Mobil in Chinas Verkehrsstau
publiziert: Dienstag, 31. Jul 2012 / 10:47 Uhr
Dauerzustand in Chinas Megastädten: Verkehrsstau
Dauerzustand in Chinas Megastädten: Verkehrsstau

Davon kann Europa oder Amerika nur träumen: Der Automarkt blüht und gedeiht. Allerdings sitzen in Chinas Mega-Städten die stolzen Autofahrer mit ihren schicken Karossen heillos in monumentalen Verkehrsstaus fest. Durchschnitts-Geschwindigkeit während der Rush-hour knapp 15km/h.

Galerie Urs Meile Zeitgenössische Chinesische Kunst Luzern Schweiz Beijing China
7 Meldungen im Zusammenhang
Um die Zahl der neu zugelassenen Autos zu verringern, rationieren die Behörden die Nummernschilder. Die Autoproduzenten sind - neudeutsch ausgedrückt - not amused.

Jetzt hat es nach den Pekinger und Schanghaier auch die Kantonesen erwischt. In der Provinzmetropole Kanton (Guangzhou) mit 16 Millionen Einwohnern wird die Neuzulassung von Autos auf 10'000 pro Monat begrenzt. Xian Weixiong, Direktor der Kantonesischen Verkehrs-Kommission, begründet das so: «Mit 2,4 Millionen Autos auf der Strasse gibt es riesige Verkehrsstaus am Morgen, Mittag und Abend - wir mussten etwas tun». Wer ein Auto kaufen will, muss zuerst eine Nummer haben. In Kanton werden so 5'000 Nummer mit einer Lotterie und 5'000 in einer Auktion verteilt. Eine Zulassung zu erhalten, ist also schwierig und teuer. Über 30'000 Kantonesen nämlich wollen sich jeden Monat einen Wagen zulegen. Mit andern Worten: die Nachfrage nach Autonnummern übersteigt bei weitem die Nachfrage. Die Folge nach dem klassischen kapitalistischen Lehrbuch: die Preise steigen. Und das gilt auch für die «sozialistische Marktwirtschaft chinesischer Prägung».

Und wie. Shanghai, die Finanz- und Wirtschaftsmetropole, macht es vor. Bereits 1994 begannen die rührigen Stadtväter sich Sorgen um den Verkehr zu machen. Sie bauten folglich das öffentliche Verkehrsnetz in Rekordtempo aus und limitierten die Neuzulassungen von Autos. In Auktionen - heute meist per Internet und Telefon - werden die Autonummern vergeben. Zu sagenhaften Preisen. Im Mai wurde ein neuer Rekord aufgestellt mit 64'367 Yuan, umgerechnet rund 10'000 Franken. Im Volksmund werden deshalb die Autonummern als das «teuerste Metall» in China bezeichnet. Trotzdem kommen so immer noch pro Monat achttausend neue Wagen auf die verstopften Shanghaier Strassen.

Wie überall in China gibt es auch beim Autonummern-Problem findige Köpfe, um Unmögliches möglich zu machen. Einige ergatterten sich ganz einfach Autonummern in Nachbarprovinzen, etwa in Jiangzu oder Zhejiang. Wiederum andere boten bei der Auktion mit und verdienten sich beim Weiterverkauf eine goldene Nase. Jetzt haben die Behörden ein Weiterverkaufsverbot für drei Jahre erlassen. Aber wie gesagt, China ist innovativ. Das juristische Schlupfloch fanden einige Kreative beim Occassionshandel, denn Zweitwagen sind von der dreijährigen Frist ausgenommen.

In Peking sind die Verhältnisse noch desperater. In der 20-Millionen-Megalopolis verkehren mittlerweile über fünf Millionen Autos. Die Stadtväter sind nicht zu beneiden. Noch kurz vor der Jahrhundertwende gab es erst etwas mehr als eine halbe Million Autos und neun Millionen Fahrräder. 2005 waren es bereits 2,5 Millionen Autos. Seit Beginn des Jahrhunderts wurden die öffentlichen Verkehrsmittel, vor allem die Untergrundbahn, in Rekordtempo ausgebaut. Hunderte von Kilometern von sechs- bis achtspurigen Ringstrassen wurden gebaut. Dennoch, die Staus zu Hauptverkehrszeiten wurden immer schlimmer.

Im letzten Jahr begann dann Peking, die Neuzulassungen pro Monat auf 20'000 Autos zu beschränken. Die Autonummern werden mit einer monatlichen Lotterie mit derzeit weit über einer halbe Million Teilnehmern vergeben. Aber auch in Peking können Kluge Nummernschildern in der Nachbarprovinz Hebei beschaffen. Die Schönen, Reichen, Berühmten wiederum lassen ihre Beziehungen - Guangxi - spielen. Auch Cash kann zuweilen mehr als viele Worte überzeugen.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch andere Städte den Vorreitern Peking, Shanghai und Kanton folgen werden. Hinter all den Massnahmen stehen zunächst ökonomische Beweggründe. Mit einer verstopften Infrastruktur, so das Argument, wird auch die Wirtschaft beeinträchtigt. Peking beispielsweise ist nach einer Untersuchung der UNO zusammen mit Mexiko City das schlimmste Pflaster für Pendler. Ein wichtiger Faktor spielt immer mehr auch Umweltschutz. «Ein grünes öffentliches Verkehrssystem» zum Beispiel will Kanton bis Ende dieses Jahrzehnts schaffen, d.h. mehr Elektro-Busse auf separaten Spuren, mehr U-Bahn-Linien.

Die Automobil-Industrie - auch in China ein Grundpfeiler der Volkswirtschaft - ist ob der Einschränkungen natürlich nicht glücklich. An zweistellige jährliche Wachstumsraten gewöhnt, müssen die heimischen wie die in China fertigenden ausländischen Produzenten etwas zurückbuchstabieren. Nach Zahlen der «Assoziation der Chinesischen Automobil-Herstellern» sind in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres 9,6 Millionen Autos in China verkauft worden. Mehr als im Land der unbegrenzten Mobilität, den USA, aber eben «nur» 2,9 Prozent mehr als in der Vergleichsperiode des Vorjahrs. Aufs Jahr berechnet hoffen die Hersteller in China noch auf ein «bescheidenes» Wachstum von fünf Prozentpunkten.

Weitere Einschränkungen von Auto-Zulassungen werden neben Peking, Shanghai und Kanton landesweit in den Grossstädten folgen. Doch das ist, nach Erkenntnissen von chinesischen Verkehrsforschern, nicht die Lösung. Yang Xiaoguang von der renommierten Shanghaier Tongji-Universität glaubt nicht, dass mit Einschränkungen langfristig das Problem gelöst werden kann. «Mit den Notfallmassnahmen», sagt Professor Yang, «kann nur das Symptom, nicht aber die Krankheit besiegt werden». Und fügt hinzu: «Die einzige Lösung liegt in der Entwicklung eines öffentlichen Verkehrssystems von höchster Qualität».

(Peter Achten/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Achtens Asien Grosse Veränderung bei der billigsten, grössten, sichersten, schönsten und saubersten U-Bahn der Welt. Der wohlfeile Einheitspreis ... mehr lesen
Bald nur noch Erinnerung in Peking: Der tiefe Einheitspreis für U-Bahn-Tickets.
In diesem Jahr sollen umgerechnet 104,5 Mrd. Franken in die Eisenbahnindustrie investiert werden.
Peking - China will seine schwächelnde Wirtschaft ankurbeln. Die Regierung ... mehr lesen
Peking - Neue Verkehrsregeln haben in China den Unmut der Autofahrer ausgelöst: Wer bei Gelb noch über die Ampel fährt, wird ... mehr lesen
Die Autofahrer in China sind empört.
Schanghai - Die Zahl der Autos auf Chinas Strassen wird sich nach Einschätzung der Regierung in Peking binnen zehn Jahren mehr als verdoppeln. Bisher sind rund 76,2 Millionen Autos in China unterwegs. mehr lesen 
Weitere Artikel im Zusammenhang
Peking - Nach zehn Tagen hat sich ein gigantischer Verkehrsstau über schätzungsweise 100 Kilometer nordwestlich von ... mehr lesen
Die Lastwagenfahrer mussten tagelang auf der Strasse campieren.
Smog in Peking. (Archivbild)
Peking - Die Zahl der in der chinesischen Hauptstadt Peking zugelassenen ... mehr lesen
Galerie Urs Meile Zeitgenössische Chinesische Kunst Luzern Schweiz Beijing China
Reisfeld in Nordkorea (2014): In diesem Jahr dörren die Felder aus.
Reisfeld in Nordkorea (2014): In diesem Jahr ...
Hunger in Nordkorea  Grosse Trockenheit in Nordasien. Sogar Pjöngjangs Staatsmedien schlagen Alarm. Wird Nordkorea bald von einer neuen grossen Hungersnot heimgesucht? 
Das Parlament in Hongkong hat sich der von China vorgeschlagenen Wahlreform für den Regierungschef verweigert. Die demokratische Opposition verhinderte mit ihrem Nein die für die Reform notwendige Zweidrittelsmehrheit. Ein Sieg für die Demokratie? mehr lesen  
Ein Hoch auf die Füsse.
Typisch Schweiz Barfusstrails in Celerina (GR) Schuhe aus, Sinne ein! Barfuss über natürliche Schätze zu ...
Caesar von Däniken und Manuel Rieder.
Shopping Manuel Rieder: Urban Tarzan Welcome to the Jungle - we've got fun and games! Im Viadukt des Zürcher Kreis 5 ist der «Urban Jungle» los. Und mittendrin ein Label, das nicht besser in dieses Treiben ...
Regenbogenfamilienplanung.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
US-Supreme-Court: Die Rassismus-Uhr ungestraft zurück gedreht.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Wer ist schrecklicher: Diese IS-Barbaren oder die White-Collar-Terroristen der Euro-Gruppe?
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Reisfeld in Nordkorea (2014): In diesem Jahr dörren die Felder aus.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Wenn Sie das im Garten sehen können Sie entweder ihr Leben dem Elefanten widmen oder einen Realitätscheck durchführen.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
MI DO FR SA SO MO
Zürich 16°C 25°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Basel 12°C 25°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
St.Gallen 18°C 27°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Bern 14°C 30°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Luzern 16°C 30°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Genf 15°C 33°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Lugano 19°C 28°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
mehr Wetter von über 6000 Orten