Nachhall des Kriegs wird aber noch lange anhalten
publiziert: Dienstag, 15. Aug 2006 / 08:53 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 15. Aug 2006 / 09:46 Uhr

Tyrus/Kirjat Schmona - Sie können es kaum erwarten: Der Waffenstillstand ist gerade mal seit einer Stunde in Kraft, und schon geht nichts mehr auf der Hauptverbindungsstrasse in den Süden Libanons.

Das Auto ist schon wieder vor den Ruinen geparkt. Hält der Waffenstillstand? (Archivbild)
Das Auto ist schon wieder vor den Ruinen geparkt. Hält der Waffenstillstand? (Archivbild)
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Bereits fünf Kilometer hinter der Hafenstadt Sidon stauen sich hunderte Autos, vollgepackt mit Familien, Matratzen, Lebensmitteln. Das sonst bei der kleinsten Behinderung übliche Hupkonzert fehlt, trotz der glühenden Sonne üben sich alle in lächelnder Gelassenheit.

Abwarten in Kirjat Schmona

Weiter südlich, im israelischen Dorf Kirjat Schmona nur wenige Kilometer hinter der Grenze zu Libanon, wagen sich die ersten Bewohner vorsichtig aus ihren Schutzräumen. Rachel Orit trinkt ihren ersten Kaffee in der Morgensonne.

Den Keller, in dem sie auch die vergangene Nacht verbracht hat, kann sie in wenigen Schritten erreichen. In ihre Wohnung zurückzukehren, traut sie sich noch nicht. «Ich bleibe lieber hier, dem Frieden traue ich nicht,» sagt die 50-Jährige, während sie ihre rotgeäderten Augen reibt.

Ungewissheit

Wie viele der geflüchteten Südlibanesen wissen auch die meisten Bewohner von Kirjat Schmona nicht, was sie nach der Rückkehr in ihr Dorf erwartet.

Seit Beginn des Kriegs vor mehr als einem Monat sind allein in Kirjat Schmona über tausend Katjuscha-Raketen der schiitischen Hisbollah-Miliz eingeschlagen. Dreiviertel der Bewohner sind geflüchtet, fast ein Drittel der Wohnungen wurden beschädigt oder zerstört.

Doch während sich die Menschen jenseits der Grenze am Morgen, kurz nach Inkrafttreten der Waffenruhe unverdrossen auf den Weg machen, warten ihre israelischen Nachbarn lieber ab. Selbst die Stadtverwaltung von Kirjat Schmona zieht es vor, vorerst in ihrem Betonschutz hinter dem Rathaus zu bleiben.

Die Strassen sind menschenleer, obwohl Fabriken, Banken und Geschäfte wieder öffnen dürfen. «Die Leute haben kein Vertrauen mehr in die Zukunft. Sie glauben, die Angriffe gehen jederzeit wieder los», sagt Religionslehrer Jehuda Ohajon. Als Freiwilliger soll er sich um die Rückkehrer kümmern, am Mittag ist er immer noch arbeitslos.

Geschäftigkeit

Heftige Geschäftigkeit herrscht dagegen überall in Libanon. Ob in Tyrus, der von den israelischen Luftangriffen weitgehend zerstörten Hafenstadt, in Beirut oder auf den Strassen in die südlichen Dörfer - überall sind Planierraupen am Werk, um Bombenkrater zu füllen.

Freiwillige Helfer suchen in den Trümmern nach den Leichen von Verschütteten, die sie wegen der anhaltenden Bombardierungen nicht bergen konnten, treffen Flüchtlinge ihre letzten Vorbereitungen für ihre Rückkehr oder machen sich trotz der Warnung vor möglichen Blindgängern schon auf den Nachhauseweg.

Auch sie trauen dem Frieden nicht: «Ich glaube den Israelis nicht, das sind doch alles Lügner», meint die 34-jährige Dschihan Bendschak. Ihr Vater Mohammad fügt warnend hinzu: «Die israelischen Soldaten sind Verräter. Ihre Chefs sind voller Rachedurst, weil sie den Krieg verloren haben.» Aber sie sehen es als ihre patriotische Pflicht an, zurückzukehren, als Kampfansage an die Israelis.

Sollte Israels Regierung gehofft haben, die Hisbollah in den Augen der libanesischen Bevölkerung - vor allem aber der Schiiten - zu diskreditieren, so hat sie genau das Gegenteil erreicht. Noch stärker als früher ist Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah ihr Held, wie sie versichern.

(Marius Schattner und Anne Chaon/afp)

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