
Sowohl in Washington als auch in Pjöngjang wurde es bestätigt: nordkoreanische-amerikanische Gespräche in Peking haben nach langer diplomatischer Eiszeit zu ersten Ergebnissen geführt. Politiker und Experten geben sich optimistisch. Manche sprechen von einem «Durchbruch». Doch Vorsicht ist geboten.
Was in Peking zwischen den Verhandlungspartnern erreicht worden ist, präsentiert sich nach fast drei Jahren diplomatischen Stillstands auf den ersten Blick fast wie ein «Durchbruch». Doch das vereinbarte Ergebnis gleicht eher einem Déjà-vu. «Durchbrüche» nämlich gab es seit Beginn der Verhandlungen 1994 und dem Start der Pekinger Sechser-Gespräche 2003 über das nordkoreanische Atomprogramm (Nord- und Südkorea, China, Japan, Russland und USA) immer wieder. Jedesmal hat Nordkorea alles versprochen und wenig bis nichts gehalten.
Vor sechs Jahren gar liess Pjöngjang sein erstes Atombömbchen platzen - wenn es denn eines war. Vor zwei Jahren, nachdem Nordkorea die Sechsergespräche einseitig verliess, wurde ein zweiter Sprengsatz gezündet. Der im Dezember verstorbene «Geliebte Führer» Kim Jong-il war ein Meisterdiplomat. Seit dem Tod seines Vaters, dem Staatengründer und «Präsident in alle Ewigkeit» Kim Il-sung, gab er seit 1994 den Verhandlungston an. Im Jahre 2000 konnte er den südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-jung, der vergeblich seine «Sonnenschein-Politik» mit einer halben Milliarde Dollar zu verwirklichen suchte, überzeugen, zum Gipfel nach Nordkorea zu fahren.
Bis zu seinem Tode verhandelte Kim Jong-il geschickt. Sein immer stechender Trumpf war das Atomprogramm. Das jetzige Verhandlungsergebnis mit dem Moratorium soll noch von ihm kurz vor seinem Tod entworfen worden sein. Sein jüngster, knapp 30 Jahre alter Sohn und Nachfolger, der «Junge General» Kim Jong-un, tritt nun offenbar in die Fussstapfen seines Vater und seines Grossvaters. Das erzielte Verhandlungsergebnis jedenfalls deutet auf Kontinuität hin. Im positive, aber auch im negativen Sinne.
Die ersten Reaktionen waren natürlich positiv. Ein nordkoreanischer Sprecher sprach von gegenseitigem Interesse, Stabilität und Friede auf der koranischen Halbinsel zu wahren, die bilateralen Beziehungen zu verbessern und die Denuklearisierung durch Dialog und Verhandlungen zu erreichen. Die amerikanische Seite war - durch jahrelange Erfahrung gewitzt - etwas skeptischer. «Trotz tiefer Bedenken», sagte eine Regierungssprecherin des US-Aussenministeriums, sei ein «wichtiger, wenn auch limitierter Fortschritt» erzielt worden. Das chinesische Aussenministerium begrüsste natürlich das nordkoreanisch-amerikanische Verhandlungsergebnis. Südkorea gab sich dagegen eher bedeckt, denn Präsident Lee Myung-bak verfolgt seit dem Debakel seines Vorgängers mit der «Sonnenschein»-Politik seit vier Jahren eine harte Gangart gegenüber dem Norden. Japan schliesslich forderte nach den Worten nun schlicht «Taten».
Warum gerade jetzt? Wirtschaftliche Gründe dürften den Ausschlag gegeben haben. Die vor Jahrzehnten noch vorbildliche Industrie Nordkoreas liegt am Boden, ebenso die kollektivierte Landwirtschaft. Nordkoreas Bevölkerung (23 Millionen Einwohner) leidet unter Nahrungsmittelknappheit. Sechs Millionen - vor allem Kinder, Mütter und Alte - haben Hunger. Das Land hat sich von der grossen Hungersnot in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre mit ein bis zwei Millionen Toten nie mehr richtig erholt. Nordkorea hängt so noch heute am Tropf internationaler Hilfe.
Am 15. April jährt sich zudem der 100. Geburtstag von Kim Il-sung, dem Übervater der Nation und Halbgott. Zum Jahrhundert-Fest hat die Regierung, nun von Enkel Kim Jong-un geführt, Wohlstand und Fortschritt versprochen. Die amerikanische Nahrungsmittelhilfe kommt da wie gerufen.
Direktgespräche, Sicherheitsgarantien, diplomatische Beziehungen mit dem Tod- und Klassenfeind USA - nicht mehr, aber auch nicht weniger ist seit Jahr und Tag das eigentliche Ziel Nordkoreas. Unter Kim Jong-il und jetzt unter dessen Sohn Kim Jong-un.
(Peter Achten/news.ch)
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