Meereis ist nicht bloss Eis
publiziert: Mittwoch, 17. Okt 2012 / 19:13 Uhr / aktualisiert: Montag, 29. Okt 2012 / 09:55 Uhr
Andreas Fischlin ist Professor für Systemökologie an der ETH Zürich.
Andreas Fischlin ist Professor für Systemökologie an der ETH Zürich.

Die Ausdehnung des arktischen Meereises hat diesen Sommer einen Rekordtiefstand seit Beginn der Satellitenbeobachtungen erreicht. Hinter dem Meereis verbirgt sich ein erstaunlich vielfältiges Ökosystem, das wenig erforscht und kaum bekannt ist. Gefährdet der Rekordtiefstand nun das ganze Ökosystem?

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In diesem Sommer wurde ein nie zuvor gemessener Tiefstand bei der Ausdehnung des arktischen Meereises beobachtet. Damit sind die Rekorde von 2005 und 2007 deutlich um 36% bzw. 18% unterboten worden.

Dauerhafte Veränderungen im Meereis

Ein Rekord für sich allein ist klimatologisch nicht besorgniserregend. So haben 2007 absonderlich hohe Temperaturen und in diesem Jahr ein Sturm - also besondere Wetterereignisse - zum jeweiligen Rekord beigetragen. Doch in diesem Jahr zeigt sich ein weit bedenklicherer Effekt. Nämlich, dass die dauerhaften Veränderungen im Meereis selber vermutlich nicht unwesentlich beteiligt sind.

So sind seit Beginn dieses Jahrhunderts sämtliche Eisflächenwerte ständig ausserhalb des 95% Vertrauensintervalls der Datenreihe (1979-2000) - und zwar ausschliesslich auf der «warmen» Seite (2.5% Intervall) zu liegen gekommen. Dies ist klimatologisch bemerkenswert.

Das arktische Meereis ist stetig empfindlicher geworden, denn der Anteil des mehrjährigen Eises ist dahingeschmolzen: Meereis älter als zwei Jahre hat zu Beginn der 80er Jahre im arktischen Sommer fast 60% des Meereises ausgemacht. Heute ist dieser Anteil um die Hälfte auf unter dreissig Prozent zusammengeschrumpft. Noch beunruhigender ist dessen Abnahme im Winter, wo der Anteil von 35% auf weniger als die Hälfte (~15%) abgefallen ist. Das zeigt, dass die Erholung des Meereises nicht mehr gewährleistet ist.

Dem Meereisbiom drohen eingreifende Veränderungen

Für das Meereisbiom dürften diese strukturellen Veränderungen weit bedeutender sein, als dies einzelne Rekorde je sein können. Doch was ist das Meereisbiom?

Wenig bekannt ist die Tatsache, dass Meereis die Lebensgrundlage eines überraschend reichhaltigen Ökosystems ist. Im Unterschied zum Festland und küstennahen Gebieten, wo tropische Ökosysteme zu den produktivsten der Welt gehören, ist die Produktivität der Meerökosysteme des offenen Meeres in hohen Breitengraden am höchsten. Dies ist einer der Gründe, warum Wale riesige Wanderungen machen: Sie ziehen es vor, ihre Jungen in den räuberarmen tropischen Gewässern zur Welt bringen, um dann tausende von Kilometer polwärts zu schwimmen, wo sie genügend Nahrung finden.

Algen besiedeln die Unterseite des Meereises, dort wo der Salzgehalt des Wassers hoch genug ist und genügend Nährstoffe zur Verfügung stehen. Insbesondere die als Krill bekannten Kleinkrebse weiden die eisbesiedelnden Algen ab. Sie bilden den Anfang einer wichtigen Nahrungskette, die über verschiedene Fischarten, Robben, Walrosse, Vögel bis hin zu den grossen Walen reicht. Schrumpft das mehrjährige Meereis, so entschwindet dem Meereisbiom die Lebensgrundlage - und damit der ganzen davon abhängenden Nahrungskette. Erste Abschätzungen deuten darauf hin, dass die Produktivität der Meere durch die Klimaerwärmung abnimmt.

Sind die Eisbären gefährdet?

«Ohne Eis keine Eisbären» antwortete mir ein kanadischer Forscherkollege, der sich sein Leben lang mit Eisbären beschäftigt hatte, als ich ihn fragte, ob seiner Einschätzung nach die Eisbären als Art gefährdet sind. Das bedeutet allerdings nicht, dass damit schon besagt wäre, dass ein ungebremster Klimawandel den Eisbär als Art zur Ausrottung verdammt. Zu befürchten ist dies aber, wenn das Meereis im Sommer auf Dauer fehlte.

Eisbärmütter gebären und säugen ihre Jungen in einer Höhle, welche sie über den Winter nie verlassen. Bislang hat keine Eisbärmutter ihre Jungen im Frühjahr lebend aus der Höhle entlassen, wenn sie im Herbst zuvor nicht mindestens 189kg wog. Um ein solches Gewicht zu erlangen, ist die werdende Eisbärmutter auf Jagderfolge mit genügend fettreicher Beute angewiesen - sie braucht Robbenspeck.

Das frühere Aufbrechen des Meereises im Frühjahr und insbesondere das spätere Zufrieren im Herbst haben aber in den letzten Jahrzehnten die Robbenjagd für Eisbären erschwert und zu deutlichen Gewichtsverlusten bei den weiblichen Eisbären geführt. Setzen sich bisherige Trends fort, wird diese Gewichtsgrenze im Durchschnitt schon in wenigen Jahren in der am besten untersuchten Eisbärpopulation der westlichen Hudsonbay erreicht sein. Somit dürfte ab 2020 in dieser Population nur noch jede zweite im Herbst trächtige Eisbärmutter ihre Jungen durch den Winter bringen. Die bislang beobachtete Populationsabnahme setzte sich entsprechend fort.

Eisschutz erfordert Klimaschutz

Mir scheint in Anbetracht der vorhandenen Forschungsergebnisse klar: Nicht der Rekordtiefstand beim arktischen Meereis ist entscheidend für das Schicksal des arktischen Meereisbiomes, sondern die schleichenden Veränderungen in der Alterszusammensetzung des Eises. Diese Veränderungen hatten wir beim Verfassen des letzten IPCC-Berichtes unterschätzt, unter anderem weil auch die Klimamodellrechnungen zu optimistisch waren. Selbst grösste Schutz- und Hegemassnahmen werden das Aussterberisiko des Eisbären nicht mehr wesentlich zu reduzieren vermögen, denn der beste Artenschutz ist der Schutz des Lebensraums. Damit ist «eisklar»: Eisschutz erfordert Klimaschutz.

Hinweis: Links zu den wissenschaftlichen Studien und zu weiteren Blogbeiträgen zum Thema finden Sie auf dem ETH-Klimablog (siehe weiterführende Links zur Meldung).

(Prof. Andreas Fischlin/ETH-Klimablog)

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