Nebelpetarden der Berufskatholiken
publiziert: Montag, 31. Aug 2015 / 08:00 Uhr
Wo steht nochmal: «Ihr alle seid Huonder»? Weder hier noch im Brief an die Katholiken.
Wo steht nochmal: «Ihr alle seid Huonder»? Weder hier noch im Brief an die Katholiken.

Die Einladung der Freidenker an die Katholiken, über ihre Kirchenmitgliedschaft nachzudenken, hat schnell Reaktionen ausgelöst. Die Schnelligkeit brachte es mit sich, dass sie teilweise ausgesprochen schludrig daherkommen oder abstruse Anschuldigungen enthalten. Dies weckt den Verdacht, dass die Bereitschaft, sich seriös mit dem Frust in der eigenen Basis auseinanderzusetzen, nach wie vor klein ist.

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Als erster reagierte der Kanzler des Bistums St. Gallen, Claudius Luterbacher, als ihm der Sender TV Ostschweiz ein Mikrofon unter die Nase hielt. Er warf den Freidenkern vor, für den Übertritt zu den Freidenkern zu missionieren. Das ist natürlich Käse. Die Freidenker stehen selbstredend mit ihrem Namen zu den Plakaten und zum online abrufbaren offenen Brief. Auf die eigenen Angebote wird aber bewusst in keinem Kampagnenelement Bezug genommen. Die Katholiken werden mit der Botschaft «Huonder tritt nicht aus. Wie steht's mit Euch?» eingeladen, über die Wirkung ihrer Mitgliedschaft bei der römisch-katholischen Kirche nachzudenken. Auch wer sich als Austrittswilliger angesprochen fühlt, wird kaum das dringende Bedürfnis verspüren, gleich Mitglied einer anderen weltanschaulich ausgerichteten Organisation zu werden. Ja, es gab dank der Plakataktion Eintritte, es dürfte sich aber hierbei um längst konfessionsfreie Menschen handeln, die es unterstützenswürdig finden, dass die Freidenker die religiösen Organisationen kritisch beäugen. Es ist anzunehmen, dass der Herr Bistumskanzler der Kampagne bewusst etwas unterstellte, was sie nicht darstellt, um elegant von der eigentlichen Frage ablenken zu können: Wie kann es sein, dass Vitus Huonder trotz aller Proteste - gerade auch von der katholischen Basis - noch immer fest im Sattel sitzt?

Für das Bistum St. Gallen war der TV-Auftritt nicht genug, nein es doppelte noch mit einer schriftlichen Stellungnahme nach. Diese wird mit folgenden Worten eingeleitet: «'Ihr alle seid Huonder', schreiben die Freidenker auf Plakaten und in einem offenen Brief an die Adresse der Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz.» Auch das ist falsch - und zwar gleich doppelt. Erstens steht der Satz nirgends auf Plakaten. Auf denen geht es bewusst nicht um die Mitverantwortung als Mitglied, sondern um den Handlungsspielraum für Personen an der katholischen Basis. Und auch im offenen Brief steht der Satz nicht so da, wie ihn das Bistum «zitiert» - er ist, wie auch der Rest des Briefes, in der Höflichkeitsform geschrieben, und im Grunde auch nicht von zentraler Bedeutung, relevanter ist der im Bistumszitat weggelassene Kontext: «Wir gehen davon aus, dass Sie Homosexuellen nicht den Tod wünschen und schon gar nicht der Meinung sind, dass diese umgebracht werden sollten. Und wahrscheinlich bezweifeln Sie, dass die blutrünstige Leviticus-Passage, die Bischof Vitus Huonder am 31. Juli am katholischen Kongress «Freude am Glauben» zitierte, Moses von Gott persönlich ins Ohr geflüstert worden war. Und dennoch, liebe Katholikinnen und Katholiken, Sie sind alle auch Huonder. Mit Ihrer Mitgliedschaft bei der römisch-katholischen Kirche stützen Sie das System, das Huonder hervorgebracht hat und das ihn weiterhin protegiert.»

Martin Spilker vom katholischen Medienzentrum geht immerhin in einem auf kath.ch erschienenen Kommentar auf die Kritik ein, der Einfluss der Mitglieder sei aufgrund der hierarchischen Kirchenorganisation kaum vorhanden. Er betont, dass «seit Beginn der Kirche» darum gerungen werde, wie die christliche Botschaft zu verstehen, zu verkünden und zu leben sei. Das allerdings stellen die Freidenker nicht in Abrede. Die Kritik bezieht sich vornehmlich auf die völlige Fremdbestimmung bei der Besetzung der Bischofsmandate und den Unwillen auch der Bischofskonferenz, die Basis bei ihrer Forderung, dass Huonder abzuberufen sei, zu unterstützen. Darauf geht allerdings auch Spilker in seinem mit «Bleiben Sie ruhig in der Kirche!» betitelten Kommentar mit keinem Wort ein. Es wirkt fast so, als laute die eigentliche Botschaft: «Bleiben Sie RUHIG in der Kirche.» Unruhige und laute Mitglieder scheint man ja eher lästig zu finden. Gut möglich, dass sich diese allerdings so erst recht fragen, ob sie in der katholischen Kirche wirklich noch am richtigen Ort sind.

(Andreas Kyriacou/news.ch)

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