Notfallseelsorge - Dienst an Kirchen und Moscheen?
publiziert: Donnerstag, 14. Mai 2015 / 09:42 Uhr
Menschen im Notfall brauchen als erstes Menschen, die ihnen beistehen. Theologen sind nicht gefragt.
Menschen im Notfall brauchen als erstes Menschen, die ihnen beistehen. Theologen sind nicht gefragt.

Die Landeskirchen krallen sich an die Notfallseelsorge, weil sie ihnen Zugang verschafft zu Menschen in Notsituationen. Dieses Privileg soll neu auch den Muslimverbänden zugestanden und von der Allgemeinheit finanziert werden. Das Selbstverständnis der Seelsorgenden gibt jedoch begründeten Anlass, deren Eignung für die Notfallbetreuung anzuzweifeln.

Letzten Sonntag waren ein katholischer Pfarrer und ein Imam, beide als Notfall-Seelsorger tätig, zum Thema «Notfallseelsorge: Dienst am Nächsten oder Dienst an allen?» in die «Sternstunde Religion» des Schweizer Fernsehens geladen. Als Einstieg diente ein Dokumentarfilm über Freiwillige im Dienste des Kriseninterventionsdienstes des Deutschen Roten Kreuzes, insbesondere über einen Mann, der selber in seiner Jugend traumatisiert worden war und sich heute - unbezahlt - in den Dienst von Mitmenschen stellt, ihnen beistehen will in diesem furchtbaren Moment, wo sie eine Todesnachricht ereilt oder sie Opfer geworden sind eines Unfalls oder einer Gewalttat.

Bereits die Überleitung der Moderatorin, einer bekennenden Muslima, zeigte, welche Fallstricke im Thema verborgen sind. Den im Film vorgestellten Nothelfer bezeichnete sie als «weltlichen Notfall-Seelsorger», ein Begriff, der im Film ebenso wenig vorkam, wie die kirchliche Seelsorge. Über die von ihm zitierte und weiter differenzierte Maxime «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» sagte die Moderatorin salopp: für ihn sein das «nur ein Spruch», während es für den kirchlichen Seelsorger «biblische Grundlage seines Handelns sei». Das kann man sich in der «Sternstunde Religion» leisten, ohne Widerspruch zu provozieren, denn da sind die Religiösen unter sich.

Interessant, dass der Imam offen bekannte, durch seine theologische Ausbildung nicht auf die Notfallseelsorge vorbereitet zu sein, und auch der katholische Pfarrer will den wesentlichen Teil seiner Kompetenzen nicht in der Pfarrerausbildung sondern in Sozialausbildungen und in den Zertifizierungskursen des Nationalen Netzwerks Psychologische Nothilfe (NNPN) des Bundes erworben haben.

Kirchliches Personal ist also offensichtlich nicht besonders gerüstet für diese anspruchsvolle Aufgabe. Umso befremdlicher dann, dass auf der Webseite der Zürcher Notfall-Seelsorge, der einzigen kirchlichen Struktur unter den Partnerorganisationen der NNPN, Texte stehen in denen etwa zur Theologie der Seelsorge zu lesen ist:
«Um geistesgegenwärtig sein zu können, muss der Seelsorger sich gleichzeitig auf die Situation einstellen und über ihr stehen. Er bringt dafür ein Rüstzeug mit, das sich von der Krisenanalyse eines Polizisten oder der Anamnese eines Notfallpsychologen unterscheidet. Die Seelsorgerin hat ein ausgesprochen feines Gespür für phänomenologische Unterschiede. Dabei helfen ihr religiöse Deutungen. Das sind Netze, um Erfahrungen einzufangen. Und es helfen ihr theologische Interpretationsperspektiven, die Orientierungspunkte liefern, die trotz dem drohenden Chaos noch Unterscheidungen wahrnehmen lassen.»

Theologische Deutung ist aber eigentlich gerade nicht gefragt. Und auch der Imam ist auf Abwegen, wenn er ausführt, dass die muslimischen Bestatter nicht alle Fragen der Hinterbliebenen auffangen können, und dass er die Menschen an die nächste Moschee verweist für die «Nachsorge». Denn in den Richtlinien der NNPN steht klar: «Sie üben ihre Tätigkeiten unter Beachtung der politischen und konfessionellen Neutralität aus. (...) Die psychologische Nothilfe darf weder als Plattform zur Rekrutierung von Patienten genutzt werden, noch zur Anwerbung von Mitgliedern in Vereinen oder religiösen Gruppierungen dienen.»

Interessant auch die Aussage des Pfarrers, dass sich die Notfall-Betreuung vom Begriff Seelsorge verabschiedet und den neudeutschen Begriff Care-Team angenommen hat. Ganz offensichtlich ist in der religiös mehrheitlich distanzierten Bevölkerung der Schweiz die Betreuung durch einen «Seelsorger» nicht wirklich erwünscht. Die nationale Zertifizierungsstelle ist deshalb dringend aufgefordert, die von ihr zertifizierten Personen oder zur Zertifizierung zugelassenen Organisationen sehr genau zu überprüfen.

Interessant, aber nicht angesprochen in der Sendung, ist auch die finanzielle Seite dieser Tätigkeit. Der Pfarrer stellte lediglich fest, dass Pfarrpersonen berufsbedingt den Vorteil einer höheren zeitlichen Flexibilität hätten als Betreuer mit anderen Brotberufen. Finanziert werden die rund 100 Notfallseelsorgenden zum Beispiel im Kanton Zürich durch die Landeskirchen - allerdings weisen diese den Aufwand von rund 200 Einsätzen oder 500 Einsatzstunden pro Jahr (2013) wieder in jenen Berichten aus, aufgrund derer der Kanton sie mit jährlich 50 Millionen Franken für «Dienste an der Allgemeinheit» entschädigt.Die Finanzierung ist so auf lange Sicht gesichert, das Prestige gesteigert und die Nachfrage nimmt offenbar zu, vermutlich, weil das Angebot als staatlich organisiert und finanziert wahrgenommen wird. Im Windschatten dieses landeskirchlichen Systems wird im Kanton Zürich nun auch die muslimische Notfall-Seelsorge aufgebaut, finanziert mit Beiträgen aus dem Lotteriefonds, 2014 mit als «2. Tranche» bezeichneten 500'000 Franken.

Die eingangs von der Moderatorin gestellten Frage, was denn Seelsorgende mehr leisten als Notfallpsychologen und Sozialarbeitende, wurde in der Sendung nicht direkt beantwortet. Der aufmerksamen Zuschauerin wurde aber klar: Seelsorger leisten tatsächlich mehr, aber nicht für die Betroffenen, sondern mehr PR für ihre Religionsgemeinschaft.

«Ich bin da» sagte hingegen der Freiwillige im Dokumentarfilm, wenn er bei den Betroffenen eintrifft - als Mensch. Das ist es, was Menschen im Notfall als erstes brauchen: Menschen, die ihnen beistehen. Theologen und Kirchenpersonal sind da in den allermeisten Fällen nicht gefragt und auch nicht besonders geeignet und sollten deshalb nicht mit öffentlichen Geldern subventioniert werden.

(Reta Caspar/news.ch)

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