Nachhaltige Taschen und die Landwirtschaft der Zukunft
publiziert: Montag, 13. Apr 2015 / 14:26 Uhr

Dieser Tage findet zum dritten Mal die Nachhaltigkeitswoche statt, an der nun fünf Hochschulen beteiligt sind. Der Auftakt wartete unter anderem mit einem Gespräch mit Nachhaltigkeitspionier Markus Freitag und einer Podiumsdiskussion zu einer zukünftigen nachhaltigen Landwirtschaft auf.

Der grossen Auswahl an Veranstaltungen der Nachhaltigkeitswoche, die von über 60 Studierenden ehrenamtlich organisiert wurden, habe ich mit grosser Vorfreude entgegengeblickt. Das Angebot reicht von Vorträgen, Filmvorführungen und Workshops bis zu Podiumsdiskussionen. Am ersten Tag, zum Thema «Innovation», haben mich insbesondere zwei Veranstaltungen interessiert.

Die Ästhetik der Wiederverwendung

Die FREITAG-Taschen aus recycelten Lastwagenplanen sind seit Jahren beliebt und weit verbreitet. Im Zuge der Nachhaltigkeitswoche hatten die Teilnehmenden - darunter auch ich - die Gelegenheit, den Kopf dahinter zu Gesicht zu bekommen. Mit Markus Freitag konnten die Organisatoren einen der beiden Gründungsväter, oder besser gesagt Gründungsbrüder, dieses mittlerweile 160 Angestellten starken Unternehmens gewinnen. Der Anspruch des Gesprächs war, zwar über die unternehmerischen Aspekte zu sprechen, aber gleichzeitig auch das Zustandekommen und die Weiterentwicklung einer nachhaltigen Idee einfliessen zu lassen. Mir war zum Beispiel nicht bewusst, dass die erste Tasche damals in der Zürcher Studenten-WG der zwei Brüder entstand. Das ist eines der Erfolgsrezepte - obwohl Markus Freitag das Wort nicht speziell mag - das er uns nannte: Kleine Brötchen backen und langsam wachsen; schnell die Idee in Realität umsetzten und Rückmeldungen einholen. Dabei auch Fehler machen und aus diesen lernen.

Als «echtes Unternehmen» empfanden die beiden Brüder ihre Taschenproduktion erst, als sie ihren ersten Schneider anstellten. Sie meldeten sich dazu bei der Stadt Zürich und fragten, ob es Migranten auf Arbeitssuche gebe. Es war ihnen wichtig, diesen Personen eine Chance zu bieten. Das bedeutete natürlich auch grosse Verantwortung - nun musste ein Lohn bezahlt werden. Dies führte zum Entscheid, das Ganze als gewinnbringende Geschäftsidee zu konzipieren, aber mit konsequenten ökologischen und sozialen Standards.

Zuerst die wahrscheinlich den meisten bekannten und offensichtlichen Fakten: Die Taschen werden aus alten Lastwagenplanen, Veloschläuchen und Autogurten hergestellt. Aber das ist noch nicht alles. So erzählte Markus Freitag, dass zum Beispiel nach Japan exportierte Taschen per Schiff statt per Flugzeug geliefert, und die Planen am FREITAG-Sitz in Oerlikon mit Regenwasser statt Hahnenwasser sauber gewaschen werden. Es sei wichtig, klare Werte zu definieren, meint Markus Freitag. Das ist auch genau der Punkt, der mich im ganzen Gespräch am meisten interessierte: Wie haben diese Werte ihren Weg ins Unternehmen gefunden? Zwei Schlüsselerlebnisse, von denen Markus Freitag berichtete und die mir in Erinnerung geblieben sind: Als kleiner Bub erlebte Markus, wie seine Patentante das Kompostieren in seiner Familie einführte und so dort, wo er die Küchenabfälle hinbrachte, im Sommer die grössten Zucchetti wuchsen. So kam er erstmals mit der Tatsache in Berührung, dass Abfall ein wertvoller Rohstoff sein kann. Weiterhin nahmen ihn seine Eltern auf einer Familienreise mit nach Indien, wo Markus von den vielen Handwerkern beeindruckt war, die mit grosser Sorgfalt ihre Waren produzieren.

Es sollte sich einiges ändern

Am Montagabend gab es ausserdem eine Podiumsdiskussion zu nachhaltiger Landwirtschaft trotz Bevölkerungswachstum, mit ETH-Professor Wilhelm Gruissem, Tina Goethe (Brot für alle), Adriano Mannino (Sentience Politics), Sibyl Anwander (ProTerra) und Daniel Bärtschi (Geschäftsführer BioSuisse). Dabei ging es auch ums Produzieren: nämlich unserer Nahrungsmittel in der Zukunft. Die vielseitige und engagierte Diskussion zusammenzufassen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, aber ich möchte hier die drei Punkte bringen, bei denen ich am meisten Einigkeit im Podium ausmachen konnte:

1. Die Nutztierhaltung im heutigen Ausmass ist kein Modell für die Zukunft. Da die Produktion von Fleisch und anderen tierischen Produkten sehr inneffizient ist, verstärkt sie bestehende Problematiken wie die Knappheit fruchtbarer Böden, Wassermangel oder nicht geschlossene Nährstoffkreisläufe, zum Beispiel punkto Phosphor. Sie muss daher stark reduziert werden. Dementsprechend müssen wir unsere Ernährungsgewohnheiten anpassen. Eine Herausforderung wird sein, hierfür Anreize zu schaffen.

2. Was auf dem Feld produziert wird und was auf dem Teller landet, sollte in einer Demokratie nicht der Summe der Konsumenten und Konsumentinnen überlassen, sondern von der Gesellschaft als politische Öffentlichkeit über Gesetzte entschieden werden.  Die Politik und Unternehmen müssen Nachhaltigkeit aktiv fördern. Das heisst beispielsweise, dass der Staat mehr Geld für Forschung zu nachhaltiger Landwirtschaft oder für staatliche Saatenbanken spricht, und dass gewisse unökologische oder unfaire Produkte aus den Supermarktregalen verschwinden und durch nachhaltigere Angebote ersetzt werden.

3. Wenn wir über Landwirtschaft nachdenken, ist es ebenso wichtig die verarbeitende Nahrungsmittelindustrie zu betrachten. Sie sitzen zwischen den eigentlichen Produzentinnen und den Konsumenten und haben somit die Fäden in der Hand. Leider war keiner ihrer Vertreter bereit, an der Diskussion über nachhaltige Landwirtschaft teilzunehmen - was eventuell auch eine Aussage ist. 

Zum Schluss gab es einen veganen und biologischen Apéro ganz ohne Wegwerfgeschirr. Vielleicht eine Inspiration für zukünftige Apéros an den Zürcher Hochschulen? An der Zeit wäre es!

(Raphael Fuhrer/ETH-Zukunftsblog)

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