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VIDEO vom Donnerstag, 4. Februar 2010
(aktualisiert: 04.02.2010 13:47 h)
Obszöner Gospel: «Good God! Born Again Funk»
Dass viele Blues- und Soulsänger in Gospelchören an ihren Talenten feilen konnten, ist hinlänglich bekannt. Die ungemeine Bedeutung und der Einfluss auf die schwarze Musikszene wird aber erst Recht in der soeben auf Numero Group erschienenen Zusammenstellung «Good God! Born Again Funk» deutlich.
(Felix Steinbild, Berlin/news.ch)
Gospel-Musik, die mit der Sprache der Strasse spricht: Cover von «Good God! Born Again Funk».
Der Grossteil der Aufnahmen dieser Platte stammt aus Chicago aus den Jahren 1970-1985, als es das Gospelzentrum der USA war. Viele kleine, lokale Platten-Labels schossen aus dem Boden, sie profitierten nach dem Krieg vom Boom auch im Bereich der Aufnahmetechniken. Die meisten standen in engem Kontakt zu Kirchen und ihren charismatischen Pastoren.
Erfolg der Soullabels ohne Gospel undenkbar
Der Erfolg von Chess beispielsweise, der bedeutendsten Blues und Soul-Schmiede Chicagos, wäre ohne das Musiker-Potenzial der unzähligen Gospelchöre und Gruppen undenkbar gewesen. Viele Sänger, Musiker, Komponisten und Produzenten rekrutierte man aus der vitalen Christen-Szene. Und die kleinen Labels nahmen viele Gospelsongs auf, um vom Markt der Gospelmusik zu profitieren.
Dabei waren bei Weitem nicht alle Gospel-Songs so heilig und christlich vorbildlich, wie sich das ein katholischer oder evangelischer Priester denkt, der sich heutzutage einen Gospel-Chor zu sich in den Gottesdienst einlädt. Im Gegenteil: Die Songs werden einerseits fromm vorgetragen, sind aber andererseits so obszön, heiss, derb und handeln von Suff und dem Blues, um dann wieder geläutert in religiösem Rausch wegzuschweben. Gerade dieser Konflikt macht gute Gospelmusik so glaubhaft und authentisch.
Samstag unheilig, Sonntag heilig
Auf diese offensichtlich widersprüchlichen Stücke hat es «Born Again Funk» abgesehen. Funk steht nämlich für einen unverhohlenen SexBeat, die Versuchung, der man eigentlich nicht widerstehen kann und das Leben so kompliziert machen kann - obwohl man es eigentlich besser weiss. Rausch und Ekstase ja - aber wenn schon, dann wenigstens mit Jesus, oder «Baby» wie Sam Cooke ihn nennt. Davon handeln die Songs, gesungen von Leuten, denen man es abnimmt. Und in der Sprache der Leute auf der Strasse: Die meisten Musiker spielten «unheilige» Musik am Samstag und «heilige» am Sonntag.
Die Platte beginnt mit Pastor T. L. Barrett & the Youth For Christ Choir «Like A Ship», einem epochalen Stück, das mitreisst und den Hörer sofort in den Bann der «Jesus-Freaks» zieht, ob man es will oder nicht: «Just like a ship...without a sail / [...] / I sailed for pleasure, but I found pain / I looked for sunshine...but I found rain...» ist einfach unwiderstehlich.
Es ist wohl kein Zufall, dass der charismatische Pastor T. L. Barrett in seiner Mt. Zion Church Musiker in den Bann zog, die nachher bedeutend wurden: Maurice White von Earth, Wind and Fire, Sun Ra/African-Heritage-Ensemble-Mitglied Phil Cohran, Donny Hathaway plus seinem berühmtem Sideman Phil Upchurch und ausgewählte Chess-Musiker.
«I'm Drunk & Real High»
Ein Highlight ist Ada Richards «I'm Drunk & Real High (On The Spirit Of God)», die ihre fünf gutgehenden Schönheits-Salons verliess, um in Kirchen auf der Strasse und in Spitälern ihre Botschaft zu verbreiten. Ihre Aufnahmen und Glaubenszüge finanzierte sie eben mit diesen Einnahmen.
Beim Hören wird einem immer wieder bewusst, wie viel Einfluss die Gospelmusik auch auf den Country-Folk bis heute hatte. Auch in neueren Aufnahmen hört man es raus.
Numero Group hat einen sehr guten Ruf, unentdeckte Soul- und Funk-Perlen auszugraben, diese Zusammenstellung ist schon die 30. Veröffentlichung des Labels, und vielleicht eine der Besten. Jedes Stück ist es wert, neu entdeckt zu werden. Man kann «Gott» für dieses Album nur danken, ob man an ihn glaubt oder nicht.
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