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Nicht mehr Schlampe und Nutte
publiziert: Montag, 5. Jul 2010 / 18:52 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 6. Jul 2010 / 10:12 Uhr
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Jugendpolizei St.Gallen bei Ausweiskontrolle
Jugendpolizei St.Gallen bei Ausweiskontrolle

Miteinander statt gegeneinander. Was nach einem Wahlkampfslogan klingt, ist bei der Jugendpolizei Realität.

«Ist etwas passiert?», ruft ein Mädchen, als sie die Polizisten Rahel Hug und Stefan Wiprächtiger erblickt. Unheil verkündende Polizisten? So jedenfalls das Bild, das sich die Menschen machen. «Diese Frage stellen sich oft auch die Erwachsenen als erstes», erzählt Hug. Ihre Aufgabe als Jugendpolizistin sieht sie jedoch in der Prävention. Statt einzuschreiten sucht sie den Dialog mit den Jugendlichen, versucht, eine Vertrauensbasis aufzubauen.

Auftrag ist Auftrag

Einschreiten muss die 32-jährige Jugendpolizistin dennoch. Die Eltern eines 11-jährigen Jungen haben angerufen, da ihr Sohn anscheinend von einem Klassenkameraden geplagt wird. Hug, Wiprächtiger und Aspirantin Sandra Huser schütteln darüber den Kopf. «Es ist schade, dass die Eltern solche Probleme nicht mehr untereinander lösen können.» Trotzdem: Ein Auftrag ist ein Auftrag, und auch unsinnigen Angelegenheiten muss Hug nachgehen. Da Hug die Eltern des Jungen telefonisch nicht erreicht hat, geht sie dort persönlich vorbei. Doch Pech gehabt, zu Hause ist niemand anzutreffen.

Gespräche mit Jugendlichen

Also geht es weiter mit der Kontrollrunde: Sportplätze, St.Mangen, Roter Platz, Marktplatz, Schrebergärten. Rahel Hug ist ein Insider, weiss, wo sich Jugendliche gerne aufhalten. Wo auch immer sie eine Gruppe Jugendlicher antrifft, kontrolliert sie deren Ausweise, notiert sich die Namen, Adressen und Telefonnummern in ihrem schwarzen Büchlein. «Weshalb schreiben Sie sich das auf?», fragt eine junge Frau. Hug sammelt diese Angaben, um die St.Galler Jugendlichen kennenzulernen: «Was ich in dieses Buch schreibe, bleibt bei mir und in diesem Büchlein.» Die Jugendlichen sind alles andere als kontaktscheu. Weshalb das Büchlein schwarz sei, wollen sie wissen. Pink wäre doch viel hippiger. Gelächter. Der erste Schritt zum Dialog ist getan.

Minderjährige mit Alkohol

Noch während des Gesprächs wird Hugs Miene plötzlich ernster. Über Funk haben sie den Auftrag erhalten, sich bei den Drei Weihern um zwei minderjährige Jugendliche mit Alkohol zu kümmern. Schnell steigt das Polizistentrio ins Auto und fährt zum «Tatort». Zwei Securitas-Mitarbeiter sind bei den Jungen, vor ihnen ein Karton «Schützengarten»-Bier. «Ist euch übel?», fragt die Jugendpolizistin. «Nein», antwortet einer der beiden. «Ihr seht aber nicht so gut aus.» Nick* und Marius* steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Da sie noch keine 16 sind, müssen Hug und ihre Partner die beiden mit auf den Polizeiposten mitnehmen. «Was geschieht mit uns?», fragen sie im Auto. Wiprächtiger erklärt, was als nächstes passiert: Nach einem Alkoholtest werden die Eltern benachrichtigt. «Und dann gibt es von uns eine Prügelstrafe», scherzt er, um die Situation aufzulockern. «Das wäre mir viel lieber, als wenn Sie meine Eltern informieren», sagt Nick.

Die goldene Regel

Beim Polizeiposten folgt nach einem Alkoholtest auch die Kontrolle der Taschen. Was Stefan Wiprächtiger bei Marius findet, gefällt ihm nicht: Eine Mühle, um Marihuana zu verkleinern und ein Säcklein mit Samen. Hug verlässt kurz den Raum, um die Eltern der Jungen anzurufen. Etwas unbeholfen stehen Nick und Marius dort. Unwissend, was nun auf sie zukommen wird. Marius bringt beinahe keinen Ton raus. Leise bittet er Wiprächtiger, keine Anzeige zu erstatten. «Kiffst du schon lange?», fragt Wiprächtiger. Marius verneint. «Hast du gewusst, dass Kiffen blöd macht?» Marius schaut beschämt auf den Boden. Unterdessen weiss Nick nicht, was er mit seinen Händen anstellen soll. In die Hosentaschen damit? Oder ganz lässig die Arme verschränken? Er entscheidet sich für Fingernägelkauen. Wiprächtiger und Hug reden ihnen ins Gewissen, jedoch mit einem Augenzwinkern. «Auch wir waren mal jung, haben aber die goldene Regel befolgt», erzählt Wiprächtiger. Und die lautet? «Lass dich nicht erwischen».

Unsicher und neugierig

Marius' Vater ist unterdessen eingetroffen, ohne viele Worte zu verlieren verlassen die beiden den Polizeiposten. Nicks Eltern sind nicht erreichbar, seine volljährige Schwester ist jedoch zu Hause. Also bringen ihn die Polizisten heim. Unterwegs will Nick alles Mögliche und Unmögliche wissen. Ob das Fahrzeug kugelsicher sei. Ob sie sonst auch mit so anständigen Leuten wie ihm zu tun hätten. Und ob er nach diesem Vorfall dennoch Polizist werden könne. Ist es die Unsicherheit, die er zu überspielen versucht? Oder will er möglichst viel Insiderwissen in Erfahrung bringen, um bei seinen Freunden damit anzugeben? Geduldig beantworten Hug, Huser und Wiprächtiger seine Fragen und liefern ihn zu Hause ab.

Nicht mehr Schlampe und Nutte

Nun ist endlich Zeit fürs Abendessen - die Polizisten sind bereits seit vier Stunden im Dienst. «Die Stunden vergehen mit der Jugendpolizei viel schneller», stellen Wiprächtiger und Huser fest, die «gewöhnliche» Polizisten sind und für den Nachtdienst hin und wieder der Jupo zugeteilt werden. Jugendpolizistin zu sein, hat auch andere Vorteile: «Ich hatte es satt, als Schlampe und Nutte betitelt zu werden.» Bei den Jugendlichen sei sie einfach Frau Hug, die Jugendpolizistin. «Es ist ein ganz anderes Arbeiten.» Natürlich gebe sie mit ihrer Arbeit auch sehr viel von sich preis. Man kenne sie jetzt eben. «So kann ich beispielsweise privat nicht mehr im McDonalds essen gehen, da es für meinen Lebenspartner unangenehm sein kann.»

Anmachsprüche

Und tatsächlich erregen Polizisten - egal ob in Uniform oder zivil - Aufmerksamkeit. Am Marktplatz schauen die Menschen den Beamten nach, versuchen um jeden Preis, von ihnen bemerkt zu werden. Entweder mit penetrantem Ins-Gesicht-Schauen oder unnötigen Fragen und Bemerkungen. «Frauen in Uniform sind so sexy», sagt jemand. Rahel Hug beachtet diese Bemerkung gar nicht. In ihrem Beruf scheint es wichtig zu sein, solche Begegnungen nicht persönlich zu nehmen. Jugendpolizistin Rahel Hug beseitigt mit ihrer Art einige Vorurteile: Sie ist freundlich und sehr feminin, anders, als man sich Polizistinnen vorstellt. Das fällt auch den Jugendlichen auf: Zum zweiten Mal an diesem Abend wird Hug eingeladen, mit den jungen Männern etwas zu trinken. Sie lehnt dankend ab. Wiprächtiger kann sich ein Lachen nicht verkneifen. «Du scheinst solche Typen anzuziehen», scherzt er etwas später, als das Trio wieder unter sich ist. Hug reagiert mit einem Schulterzucken.

Kein Auge zudrücken

«So lange sie anständig bleiben, sollen sie ja auch noch Spass haben dürfen.» Eine Jugendpolizistin, die sich für die Bedürfnisse der Jugend einsetzt. Kein Wunder, erhält die Jupo in St.Gallen eine hohe Akzeptanz. Rahel Hug strahlt in ihrem Beruf ihre ganz persönliche Meinung über die heutige Jugend aus: «Die Jugendlichen haben einen schlechteren Ruf als sie tatsächlich sind.» Nur ein ganz kleiner Bruchteil breche Regeln, baue Mist. Hug glaubt an das Gute in den Jugendlichen. Ein Auge zudrücken gibt es dennoch nicht.

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Kommentar zu Jugend und Polizei auf www.tink.ch

(Thinh-Lay Tong / Tink.ch/)

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