Untreue gehört scheinbar heute zum Leben
Monogamie ist veraltet
publiziert: Montag, 25. Jan 2016 / 08:33 Uhr
Der Seitensprung passiert oft spontan und ungewollt.
Der Seitensprung passiert oft spontan und ungewollt.

Gerade läuft im Theater St. Gallen die Tragikomödie «Das weite Land» von Arthur Schnitzler. In dem Stück geht es um ein Ehepaar, das sich in Affären flüchtet und aussereheliche Liebschaften eingeht. Was im Theater überspitzt wirkt, ist in Wirklichkeit mittlerweile weit verbreitet.

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Statistiken zeigen, dass rund 44 Prozent der Männer und Frauen ihren Partner schon einmal betrogen haben. Die Psychologin und Sexualforscherin Andrea Burri aus Bern weiss laut einem Artikel, dass Fremdgehen weiter verbreitet ist als allgemein gedacht, auch wenn nicht darüber gesprochen wird. In ihrer Versuchsgruppe ist jede dritte Frau eine Fremdgeherin. Für Burri macht das biologisch Sinn, da für die Damen weniger auf dem Spiel steht als noch vor 30 oder 40 Jahren. Frauen suchen durch den Seitensprung den bestmöglichen Provider, sprich einen Mann, der sie gut versorgen kann. Monogamie ist demnach nichts für Menschen. Schliesslich lassen sich 50 Prozent der Ehepaare in der Schweiz wieder scheiden.

Wie erfolgt der Seitensprung?

Egal, ob das Paar seit vielen Jahren zusammen ist, oder sich noch in der Kennenlernphase befindet, ein Seitensprung ist heute leicht realisierbar. Das Internet bietet zahlreiche Möglichkeiten für einen Flirt an. Die Anzahl der Nutzer eines Seitensprungportals ist in der Schweiz auf rund 30.000 angestiegen. Viele von ihnen sind in einer Partnerschaft involviert. Sie wünschen sich emotionale Stabilität und sexuelle Verwirklichung, die der Partner ihnen nicht erfüllt. Bei Treffpunkt18 als etwaiges Beispielportal lassen sich erotische Abenteuerlust und aufregende Sexualerlebnisse gezielt suchen, anonym und ohne grossen Aufwand. Umfragen zeigen, dass fast jeder Schweizer gerne fremdgehen würde, wenn die Möglichkeit bestünde. Wenn es heute jeder tut, wieso bauen Menschen eine Beziehung auf dem Ideal der Treue auf?

Zu hohe Treueerwartungen 

Menschen zerstören ihre Beziehungen durch zu hohe Treueerwartungen. Denn nicht die Untreue zerstört eine Partnerschaft, sondern eine falsch verstandene Treue. Das Fernsehen, die Werbung und die Medizin nutzen Sex als Verkaufsargument. Sie verdienen ihr Geld mit Bildern, die Affären und Untreue zum Trend deklarieren. Dabei ist die Untreue Teil des evolutionsbiologischen Prozesses und es ist aus biologischer Sicht nicht unnormal, dass die Lust auf den Partner mit den Jahren abnimmt. Paartherapeuten erzählen, dass es oft nicht die Untreue, sondern das unrealistische Bild der Partnerschaft und die moralische Stigmatisierung des Fremdgehens ist, die eine Beziehung verbrechen lassen. Andere Werte und Eigenschaften, die die Partnerschaft ausmachen, wie Loyalität, Freundschaft, das Füreinander-da-sein, gegenseitige Akzeptanz und vieles mehr, treten dann völlig in den Hintergrund.

Monogamie im modernen Partnerschaftsmodell?

Inzwischen haben sich viele Menschen, die in einer Partnerschaft leben, ein Stück von dem Modell der Monogamie verabschiedet. Sie bevorzugen eine offene Beziehung, die auf gegenseitigem Vertrauen und Ehrlichkeit basiert und Eifersucht ablehnt. Glaubt man der wissenschaftlichen Studien von Dr. Dietrich Klusmann vom deutschen Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, so haben Frauen und Männer beide «kein Talent» zur Monogamie. Kann das wirklich stimmen? Die Hamburger Studie sieht es sogar als empirisch belegt an, dass junge Frauen und auch Frauen zwischen 30 und 45 Jahren eine Zweierbeziehung nicht mehr als die ideale Form der Partnerschaft sehen. 

Das romantische Beziehungsbild, das die Ehe in den letzten Jahrzehnten erfahren hat und das von Politik und Religionsgemeinschaften unterstrichen wird, steht jedoch im starken Kontrast dazu. Auch die Erfahrungen aus dem eigenen Lebensumfeld scheinen ein anderes Bild zu zeichnen. Gibt es nicht doch mehr intakte Zweierbeziehungen, als Partnerschaften, die nicht funktionieren? 

In der Steinzeit wurde die Untreue sogar offen gelebt. Im Mittelalter war es dann nur noch der Mann, der seinen natürlichen Trieb ausleben «durfte», während die Frau ihre sexuellen Wünsche geheim hielt. In jüngster Vergangenheit setzte sich der Feminismus für eine frei gelebte Sexualität der Frauen ein. Das ist im Grunde genommen sogar ein alter Hut. Der Atlas of World Cultures deckt nämlich auf, dass von den existierenden 560 Gesellschaften weltweit nur 17 Gruppen monogam leben. Sexualität und Partnerschaft gehören mit Blick über den eigenen europäischen Tellerrand in der heutigen Zeit offenbar nicht zwangsweise zusammen - obschon es sich in unserer Gesellschaft nicht überall so deutlich zu erkennen gibt, wie anderswo.

Viele Paare in der Schweiz möchten die Zweierbeziehung leben und es gelingt ihnen auch. Sie sind in ihrer Partnerschaft glücklich und genügen einander. Und neben den funktionierenden monogamen Zweierbeziehungen gibt es eben auch Partnerschaftsmodelle, die abweichend davon existieren und funktionieren. 

Aufklärung und Offenheit sind erwünscht

Mittlerweile sprechen viele Forscher über die sexuelle Bereifung bei Mann und Frau. Konservative Beziehungsmodelle vermitteln, dass der Wunsch nach Familie und einer langjährigen Partnerschaft mit Treue einhergehen muss. Moderne Konzepte basieren auf der Haltung, dass jeder Mensch seine Sexualität und Bedürfnisse ausleben darf, auch wenn damit die monogamen Grenzen überschritten werden. Eine Beziehung in der Schweiz und Europa wird dadurch nicht unkomplizierter, sie muss vielleicht sogar grössere Belastungen tragen. Doch welcher Weg der richtige ist, Monogamie oder Polygamie, dass muss jeder für sich selbst herausfinden.

Vielleicht hilft es auch, der Beziehung kein Label mehr aufzudrücken und statt einer Trennung eine tolerante Transformation in eine andere Ebene einzugehen. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Das bedeutet nicht, dass die Idee, ein ganzes Leben zusammen zu verbringen, stirbt, sondern dass sich die Beziehungsmodelle verändern.

(nb/IFJ)

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