die NZZ-Redaktion so was unhinterfragt abdruckt, ist hingegen eine Blamage.

Kirchenfinanzkritische Stimmen kamen eher im Zürcher Unterländer zu Wort. Auch hier wurde nicht recherchiert, aber es wurden wenigstens mehr politische Stimmen auf der Befürworterseite der Initiative eingefangen. Da wurde auch mal der Mythos der einzigartigen Freiwilligenarbeitstradition der Kirchen relativiert.

Von den Medien nicht kommentiert wurde die Auflösung der Freiwilligenagentur der Stiftung Kirchlicher Sozialdienst Zürich per Ende Juni 2014, einer Stiftung des Verbandes der stadtzürcherischen reformierten Kirchgemeinden, mit der rund 360'000 Franken gespart werden sollen. Im Protokoll der Stadtzürcher Zentralkirchenpflege vom Dezember 2013 steht zu lesen: «Von 2001 bis 2010 bestand eine Zusammenarbeit mit der gesamtstädtischen Kontaktstelle Freiwilligenarbeit der Sozialen Dienste der Stadt Zürich. Anschliessend trennte man sich. Die Kontaktstelle Freiwilligenarbeit der Sozialen Dienste der Stadt Zürich baut seither ein vergleichbares Angebot auf und firmiert seit September 2011 auch als Fachstelle Stadt Zürich für BENEVOL, der Dachorganisation der Fach- und Vermittlungsstellen für Freiwilligenarbeit in der Deutschschweiz» und «Freiwilligenarbeit in den Kirchgemeinden der Stadt Zürich ist kein Thema. Die Kirchgemeinden generieren ihre Freiwilligen ganz offensichtlich selber. Die Freiwilligenagentur hat damit keinen direkten Nutzen für die Verbandsgemeinden, was allerdings den gesamtgesellschaftlichen Wert der Freiwilligenagentur nicht schmälert.» Wie bitte? Die Kirchen geben selber zu, dass sie Angebote haben, die niemand braucht, weil der Staat das Nötige bereits selber bereitstellt, und behauptet trotzdem keck, dass da ein gesamtgesellschaftlicher Wert generiert worden sei? Und die Medien schauen nicht hin und fragen nicht nach?

Fazit: Das Problem sind nicht klerikal gesinnte Medien sondern deren Ignoranz und Desinteresse. Das historische und gesellschaftlich extrem wichtige Thema der Trennung von Staat und Kirche ist den Redaktionen offenbar nicht genug «sexy». Sie dienen so den Kirchen, ohne sich selbst mit den Argumenten zu befassen und Fakten zu suchen, als passives Sprachrohr. Langfristig werden sie damit den Kirchen wohl keinen Dienst erweisen.

(Reta Caspar/news.ch)

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