Nordsee ist Mordsee: Massive Attack - «Heligoland»
publiziert: Donnerstag, 11. Feb 2010 / 12:09 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 11. Feb 2010 / 16:48 Uhr

Ende letzten Jahres kündigten Massive Attack mit der EP «Splitting the Atom» die neue Langspielplatte schon an. Nun ist «Heligoland», das fünfte Album der Soundtüftler aus Bristol, erschienen.

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Massive Attack
Offizielle Webseite.
massiveattack.com

Erst im letzten Jahr wurden Massive Attack für ihre aussergewöhnlichen Beiträge (outstanding contributions) zur britischen Musik mit dem Ivor Novello Award ausgezeichnet.

Aussergewöhnlicher Gesangsbeiträge haben sich die beiden Gründungsmitglieder Robert «3D» Del Naja und Grant «Daddy G» Marshall wie eh und je auch auf ihrem neuen Werk versichert. Neben Horace Andy, dem Reggaesänger mit der angenehm rauchigen Falsettstimme, der längst schon zu einer festen Grösse im Schaffen der Band geworden ist, interpretieren diesmal Damon Albarn, Tunde Adebimpe (TV On The Radio), Guy Garvey (Elbow), Hope Sandoval und Martina Topley-Bird die gravitätischen Kompositionen von Massive Attack. Musikalisch unterstützt werden sie zudem von Damon Albarn am Bass («Flat Of The Blade») und Keyboards («Splitting The Atom») sowie von Adran Utley, dem Gitarristen von Portishead («Saturday Come Slow»). An einigen Tracks arbeitete auch der britische Produzent und DFA-Labelchef Tim Goldsworthy mit.

Perfektionisten

Soweit die Basisfakten zu dem nach der englischen Schreibweise der Nordseeinsel Helgoland benannten Album. Wie dieses kleine Eiland in wogender See, so ist auch die Musik von Massive Attack ein geliebtes Relikt im Getöse des Schneller, Höher, Weiter in der Flut britischer Pop-Novitäten. Robert Del Naja, die treibende kreative Kraft der Band, ist ein akribischer Studiotüftler, ein Perfektionist, der nach eigenem Bekunden vor geraumer Zeit ein komplett fertiges Album vernichtete, weil es ihm schlichtweg nicht mehr gefiel. So kann man getrost davon ausgehen, dass jeder der zehn Albumtracks bis hin zum winzigsten Klangdetail ins beste Licht gerückt wurde.

Dabei herrschen auf «Heligoland» einmal mehr jene nagende Schwermut und Atmosphäre der Trägheit und Melancholie vor, die seit den Anfängen von Massive Attack, als Shara Nelson anno 1991 majestätisch-wogenden Schritts durch den bahnbrechenden Videoclip zu «Unfinished Sympathy» wandelte, zu den Markenzeichen der Band gehören. «Pray For Rain», «Splitting The Atom» und das finale «Atlas Air» sind solch exzeptionell spannungsgeladene Prototypen einer Kunst, der auch ein apokalyptisches Element, ein Hauch von Science-Fiction zugrundeliegt. Und die für Massive Attack typisch bedrohlich pulsierenden Bassläufe findet man auf «Girl I Love You» in Reinkultur.

Auch lichte Momente

Gleichwohl gibt es auch lichte Momente auf «Heligoland»: das beflügelnd aus Gitarren-Loops geflochtene «Psyche» etwa, oder das betörend schöne «Paradise Circus». «Babel» und «Rush Minute» wiederum erinnern in ihrer plastischen Klangchirurgie an die Arbeitsweise von Radiohead. Für einen molltrunkenen grossen Popmoment, den man nicht unbedingt sofort Massive Attack zuordnen würde, sorgt schliesslich Damon Albarn mit «Saturday Come Slow». Nur das getragen stoische Tempo obsiegt auch hier.

Hervorgegangen sind Massive Attack aus dem Ende der 1980er in Bristol formierten Künstlerkollektiv The Wild Bunch, zu dem damals auch Tricky gehörte und das als Wiege des Trip-Hop gilt. Das anfänglich aus Del Naja, Marshall und Andrew «Mushroom» Vowles bestehende Trio engagiert von Anbeginn an Gastsängerinnen und -sänger für seine Songs. Der Erfolg der Singles «Unfinished Sympathy» und «Safe From Harm» legt den Grundstein für das exorbitant gute Feedback, welches das 1991er Debütalbum «Blue Lines» von Kritik und Publikum erhält. Heute gilt dieses zu Recht für seine innovative Kraft hochgelobte Album als absoluter Klassiker seiner Art.

Erfolgreiche Folgeplatten

1994 folgt mit «Protection» (und der ein Jahr später veröffentlichten und von Mad Professor betreuten Dub-Version «No Protection») der nächste gelungene kreative Schachzug. Das von Tricky interpretierte «Karmacoma» entwickelt sich dabei zu einem jener Massive-Attack-Tracks, die seit Jahren in unzähligen Fernsehreportagen, Serien und Kinofilmen auftauchen. Das düster klaustrophobische Album «Mezzanine» (1998), auf dem Horace Andy sowie Elizabeth Fraser (Cocteau Twins) die markanten Stimmen bilden, avanciert zu einem weiteren Kritikerliebling, dem mit der Nummer eins in Grossbritannien und Australien, Gold in Deutschland und der ersten Billboard-Chart-Notierung auch ein beachtlicher kommerzieller Erfolg beschieden ist.

Nachdem Vowles aus der Band ausgestiegen ist und auch Marshall sich vorübergehend auf sein Privatleben konzentriert, erscheint 2003 das Album «100th Window» im Grunde genommen als Soloprojekt von Del Naja, der neben Horace Andy die irische Sängerin Sinead O’Connor für die Aufnahmen verpflichtet.

In den letzten Jahren hat sich Robert Del Naja auch mit Soundtracks für eine Reihe von Dokumentar- und Spielfilmen einen Namen gemacht. Den Auftakt bildet 2004 der Soundtrack zu dem Luc-Besson-Film «Danny The Dog». Es folgen «Trouble In The Water», «44 Inch Chest», «In Prison My Whole Life» und der preisgekrönte Film «Gomorra», für den Del Naja mit dem David Di Donatello Award in der Kategorie Bester Song ausgezeichnet wird.

Politisch engagiert

Ein vorläufiges künstlerisches Fazit ziehen Massive Attack im Jahr 2006 mit der Best-Of-Compilation «Collected» und als Kuratoren des Meltdown-Festivals 2008 zeigt sich auch ihr immenser Stellenwert in der Musikszene. Massive Attack haben sich auch als brillanter Live-Act und als politisch stark engagierte Band einen klangvollen Namen gemacht. Insbesondere unterstützen sie die Hope Foundation, eine Organisation, die Gelder für Flüchtlingscamps im Nahen Osten sammelt.

Bei ihren aktuellen Konzerten bilden LED-Laufbänder mit stets aktualisierten Meldungen über politische Verfolgung und Bürgerrechtsverletzungen einen wichtigen Teil der Lightshow. Für den Februar haben sie einige Konzerte in Grossbritannien angekündigt. Mit «Heligoland» im Gepäck werden Massive Attack sicherlich auch hierzulande in diesem Jahr noch live zu sehen sein. Fans dürfen sich zudem auf Remixversionen aktueller Massive-Tracks von dem Dubstep-Spezialisten Burial freuen.

(fest/news.ch mit Agenturen)

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