Medwedew schafft vollendete Tatsachen
publiziert: Dienstag, 26. Aug 2008 / 17:19 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 26. Aug 2008 / 19:04 Uhr

Moskau - Die Kamera blickt schräg von unten auf Dmitri Medwedew. Sie soll den klein gewachsenen Kremlchef bei seinem Auftritt imposanter erscheinen lassen.

Russlands Präsident Dmitri Medwedew sagte, das wiederholt aggressive Verhalten Georgiens habe ihm keine andere Wahl gelassen.
Russlands Präsident Dmitri Medwedew sagte, das wiederholt aggressive Verhalten Georgiens habe ihm keine andere Wahl gelassen.
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Eingerahmt vom doppelköpfigen Adler und der russischen Trikolore trägt Medwedew nahezu mit Grabesstimme seine Erklärung vor, die die Beziehungen seines Landes zur NATO und zum Westen insgesamt erschüttern dürfte. Nach einer Auflistung internationaler Völkerrechtsdeklarationen bis hin zur Schlussakte von Helsinki kommt Medwedew zum entscheidenden Satz.

«Ich habe im Namen der Russischen Föderation die Anordnungen über die Anerkennung der Unabhängigkeit Südossetiens und der Unabhängigkeit Abchasien unterschrieben», sagt Medwedew kurz vor Abschluss seiner kurzen Erklärung. Das wiederholt aggressive Verhalten Georgiens habe ihm keine andere Wahl gelassen.

Balsam für russische Seelen

Diese Entscheidung kommt einem Befreiungsschlag für die gedemütigte russische Volksseele gleich. Seit dem Zerfall der Sowjetunion vor zwei Jahrzehnten fühlten sich die Russen vom Westen und vor allem von der NATO immer wieder erniedrigt.

Politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich geschwächt musste das Riesenreich die NATO-Osterweiterung, die Bombenangriffe gegen Ziele in Serbien 1999 und zuletzt die US-Raketenabwehrpläne für Mitteleuropa zähneknirschend hinnehmen.

In der Südossetien-Frage hat nun der Kreml - kompromisslos und beratungsresistent - seine strategischen Interessen im Machtkampf mit dem Westen durchgesetzt. Für die öffentliche Meinung in Russland ist es dabei nebensächlich, ob dieses Szenario von Anfang an so in Moskau geplant war oder der Kreml auf den georgischen Angriff auf Zchinwali reagierte.

Jahrelang verfolgten Russlands Generäle das Militärengagement der USA vor ihrer Haustür mit der geballten Faust in der Tasche. Nun ist die hoch gerüstete Armee Georgiens in die Knie gezwungen, ein Teil des Kernlandes auf nicht absehbare Zeit unter russischer Kontrolle und die territoriale Einheit des Landes zerschlagen.

«Schwere Entscheidung»

Zum Abschluss seiner knapp fünfminütigen Erklärung erlaubt sich Medwedew noch eine persönliche Anmerkung. «Es ist eine schwere Entscheidung, aber es ist die einzige Möglichkeit, das Leben der Menschen zu retten», sagt der Kremlchef, bevor ihn der russische Nachrichtensender ausblendet.

Diese Worte dürften vor allem für Deutschland und andere Länder in der NATO und der EU ein Schlag sein, die ungeachtet der Eskalation in den vergangenen Wochen für eine Verhandlungslösung mit Russland warben. Medwedew machte mit seinem Finale deutlich, dass es für Russland eben doch keine Option war, die russischen Militärs irgendwann durch eine internationale Schutztruppe abzulösen.

Angst vor Folgen

Auf erstes reagiert die Börse in Moskau auf den diplomatischen Paukenschlag. Der RTS-Kurs bricht auf den tiefsten Stand der letzten zwei Jahre ein. Die Händler ahnen, dass diese Entscheidung des Kremls dramatische Auswirkungen auf die Wirtschaftsbeziehungen Russlands mit dem Westen haben könnte.

Der Radiosender «Echo Moskwy», eine der letzten kritischen Stimmen in der russischen Öffentlichkeit, lässt gleich nach der Medwedew-Erklärung seine Hörer zu Wort kommen. Einer macht sich Sorgen vor einer Kettenreaktion von Unabhängigkeitsbestrebungen im eigenen Land. «Dieser Tag wird als Datum in die Geschichte eingehen, an dem Russland auseinanderfällt», schreibt er per SMS.

(Stefan Voss/dpa)

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