Pack die Tortilla in den Tank?
publiziert: Freitag, 2. Feb 2007 / 11:25 Uhr / aktualisiert: Sonntag, 4. Feb 2007 / 08:52 Uhr

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Der neueste Klimabericht der UNO enthält das Wort «sehr» sehr häufig. Beim letzten Bericht war es noch das Wörtchen «wahrscheinlich», heuer heisst es «sehr wahrscheinlich». Aber nicht nur der Wortlaut hat sich verschärft: Es scheint nun kaum mehr einen Zweifel daran zu geben, dass der Mensch das Klima entscheidend mit beeinflusst.

Über das Ausmass und die wirkliche Faktualität wird noch lange gestritten werden und – da wir keine zweite Erde zum Vergleich beiziehen können – werden letzte Zweifel nie ganz ausgeräumt werden können. Im Endeffekt entscheiden über das Vorgehen ohnehin nicht die Fakten, sondern der Konsens darüber, was faktisch ist. Das mag ein wenig zynisch tönen, aber es ist nun mal so.

Auf diesem Trend basiert zum Beispiel der Run auf Bio-Sprit. Der Ansatz scheint schlüssig und logisch: Wenn man kein CO2 mehr aus fossilen Brennstoffen in die Atmosphäre pusten will, muss der Sprit aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen werden. Eine der dafür in Frage kommenden Pflanzen wäre der Mais.

Mit Mais lässt sich nicht nur der Popcorntopf und die Polentapfanne füttern, nein, auch in den Tank lässt sich das Zeug füllen... nach entsprechender Verarbeitung zu Ethanol. Wir leben also in einer Zeit, in der Verbrennungsmotoren langsam zu Fressfeinden der Menschen werden. Der Hunger der USA nach Bio-Sprit hat bereits zur Verteuerung von Mais in Mexiko und damit zu Protesten armer Bevölkerungsschichten geführt. Sollte die USA wirklich auf die Mais-Schiene einschwenken, könnte das erst der Anfang gewesen sein.

Geht man davon aus, dass aus einem Kilogramm Mais etwas weniger als ein halber Liter Ethanol gewonnen werden kann, dann vertilgt ein in den USA immer noch so beliebtes SUV gute 40 Kilo Mais auf 100 Kilometern. Doch auch europäische Klein- und Mittelklassewagen würden nur selten unter 10 kg Mais auf 100 km verputzen.

Bedenkt man, wieviele Millionen von Autokilometern zurückgelegt werden, scheint es etwas irr zu sein, ausgerechnet auf eine Pflanze setzen zu wollen, die sowohl Menschen als auch Nutztieren als Futter und Kinogängern als unverzichtbarer Snack dient. Wenn in den USA nun also die Tortilla in den Tank gepackt werden soll, scheint schon wieder eine Weiche falsch gestellt zu werden. Aber mehr noch in Europa, wo Getreide, statt Mais, verspritet wird.

Denn Bio-Sprit hat viele Nachteile, über die kaum geredet wird: Anbau und Verarbeitung verbrauchen nämlich auch Energie, die irgendwo herkommen muss – die Energiebilanz ist keineswegs so blütenrein, wie man sie gerne hätte.

Kommt noch dazu, dass die immer genannten Pflanzen Mais und Weizen als Energieproduzenten recht lausig sind. Aber es handelt sich um Gewächse, welche von den Bauern und der Agrarlobby bereits kultiviert werden: Die Infrastruktur ist vorhanden, die Märkte sind da, die Umstellung für die Produzenten ist klein.

Doch wollen wir wirklich, dass die subventionsverwöhnte Agrarlobby einen weiteren Bonus einfach so reingeschoben bekommt? Oder wäre es nicht vernünftiger, dass optimal geeignete und bisher bei uns noch nicht vereinnahmte Pflanzen die Grundlage für Bio-Sprit liefern sollen? Ein Beispiel dafür wäre Chinaschilf, der von allen bekannten Kulturpflanzen die höchste Energiedichte pro Hektar aufweist. Auch bestimmte Hirsesorten kämen in Betracht, liefern diese Pflanzen doch auch die doppelte bis dreifache Menge Ethanol pro Hektar.

Doch auch hier tun sich wieder Abgründe auf: Diese Pflanzen sind nicht heimisch und könnten dank ihres heftigen Wachstums auswildern und hiesige Gewächse verdrängen was ökologisch grosse Probleme verursachen würde. Man sieht also... Die Probleme hören nicht auf.

Der Klimabericht macht jedenfalls deutlich, dass nach Jahrzehnten des Rumwurstelns es nun endlich an der Zeit ist, sich den Problemen und Folgen des hemmungslosen Verbrennens von Öl, Gas und Kohle zu stellen. Sollte die Kombination aus höherer Effizienz, alternativen Energiequellen und neuen Technologien in zehn bis zwanzig Jahren wirklich eine Entlastung für die Umwelt bringen, wird es die Anstrengungen Wert gewesen sein. Verbrennen wir Nahrung statt Öl, wird ein ökologisches Problem durch ein soziales ersetzt. Tortillas gehören auf den Teller. Nicht in den Tank.

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

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