«Mitunter auch Leser im Fachpublikum...»
publiziert: Mittwoch, 6. Okt 2010 / 20:07 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 14. Okt 2010 / 11:15 Uhr
Regula Stämpfli in Frankfurt, kurz bevor sie sich aus ihrem Messestand in das Getümmel der Messe hinaus wagte.
Regula Stämpfli in Frankfurt, kurz bevor sie sich aus ihrem Messestand in das Getümmel der Messe hinaus wagte.

Jede Zeitung, die was auf sich hält, schickt einen Literaturspezialisten zur Frankfurter Buchmesse. news.ch hat dies nicht nötig, denn unsere Kolumnistin Regula Stämpfli ist ohnehin in Frankfurt, um ihr neuestes Buch «Aussen Prada – Innen leer», zu präsentieren.

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Zwischen ihren Präsentationspflichten fand sie aber noch Zeit, die Buchmesse so zu schildern, wie sie wirklich ist: Ein riesiges Business, an dem Eitelkeiten, Absurditäten und gelegentlich auch Bücher im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Viel Vergnügen bei der Lektüre:

- Vergessen wird, dass Frankfurt für alle Buchmachenden Herz und Kommerz bietet - Brüssel Midi nach Frankfurt ist voller attraktiver Verlegerinnen und Verleger, über nouveaux éditions parlierend und die einen vergessen lassen, dass Frankreich mit Fnac fast so 'ne Warenb(r)uchkultur etabliert hat wie die USA

- Gemeinsame europäische Werte finden sich selbst im Buch nicht - die Hallen und Nischen werden oft national aufgeteilt, dabei dürfen sich die Österreicher, Schweizer und Liechtensteiner wie Luxemburger (das Land, nicht die von Sprüngli) eine ganze Ecke teilen - die Österreicher sind dabei die lustigsten und cleversten, wie immer halt...

- Wusste jemand, dass Corporate Design Krieg mit anderen Mitteln ist? Dies alles zu erfahren in der besten aller Hallen, nämlich 4. Kunst und Design. Dies aus einer Zeitschrift zwei/viertel zitiert, die Philosophin Yana Milev schreibt eindrücklich über Kriminalität und Design, fantastisch

Österreichs Angst vor Meinungsfreiheit

- kaum den Mund aufgemacht, werde ich wieder als Schweizerin verortet...als hätte ich einen Emmenthaler auf dem Busen, von nun an rede ich deutsch mit einem sanften Französischakzent, kommt besser an und provoziert nicht so viele Sprüche, zumal ich ja nicht aus Zürich, sondern aus Brüssel komme.

- Freud lässt grüssen: ein Verlegerfreund von mir erzählt mir seinen Traum der letzten Nacht: Zwei Koffer verpennt, verpasst, die Bücher verloren...also offensichtlicher kann es nicht sein - sein Stand ist aber trotzdem Klasse, wenn auch etwas verwaist

- tolle Geschichte aus Österreich: Ecowin will am Samstag ein Buch zu Ungarn publizieren - ja, das Ungarn, das selbst vom Nobelpreisträger Kertesz als Land mit faschistischen Tendenzen beschrieben wurde...und was passiert? Die österreichische Botschaft lädt ihren österreichischen Verlag mit einem österreichisch-ungarischen Autor aus lauter Angst vor Meinungsfreiheit wieder aus...mei, wo leben wir denn?

Besucher gekleidet wie an Landwirtschaftsausstellung

- Ein deutsches Vieh sitzt neben mir, Marke Börsenhändler, der wohl nur hier ist, um den bestsellenden Verlag zu hypen...eklig. Was mich auf eine Facebookfrage bringt: Kennt wirklich ein Normalsterblicher einen gutaussehenden Börsenhändler? Einer, der nach Mensch riecht und nicht nach Geld? Jaja, pecunia non olet und doch. Eine Journalistin aus Italien hat mir zugelächelt, sie dachte wohl genau dasselbe

- Überhaupt Aussehen: Vor zehn Jahren konnte man die Buchmessenbesucherinnen noch von den Besuchern einer Landwirtschaftsmesse unterscheiden. Heute sehen alle gleich uniform aus, mit schönen Ausnahmen dazwischen (meist holländischen oder Gastland Argentinien-Ursprungs...) dunkler Kittel, irgendein nullachtfünfzehn Hemd, die Damen alle in Hosen und Anzug, mei, gibt es irgendeine globale Uniformkonstruktion und -regel, die ich irgendwie verpennt habe. (Anmerkung des Redaktors: Also an der OLMA-Viehschau gibts nur wenige Frauen im Anzug...)

- Gastland Argentinien: unscheinbar. Im Unterschied zu den protzigen Chinesen vom letzten Jahr, die klar auf kommende Herrschaft schliessen liessen, ist Argentinien gar bescheiden. Die Schweiz zu Gast in Frankfurt hab ich ja verpasst, dafür ist das Gefühl grossartig, eine europäische Schweizerautorin als Buchpreisgewinnerin zu haben

- achhh, Richard David Precht an mir vorbeigesaust: ihn sollte man nur anschauen und ihm zuhören, gelesen ist er weniger stark

- wieder China: Technologiestände an der Buchmesse...grrr

- Die beste aller Zeitungen, die Süddeutsche, hat 'ne wunderbare Geschichte von verlegerischen Fehlurteilen...

Schätzling lässt Herzen schmelzen trotz penetranter Eitelkeit

- noch einmal Österreich, Gerhard Reiss, ein reizender Mann, seinerseits Autor und Geschäftsführer der Autoren von Österreich: «Es verstecken sich im Fachpublikum immer auch Menschen, die lesen.» oder «Das Buch wird wohl weniger durch Onlinerevolutionen bedroht als von den Banken» - der letzte Satz war jetzt von mir, den habe ich aber aus dem Gespräch rausgezogen, so entstehen Geschichten...

- acchh oder hach, der Schätzling - einen eitleren Mann gibt es wohl nicht, doch hey: er sieht tatsächlich Klasse aus und ist auch witzig. Wieso er aber mittlerweile als grösserer Experte als irgenwelche Meeresbiologen zur Klimakatastrophe gehandelt wird, bleibt ein Rätsel. Doch ein inhaltliches und äusserliches Feuerwerk ist er allemal...oder sollte ich eher schreiben: ein Wasserwerk?

- Ui: nach österreichischem Champagner nun warme Schweizermilch...der Lesungsmarathon (der heisst wirklich so, sollte es nicht Lesemarathon oder Vorlesungsmarathon heissen?) präsentiert, ich zitiere: «neue Autoren lesen aus ihren Werken» - Mensch, alles neu macht der Mai. Was ist nun neu? Die hochdeutschradbrecherischen Autoren und Autorinnen oder deren Werke?

- ich bin wohl die einzige Schweizer Autorin, die noch nicht gefördert wurde, wieder mal typisch. Ich hab ja schon Schwierigkeiten beim Steuern ausfüllen, Subventionsformulare sind wohl noch 'ne Nummer schlimmer

Kaminer und die russischen Models

- immer wieder E-Bookscare, honestly! Das Buch wird sich analog und digital halten - Kernwort hier und... mich erinnert das an den Schock meiner Freunde, dass ich Zeitungen online aufnehme...«ach, die Sinnlichkeit...blablabla». Müssen Informationen sinnlich sein? Wäre es nicht ehrlicher, diese eben elektronisch abzuhandeln, dafür die Poesie in besserem Papier, als Random House dies tut?...jaja, war nur so 'ne Frage

- tolle Bilder und Fotos gemacht, doch selbstverständlich das Kabel im Büro vergessen..vielleicht finde ich ja im Laufe des Tages noch eines.

- Jetzt ab zu Kaminer - humorvoller kann es ja nicht gehen

- Frust! Kaminer-Buch gekauft und signieren lassen. Er mich keines Blickes gewürdigt und nur mit russischen Models hinter ihm geflirtet – unfassbar! :)

- Frau Nationalrätin Fässler gesichtet. Schreibt die jetzt ein Buch über «Mein Leben als Nicht-Bundesrätin?»

- Ha! Laufe hinter der Buchpreisträgerin her, total sympathisch, 1000 Kaminers wert!


Hier hätten nun eigentlich noch einige witzige Abschlussbemerkungen von Frau Stämpfli zu den italienischen Autoren und das erscheinen von Elke Heidenreich folgen sollen. Allerdings stürzte das System ab und 100 Zeilen purer Messepoesie verschwanden im digitalen Orkus. Unsere Autorin stampfte in der Folge wütend davon und wünschte, dass man ihr für solche Gelegenheiten in Zukunft einen Privatsekretär zur Verfügung stellen würde. Am Freitag wolle Sie, sofern sie bis dahin ihre Contenance wieder und im Hotel auf dem Bett eine Schachtel Neuhaus-Trüffel gefunden habe, aber nochmals einen Messeticker schreiben.

(von Regula Stämpfli/news.ch)

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