November: Jetzt liegen die Nerven blank
publiziert: Mittwoch, 19. Nov 2003 / 15:36 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 26. Nov 2003 / 11:03 Uhr

Den November fürchten die Eiskockey Klubtrainer wie der Teufel das Weihwasser: Denn jetzt werden die Zwischenzeugnisse erstellt und bei Nichtgefallen muss so mancher Coach seinen Trainerstuhl räumen. Dass der November und Dezember für die Trainer der schlimmste Monat im Jahr ist, hat einen guten Grund.

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Bob Leslie war nur knapp ein halbes Jahr Trainer beim EHC.
Bob Leslie war nur knapp ein halbes Jahr Trainer beim EHC.
Jetzt hat es sie doch noch erwischt, die Herren McParland und Leslie. Den einen überfuhr die Nachricht der Entlassung in Lausanne eher überraschend, während man in Basel schon sehr lange auf den Moment wartete, bis die Klubführung die Nerven verlieren würde.

Traditionell im November und Dezember beginnt in der NLA die Zeit der "heissen Stühle". Nach den ersten Bestandesaufnahmen wird agiert, reagiert und malträtiert. Die Trainer sitzen in den kalten Novembertagen auf dem heissesten Stuhl im Eishockeygeschäft und müssen sich für das auf dem Eis Geleistete verantworten.

Dabei gibt es markante Unterschiede zwischen den Führungsgremien, wie man mit einer Krise umgeht, sei diese sportlich oder auch wirtschaftlich. Warum sind aber der November und Dezember die klassischen Flugmonate für die Trainer?

Ganz einfach: Jetzt lässt es sich noch reagieren und agieren. Jetzt kann man noch am Team modellieren, noch ist alles nicht verloren und ein freier Fall in sportlicher Hinsicht mit einer Notbremse-Aktion zu verhindern.

Im Januar ist es vielleicht für viele Teams zu spät und erst recht kurz vor den Playoffs, wie der Fall Ambri letztes Jahr bewies. Manchmal erwischt es aber auch Spieler wie in der DEL: Die Topstars Ustorf (immerhin Deutschlands Nationalteam-Captain) und Racine wurden von der Klubleitung für den Rest der Saison freigestellt und erhielten keine Option auf eine Weiterbeschäftigung.

Die letzten Beispiele in Davos, Zug, Langnau, Lausanne und Basel zeigten vier komplett verschiedene Verfahrensweisen. In Davos ist der Trainer eine starke Persönlichkeit mit sehr viel Hausmacht, der praktisch unabsetzbar ist, ausser er wählt den Weg des Rückzugs selber.

In Zug lernte man aus den Erfahrungen der Vergangenheit und übte sich in Geduld: Selbst in einer sportlich tiefen Krise im Oktober 2003 war Sean Simpsons Entlassung kein Thema. Auch bei den SCL Tigers bewies man Geduld.

In Langnau ist man in dieser Saison praktisch auf Gedeih und Verderb an Koleff gebunden, will man das Gesicht nicht verlieren. Eigentlich waren auch die Basler sehr geduldig, aber nach über zehn Spielen ohne Sieg musste gehandelt werden.

Typisch für den HC Lausanne aber ist das Vorgehen gegen Mike McParland. Beim HCL hatte Geduld noch nie Tradition. Auch Bescheidenheit nicht. Trotz guten Chancen im Kampf um die Playoffs verlor man nach drei Niederlagen in Serie schon die Nerven und heuerte hinter dem Rücken des Coaches und des Sportchefs Ueli Schwarz den neuen Mann an, Riccardo Fuhrer (ein alter Bekannter in Malley). Die Folge war Konsternation bei Fans und Spielern, aber auch beim Sportchef. Der aufgrund dessen freiwillig seinen Posten räumte.

Das Krisenmanagement in einem Sportverein ist eines der schwierigsten Übungen für eine Führungscrew überhaupt. Hier zeigt sich oftmals, welcher Verein am besten organisiert ist und wie die Klubkultur eine Einwirkung erzielt. Der übliche Mechanismus bei einer sportlichen Krise wäre folgender:

1. Trainer Vertrauen aussprechen
2. Ausländer Vertrauen aussprechen
3. Trainer feuern
4. Neue Ausländer verpflichten

Der Druck auf die Trainer ist aber etwas geringer geworden, weil man jetzt leichter auch als erste Massnahme Schweizer Spieler transferiert oder Ausländer austauscht – Elik von Langnau zu Davos, Bohonos von Davos zu den ZSC Lions, Schoder von den ZSC Lions nach Langnau – so hilft man, Krisensituationen zu entschärfen ohne gleich eine teure Trainerentlassung inszenieren zu müssen.

Das Krisenmanagement wird stark von der Kultur eines Klubs geprägt. In Ambri läuft die Krisenbewältigung diskreter ab, es ist hier meist ein "Rat der Weisen", die dafür sorgen, dass der Klub nicht untergeht.

In Lugano, Zürich und heute auch in Bern ist genügend Geld da, um eine Krise nach modernem Management zu lösen, einen Trainer oder Manager zu feuern (wie Jim Koleff oder Riccardo Fuhrer), oder einen Trainer halt bis zum Saisonende durchzuseuchen (wie Pekka Rautakallio) – existenzielle Probleme gibt es deswegen nicht.

Bei den Klubs aus der Romandie (Fribourg, Lausanne) sind sehr oft Emotionen im Spiel und es gibt unterhaltsame Polemiken. Kein Wunder ereignete sich die unbegreiflichste Trainerentlassung ausgerechnet in Lausanne.

Wichtig beim Krisenmanagement ist eine klare Trennung der verschiedenen Stufen: Spieler, Trainer, Sportchef und Verwaltungsrat. Gibt es Verfilzungen zwischen diesen Stufen – etwa Spieler, die mit dem Trainer zusammen das Management und die Vertragspolitik beeinflussen – wird es sehr schwierig.

(Von Joel Wüthrich, Working Press Basel/Montreal/news.ch)

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