Patriotismus, Nationalismus, Chauvinismus
publiziert: Dienstag, 28. Aug 2012 / 10:00 Uhr
Senkaku/Dioyu-Inseln: Unbewohnte Steinhaufen im Pazifik, hart umkämpft.
Senkaku/Dioyu-Inseln: Unbewohnte Steinhaufen im Pazifik, hart umkämpft.

Für Europäer kaum wahrnehmbar hat sich das Schwergewicht der Welt in den letzten vierzig Jahren langsam vom atlantischen in den pazifischen Raum verschoben. Das neue Epizentrum Asien ist wirtschaftlich erfolgreich, tut sich aber oft schwer im regionalen Zusammenleben. Der Nationalismus, in Europa in der extremen Form überwunden, feiert Urstände.

Galerie Urs Meile Zeitgenössische Chinesische Kunst Luzern Schweiz Beijing China
8 Meldungen im Zusammenhang
Hunderttausende gingen vor kurzem in vielen Städten Chinas auf die Strasse, um gegen Japan zu demonstrieren. Spontan, nicht von der Partei organisiert wie sonst üblich. Die Japaner nämlich massten sich nach chinesischer Auffassung einmal mehr an, das im ostchinesischen Meer gelegene felsige Eiland Diaoyu - japanisch Senkaku - für sich zu beanspruchen. Weiter nördlich im japanischen Meer beansprucht Japan die Takeschima-Inseln. Südkorea lässt sich das nicht bieten. Ostentativ besuchte Südkoreas Präsident Lee Myung-bak die Insel, welche Südkorea für sich beansprucht und Dokodo-Inseln nennt. Im südchinesischen Meer wiederum wird es noch komplizierter, weil dort verschiedene Inselgruppen, meist Riffs und unbewohnte Steinhaufen, von mehreren Staaten für sich reklamiert werden. Auf chinesischen Karten freilich sind praktisch sämtliche Inseln als chinesisches Territorium verzeichnet. Historisch betrachtet, so begründet China den Anspruch, gehören die Inseln seit alters her zum Reich der Mitte. Doch die Spratly-Inseln zum Beispiel - chinesisch Nansha - werden auch von Vietnam, Malaysia, Brunei und den Philippinen beansprucht.

In den letzten zwanzig Jahren ist es verschiedentlich zu gewaltsamen Zwischenfällen gekommen. China hat inzwischen auch einige Inseln besetzt und lässt ihre immer besser ausgerüstete Marine für alle sichtbar regelmässig das weite Seegebiet überwachen. Das Thema wird natürlich auf dem internationalen diplomatischen Parkett diskutiert, unter anderem vor allem in der Assoziation Südostasiatischer Staaten (ASEAN). Peking oder Vietnam freilich beharren auf ihren «historischen Ansprüchen» und rufen zur friedlichen Beilegung der Konflikte auf. Es ist eine Patt-Situation nicht zuletzt deshalb, weil es im Unterschied zu Europa mit EU und Nato in Asien keine vergleichbaren Organisationen gibt, die rechtlich bindend oder im Konsens solche Konflikte kontinuierlich lösen könnten. Es ist denn auch kein Zufall, dass im vergangenen November die USA ihre weltweite Interessen-Politik neu definiert haben. Vom atlantischen Raum sind jetzt mit einer Asien-Pazifik-Strategie die Interessen klar in den pazifischen Raum verlagert worden, wirtschaftlich, politsch und vorab militärisch. Amerika - schon immer auch eine pazifische Macht - stösst dabei bei vielen asiatischen Nationen stillschweigend, doch aus Furcht vor China nicht offen, auf ungeminderte Gegenliebe. So haben die USA mit Vietnam, dem alten Feind, heute ein ausgeglichenes, fast schon freundschaftliches Verhältnis.

Hinter dem Streit im süd- und ostchinesischen sowie im japanischen Meer stehen natürlich handfeste wirtschaftliche Interessen. Die Seefahrt-Route durch die Malakka-Strasse über Singapur und von dort durchs südchinesische Meer gehört zur wichtigsten in der Welt. Ein grosser Teil des Energienachschubs für China und Japan - der zweit- und drittgrössten Volkswirtschaft der Welt - sowie der Gütertransport von Asien nach Europa wird auf dieser Route abgewickelt. Es geht aber auch um reiche Fischgründe sowie - dies vor allem - um vermutete oder bereits entdeckte ergiebige Erdöl- und Gasvorkommen, die zur Disposition stehen. Auf diesem Hintergrund sind die zunehmend härteren nationalistischen Töne der einzelnen Staaten zu interpretieren.

Unverheilte Wunden, eine unbewältigte Vergangenheit und auch alte Ressentiments treten dabei an die Oberfläche der aktuellen Politik. Japan steht dabei im Mittelpunkt. In Südkorea wird mit Vehemenz gegen die alte Kolonialpolitik der Japaner demonstriert. Noch ist die brutale, menschenverachtende Annektierung Koreas als Kolonie durch Japan von 1910-1945 nicht vergessen, zumal sich Japan nie wirklich und in aller Form für die begangenen Gräueltaten entschuldigt hat. Dasselbe gilt für das Verhältnis von China zu Japan. Das Reich der Mitte hat unter den Japanern von 1931-1945 unsäglich gelitten. Wiederum ohne formelle, rechtlich bindende Entschuldigung von Tokio.

Der Anti-Japan-Reflex in China ist deshalb genuin und nicht - wie oft in den westlichen Medien kolportiert - von Partei und Regierung gelenkt. Freilich gesellt sich zur Japan-Aversion in China noch etwas anderes hinzu. Es ist das Trauma der Zeit zwischen 1841 und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es ist - wie bereits chinesische Primarschüler lernen - die «Zeit der Schande und Erniedrigung» durch die westliche Imperialisten und Japan. Jetzt, wo China langsam aber sicher international wieder einen Spitzenrang einzunehmen beginnt, ist es nicht verwunderlich, dass sowohl Chinesinnen und Chinesen als auch Regierung und Partei stolz auf den Wiederauftstieg der Nation sind. Sozialismus, Kommunismus und Maoismus sind in der breiten Bevölkerung längst nicht mehr Leitwerte. Patriotismus und Nationalismus sind an die Stelle getreten. Für die allmächtige Kommunistische Partei Chinas ist das nicht ganz unproblematisch. Der Übergang nämlich von berechtigtem Nationalstolz - zum Beispiel an den Olympischen Spielen in Peking 2008 oder der Weltausstellung in Schanghai 2010 - zum Chauvinismus ist fliessend und gefährlich. Die Frage für die Mächtigen lautet: wie können spontane Demonstrationen kontrolliert werden? Wo genau ist die Linie zwischen berechtigtem Zorn und Staatsraison zu ziehen?

Auffallend ist, dass das offizielle China trotz wirtschaftlichen und auch politischen Erfolgen nur allzu oft noch immer gereizt und nervös reagiert auf jegliche, auch berechtigte Kritik aus dem Westen und zumal auf die China-Berichterstattung des westlichen Medien. Mehr Gelassenheit Pekings im internationalen Ambiente wird mithin ein sicheres Zeichen sein, dass das Reich der Mitte endgültig zu einer Grossmacht geworden ist.

(Peter Achten/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Phnom Penh - Ungeachtet des Territorialstreits um Inseln im südchinesischen Meer ... mehr lesen
US-Präsident Barack Obama versuchte in Phnom Penh die Wogen zu glätten. (Archivbild)
Die Inselgruppe im Ostchinesischen Meer sorgt weiterhin für Spannungen zwischen China und Japan.
Tokio - Im diplomatischen Streit mit Japan über eine unbewohnte Inselgruppe im ... mehr lesen
Tokio - Japan bemüht sich um eine Beilegung des Streits mit China um eine unbewohnte Inselgruppe im Ostchinesischen ... mehr lesen
In China Diaoyu und in Japan Senkaku genannt.
Senkaku-Inseln - Die Provokationen um die Senkaku-Inseln im Ostchinesischen Meer gehen weiter. Trotz Protesten aus Peking und eines Verbots der japanischen Behörden haben japanische Aktivisten die von Japan und von China beanspruchten umstrittenen Inseln betreten. mehr lesen 
Tokio - Die vor wenigen Tagen auf einer umstrittenen Insel im Ostchinesischen Meer festgenommenen chinesischen Aktivisten sollen von Japan nach China ausgewiesen werden. Ministerpräsident Yoshihiko Noda ht eine entsprechende Empfehlung der zuständigen Behörden gebilligt. mehr lesen 
Weitere Artikel im Zusammenhang
Tokio - Japans Küstenwache hat auf einer umstrittenen Insel im Ostchinesischen Meer eine Gruppe von Chinesen festgenommen. 14 Aktivisten aus Hongkong wurden nach Angaben der Küstenwache auf der Insel Uotsurijima wegen Verstosses gegen die Einreisebestimmungen in Gewahrsam genommen. mehr lesen 
Peking - Der Streit zwischen China und Japan um einige Inseln im Ostchinesischen Meer hat am Samstag in beiden Ländern Tausende Menschen zu Demonstrationen auf die Strasse geführt. Die Kundgebungen waren grösser als in der Vergangenheit bei territorialen Streitigkeiten. mehr lesen 
Auf Chinesisch heissen die umstrittenen Inseln Diaoyu, auf Japanisch Senkaku.
Tokio - Die japanische Regierung hat vom US-Internetgiganten Google die ... mehr lesen
Galerie Urs Meile Zeitgenössische Chinesische Kunst Luzern Schweiz Beijing China
Gerichtsgebäude in Shanghai: Dringend nötige Besserstellung von Richtern und Staatsanwälten.
Gerichtsgebäude in Shanghai: Dringend nötige ...
Das ZK-Plenum der KP Chinas hat getagt. Die Beschlüsse sind gefällt. Das Communiqué ist veröffentlicht. Geht die Partei nun zur Tagesordnung über? Mitnichten. Die Arbeit fängt erst an. mehr lesen 
Ordnung, Chaos, Liebe und Frieden Die Hongkonger Studentenproteste liefern seit einer Woche Schlagzeilen. In westlichen ...
Meister Kang im freien Fall Der grösste Tiger im Kampf gegen die Korruption, Zhou Yongkang, ist erlegt. China steht, wenn ...
Glücksspiel und Pferdewetten sind in China verboten. Niemand auf der Welt spielt und wettet jedoch derart mit Leidenschaft wie gerade Chinesinnen und Chinesen. Mao verurteilte einst das ... mehr lesen  
Und abends in Happy Valley: Pferderennen in Hong Kong.
Meister Kang im freien Fall Der grösste Tiger im Kampf gegen die Korruption, Zhou Yongkang, ist erlegt. China steht, wenn nicht alles ...
Polizei in Bern: «zu links» punkto Justiz- und Polizeipraxis betreffend totalitärer sozialistischer Unterdrückungstradition. (Archivbild)
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Wo Islamismus und Kapitalismus in Harmonie ko-existieren: Saudi Arabien.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Gerichtsgebäude in Shanghai: Dringend nötige Besserstellung von Richtern und Staatsanwälten.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Angezeigter Kabarettist Dieter Nuhr: Sollen Witze über Religion strafrechtlich relevant sein?
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
Seite3.ch
wetter.ch
SA SO MO DI MI DO
Zürich 9°C 14°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
Basel 5°C 14°C sonnig und wolkenlos leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
St.Gallen 8°C 14°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
Bern 4°C 15°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Luzern 7°C 14°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
Genf 5°C 17°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Lugano 8°C 16°C leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt
mehr Wetter von über 6000 Orten