Neue Methode
Mit Hypnose die Bilder des Scheiterns gelöscht
publiziert: Freitag, 7. Feb 2014 / 14:50 Uhr / aktualisiert: Freitag, 7. Feb 2014 / 15:33 Uhr
Selina Gasparin liess sich mit Hilfe von Hypnose zum Erfolg verhelfen. (Archivbild)
Selina Gasparin liess sich mit Hilfe von Hypnose zum Erfolg verhelfen. (Archivbild)

Jeder Sportfan will am Fernseher die Bilder des Athleten sehen, der die Nerven behält und in den entscheidenden Situationen reüssiert. Die Hypnose half Selina Gasparin, diese Vorgabe zu erfüllen.

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Die Biathletin Selina Gasparin rückt erst beim Nachfragen mit dem Wort «Hypnose» raus. Psychologische Angelegenheiten sind oft negativ behaftet, man spricht im Sport lieber über handfeste Dinge wie Resultate und Trainingswerte. «Wenn die Ski nicht gewachst sind, dann sieht man das und stellt jemanden ein, der das macht. Im mentalen Bereich sieht man das halt weniger», erklärte die Bündnerin ihren Zugang zu diesem Thema. «Meiner Ansicht nach sollte sich jeder Sportler Hilfe holen. Aber es scheint ein Tabu zu sein, zu einem Psychologen zu gehen. Eigentlich total blöd. Sich einer Fachperson anzuvertrauen, bedeutet für mich Professionalität.»

Doch auch die 29-jährige Gasparin wartete bis zum vergangenen Frühling, ehe sie diesen Schritt vollzog. Zu oft hatte sie eine verheissungsvolle Ausgangslage nicht genutzt, die Kugel verfehlte im entscheidenden Moment die Scheibe. Sie begann die Angst vor dem letzten Schiessen zu spüren und wandte sich an einen Psychologen - oder vielmehr eine Psychologin, deren Namen sie nicht preis geben will. «Ich wollte die negativen Erinnerungen, die sich im mein Gedächtnis eingebrannt haben, löschen», schilderte die beste Schweizer Biathletin ihre Ausgangslage.

Kein schläfriger Zustand

So kam es im Sommer 2013 zu rund zehn Hypnose-Sitzungen. Die Bündnerin liess sich entgegen der landläufigen Meinung nicht in einen schlafähnlichen Zustand versetzen. «Ich schliesse die Augen, bin aber bei Bewusstsein, manchmal spreche ich auch mit», umschrieb sie vage den Ablauf. Es geht darum, Blockaden zu lösen, Angst vor dem Scheitern ab- und Zuversicht aufzubauen. Die Schweizer Biathlon-Pionierin würde gerne noch weitere Sitzungen abhalten. Doch im Winter fehlt die Zeit - und wohl auch das Geld.

Die Erfolge haben sich aber auch ohne zusätzliche «Behandlungen» eingestellt. Jetzt läuft Gasparin zuversichtlich in den Schiessstand. Bereits im Dezember gelangen in Hochfilzen (Ö) und Le Grand Bornand (Fr) die ersten zwei Weltcup-Siege. Das Selbstvertrauen, in einem Präzisionssport wie dem Biathlon besonders zentral, stellte sich ein. Dies wiederum hilft zusätzlich, die während des Rennens latent vorhandenen negativen Gedanken des Scheiterns zu verdrängen.

Traum von einer Medaille

Die ersten Triumphe im Weltcup für die Schweiz hatten für die 29-Jährige auch abseits des Sports angenehme Seiten. Die Gemeinde Schanf schenkte ihrer Dorfbewohnerin einen grossen Holzbank. «Ich werde ihn in der Gemeinde oder irgendwo an einem schönen Ort für die Öffentlichkeit aufstellen lassen», sagte sie. «Ich logiere in einer Dachwohnung. Wenn ich mir mal ein Haus baue, hole ich ihn mir vielleicht zurück», fügte sie lachend hinzu. Um ein Eigenheim mit Preis- und Werbegeldern zu finanzieren, müsste Gasparin allerdings noch öfters gewinnen.

Vielleicht gelingt am Sonntag im Sprint, dem ersten ihrer sechs Wettkämpfe im «Laura Biathlon Center» oberhalb von Krasnaja Poljana, ein weiterer Coup. Allerdings nur, wenn die Hypnose-Sitzungen wiederum das Wunschresultat im Schiessstand ermöglichen. Verfehlt nur eine Kugel das Ziel, verfehlt Gasparin auch das Podest und verschlechtert ihre Ausgangslage für die Verfolgung am Dienstag, bei welcher mit den Abständen des Sprints gestartet wird. «An Olympischen Spielen zählt nur das Treppchen - auch wir Schweizer träumen von einer Medaille», betonte die älteste der Gasparin-Schwestern.

Ein olympischer Traum ist für sie bereits während der Saison in Erfüllung gegangen. Zusammen mit ihren jüngeren Geschwistern Elisa und Aita gehen die Gasparins in der Staffel zu dritt an den Start, die Eltern werden im Stadion zugegen sein. Die Idee, als Familie nach Sotschi zu fahren, geisterte schon lange in den Köpfen herum. «Vor vier Jahren in Vancouver hätte ich nie gedacht, dass wir dies erreichen werden», so Selina Gasparin, die bislang auf eine starke Saison zurückblicken kann. Sie hat bereits mehr erreicht, als sie sich erträumt hatte. Aber Selina Gasparin hebt deswegen nicht ab. Die Realität holt jeden beim nächsten Fehlschuss ein. Es müsste einfach nicht in Sotschi sein.

(ww/Si)

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