Mehr als nur Sex
publiziert: Mittwoch, 16. Mai 2012 / 11:37 Uhr
«Während die eine Hand mit Handschellen am Bettgestell hängt, umfasst die andere die Bibel auf dem Nachttisch.»
«Während die eine Hand mit Handschellen am Bettgestell hängt, umfasst die andere die Bibel auf dem Nachttisch.»

«Mach mit mir, was ich will» titelte der Stern von letzter Woche. «Warum selbstbewusste Frauen von einer anderen Sexualität träumen». Auf «Clack» finden sich x-Artikel zur Intimitätsschau von Frauen und Männern. «Das Mittelalter schlägt zurück» titelt Nicole Althaus vor einem Monat.

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All diesen Artikeln ist ein für viele Menschen ganz angenehm feministischer Ton zu eigen und der Aha-Effekt: Wie toll, auch Frauen haben sexuelle Phantasien, auch Frauen wissen sich zu wehren und überhaupt: Es lebe die neue schöne Welt des «anything goes».

Wer indessen über Vergewaltigung, Folter und sexuelle Misshandlungen nicht reden will, sollte eigentlich auch von der sogenannten sexuellen Befreiung der Frauen schweigen. Denn eine Sexualität die losgelöst von Macht, Wirtschaftssystem und struktureller Herrschaft diskutiert werden soll, gleicht Croutons in einer Gemüsesuppe: Sie spiegeln Nahrhaftes vor, wo eigentlich nichts ist.

Den Diskussionen ist eines gemeinsam: Die Spiessigkeit der Vororte gepaart mit Plüsch-Handschellen hat mittlerweile auch die Feuilletons erobert. Die Bigotterie der kleinbürgerlichen Welt, die oberflächlich gesehen Pornographie ablehnt, aber selber voll pornografisch ist, wird nie wirklich gesehen, erfasst und diskutiert. Während nämlich die eine Hand mit Handschellen am Bettgestell hängt, umfasst die andere immer fester die Bibel auf dem Nachttisch.

Wenn der Stern seine Titelgeschichte mit «Unterwerfungsfantasien, Kontrollverlust, Fesselspiele den Romanerfolg» ....erzählt und diese als «nicht immer politisch korrekten Träume moderner Frauen» kennzeichnet, liegen die Autorinnen der sonst gut recherchierten Geschichte hundertprozentig falsch.

Denn genau diese Fantasien sind politisch korrekt, weil sie eins zu eins die herrschenden ökonomischen und politischen Machtzusammenhänge in die Köpfe und den Unterleib der Frauen einschreiben. Weshalb müssen Wissenschaftlerinnen immer wieder erstaunt feststellen, dass das heutige Begehren von Frauen vorwiegend darin besteht, begehrt zu werden? Weil die Frauen den Warencharakter im Kopf, den Stock, der sie so trainiert hat, dass sie sich nur dann Frau fühlen, wenn sie am liebsten gekauft werden, wenn sie als Päckchen perfekt geschnürt sind, schon längst verschluckt haben.

Die Frau als Subjekt ihres eigenen Begehrens ist genauso Fiktion wie eine natürliche Sexualität von Männern und Frauen. Sex ist Kultur, Kultur ist Sex. Kultur ist Politik und umgekehrt. Wenn der mächtige kapitalistische Wissenschaftsmainstream uns von den USA herkommend mit Studien zur Natur von Sex, Begehren und Erfüllung überflutet, erfüllt er dieselbe Aufgabe wie der Hexenhammer zur Zeit der Inquisition, nämlich Wahn zur Wahrheit verklären.

Deshalb wird auch nicht mehr über Viagra für Frauen diskutiert oder über die Wirkung von Viagra für Männer. Denn wäre der Sex Natur, wäre die entsprechende Pille schon längst erfunden. Viagra für Frauen funktioniert eben nicht. Frauen können zwar körperlich erregt werden, wenn der Kopf indessen nicht beteiligt wird, d.h. das Begehren fehlt, bleibt der Orgasmus so fern wie der Kilimandscharo vom Matterhorn.

Dies gilt übrigens auch beim Viagra für Männer. Deren Potenz bleibt zwar über Stunden simuliert und stimuliert, doch Orgasmen kriegen auch die männlichen Menschentiere nur, wenn irgendwas im Kopf passiert. Und dies ist selten genug, wie viele Männer mit einer oft unbändigen männlichen Wut über die multiple Orgasmusfähigkeit der Frauen durchaus wissen.

Wenn der Stern sich über Fesselspiele und Vergewaltigungsfantasien von sogenannt starken Frauen erstaunt zeigt, ist das ungefähr so wie meine Grossmutter es nie verstehen konnte, dass sie, selbst wenn sie ihren eigenen Radio nach London mitschleppte, trotzdem nicht Radio Beromünster empfangen konnte.

An den oberflächlichen Sex-Diskussionen nervt die völlige Absenz von Denken, Kritik, Lust, Begehren und Humor. Wenn der Feuilleton Sex thematisiert und die dahinterliegende Politik vergisst, ist das keine Diskussion über Sex, sondern ein Aneinanderreihen an Klischées, mit viel Kitsch und Reflexion gefüllt. Denn die meisten Zeitgenossen wissen mittlerweile, dass nicht das, was uns als Pornografie, als Sexfantasie als irgendwas entgegenschreit, pornografisch oder gar sexuell ist, sondern das was uns als Lifestyle gepredigt wird, unanständiger und perverser ist als viele sexuell explizite Darstellungen.

Wer Stringtangas für vierjährige Mädchen (vorzugsweise in rosa) verkauft - schauen Sie sich in der Kinderabteilungen der diversen Kaufhäuser mal um - zelebriert ganz legal die Sexualisierung von vierjährigen Mädchen und wird dafür in unserer Gesellschaft mit Verkaufserfolg belohnt. Wer frisches Fleisch als jahrtausendalte Evolutionsgeschichte mit menschlichem Begehren gleichsetzt, publiziert keine Wissenschaft, sondern propagiert sinngemäss und den Taliban nicht unähnlich, Päderastentum und Frauensteinigungen, nur dass die Frauensteinigungen im Westen mit Nicht-mehr-Sehen-Hören-und Anerkennen daherkommen. Sie tun körperlich nicht so weh, richten aber in der Psyche Unaussprechliches an.

Sie finden dies verkürzt, hart und unanständig? Dem ist auch so. Doch in der Verkürzung, Härte und Unanständigkeit liegt oft mehr Wahrheit als in einer weichgespülten Sex-Diskussion.

Die Stern-Geschichte des «Mach mit mir, was ich will» sollte deshalb eigentlich mit dem Grundrechtskatalog der europäischen Menschenrechtscharta beginnen. Denn nur wenn dieser endlich einmal auch nur annähernd verwirklicht wäre, könnten wir allenfalls über das Subjekt Frau im Sex und das Subjekt Mann im Sex reden. Bis es jedoch soweit ist, sollten wir den Sex in all den unwürdigen Bedingungen möglichst oft tun, geniessen und transformieren, aber bitte nicht darüber scheinbar wissenschaftlich, aufgeklärt, feministisch und fortschrittlich schreiben.

(Regula Stämpfli/news.ch)

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