Wenn der Hund in die Pfanne kommt
MeiMei - «Nebenprodukt der kapitalistischen Kultur»
publiziert: Dienstag, 18. Okt 2011 / 13:40 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 18. Okt 2011 / 21:14 Uhr
Mei-Mei, Pekinger Dackel, ziemlich sicher vor dem Kochtopf.
Mei-Mei, Pekinger Dackel, ziemlich sicher vor dem Kochtopf.

Auf dem Damm am Roten Fluss in Hanoi, Vietnam. Ein Hunderestaurant reiht sich ans andere. In der Winterzeit herrscht Hochbetrieb. Gleich beim Eingang in einem kleinen Drahtgehege ein Dutzend Hunde. Hellbraunes Fell, vom Aussehen ähnlich den kanadischen Huskys. Nicht Strassenköter werden hier also zum Essen feilgeboten, sondern eigens gezüchtete Hunde.

Der Ehrengast darf aussuchen. Während meiner Jahre in Hanoi war ich oft Ehrengast. Ablehnen konnte ich nicht. Doch es war eine Tortur. Nicht dass die etwa zwei Stunden später aufgetischten Hundegerichte - gebraten, gegrillt, gekocht, als Steak, Gehacktes, als Wurst oder Stew, einerlei - vom Geschmack her schlecht oder ungeniessbar gewesen wären. Keineswegs. Nur eben, wer mit Hunden aufgewachsen ist, hat eine Barriere. Definitv und nicht zu beseitigen. Dennoch, die Gastgeber durften nicht beleidigt werden. Man biss also, metaphorisch gesprochen, in den sauren Apfel.

Während der Fussballweltmeisterschaften in Südkorea 2002 ein ähnliches Erlebnis. Nicht über Fussball sondern über saftige Nebengeschichten zu schreiben, das war der Auftrag. Deshalb der Besuch in einem renommierten Hunderestaurant in Soeul. Spezialität, für Schweizer Medien natürlich besonders knackig, Bernhardinerhunde. Der Koch, ein freundlicher, älterer Herr, hörte sich geduldig die kritischen Fragen an. Was er nicht verstehen könne, meinte er schliesslich, sei die Empörung in der Schweiz, dort esse man ja auch mit Gusto viel Kalbfleisch. Von «herzigen Kälblein», wie er sagte. Richtig. Übrigens war Zürcher Geschnetzeltes dem südkoreanischen Koch wohlbekannt. Trotzdem, noch einmal in den sauren Apfel wurde nicht gebissen. Im Bernhardinerhunde-Restaurant bekam ich ein superbes vegetarisches Menu vorgesetzt.

Um ein im Westen weit verbreitetes Vorurteil zu zerstreuen: weder in Vietnam noch in Korea ist Hundefleisch ein Alltagsgericht. Der beste Vergleich wäre Appenzell und andere Kantone in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Damals wurde Hundefleisch auch nicht Nasen rümpfend von der Tischkante gewiesen. Hunde- und Katzenrestaurants gehören im übrigen auch in China nicht mehr zum Alltag. Es gibt sie noch, aber mit schwindender Klientel.

Haustiere nämlich sind mit der Wirtschaftsentwicklung in Mode gekommen: jene mit Geld oder sehr viel Geld leisten sich aus Prestigegründen ein Exemplar einer seltenen, teuren Rasse. Andere, vor allem ältere Leute, suchen sich einen treuen Freund. Erst seit etwas mehr als einem Jahrzehnt sind Hunde, Katzen, Hasen und Ziervögel in den Städten wieder zugelassen. Unter strengen Vorschriften. Zuvor waren sie aus «hygienischen Gründen» verboten. Die allmächtige Kommunistische Partei freilich hatte noch unter dem «Grossen Vorsitzenden» Mao Dsedong ideologisch korrekt dekretiert, dass Haustiere eine «Nebenprodukt der kapitalistischen Kultur» sei. Tempi passati Buddha sei Dank!

Doch Hunde werden immer noch gegessen, wenn auch immer weniger. Es sind wie in Vietnam und Korea eigens für den Verzehr gezüchtete Hunde. Strassenmischungen und reinrassige Lieblingshunde wandern - entgegen den Witzchen chinesischer Touristen-Führer - nicht in den Kochtopf. Mein Dackel MeiMei (kleine Schwester) sowie die rund zwei Millionen Hunde der Hauptstadt - davon eine Millione registriert - sind also nicht in Gefahr.

Für Empörung in den Medien und in der Blogger-Szene sorgte neulich das «Hundefleisch-Festival» in Jinhua Hutou, Wucheng Distrikt in der südöstlichen Provinz Zhejiang. Auf Sina Weibo, der populärsten Mikroblog-Platform Chinas, tauchten Photos von geschlachteten Hunden auf mit viel Blut. Die Bilder wurden am grossen Herbstfest vor einem Jahr im Oktober aufgenommen und jetzt von Tierschützern ins Netz aller Netze gestellt. Prominente unterstützten bald die Aktion. Auch die Medien nahmen sich des Problems an. Zeitungs-Kommentatoren setzten sich für mehr Tierrechte ein.

Das ist ein neuer Trend in China, der mit dem Internet immer weitere Kreise zieht und aktiv eingreift, oft mit Erfolg. Im April zum Beispiel entdeckte ein Mann auf einer Autobahn bei Peking einen Laster vollgepackt mit fünfhundert Hunden. Ein schneller Aufruf auf dem Internet mobilisierte über zweihundert Menschen. Die Hunde waren für das Schlachthaus bestimmt. Gegen eine Bezahlung von rund 100'000 Yuan (umgerechnet ca. 14'000 Franken) kamen die Tiere frei.

Auch die Geschichte in der Provinz Zhejiang hat ein Happy End. Die Distrikt-Regierung von Wucheng liess, ebenfalls über Internet, verlauten, das Hundefleisch-Festival an der Warenmesse beim Tempelfest finde nicht statt. Man habe, schreibt die Lokalregierung, eine Umfrage gemacht, und dabei habe sich herausgestellt, dass die meisten gegen das Schlachten der Hunde seien. «In vollem Respekt vor der öffentlichen Meinung» werde deshalb - ganz demokratisch versteht sich - der Anlass abgesagt. Ein Anlass notabene, der auf eine lange Tradition zurückblicken kann. Bereits im 14. Jahrhundert unter dem ersten Kaiser der Ming-Dynastie waren solche Hundefestessen, vor allem für Soldaten, weit verbreitet.

(Peter Achten/news.ch)

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