«Patritotische Leidenschaft»
publiziert: Dienstag, 16. Okt 2012 / 10:54 Uhr
Die «Varyag» auf ihrem Weg nach China, wo aus ihr die Lianing würde
Die «Varyag» auf ihrem Weg nach China, wo aus ihr die Lianing würde

Was alle ernst zu nehmenden Streitkräfte der Welt in ihrem Arsenal haben, darüber verfügt jetzt auch China: einen Flugzeugträger. Der Bedeutung entsprechend gab sich denn auch Staats- und Parteichef Hu Jintao und Premier Wen Jiabao bei der offiziellen Indienststellung in der Marinebasis Dalian die Ehre.

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Der schwimmende Flugzeugträger-Koloss ist 300 m lang bringt es auf eine Höchstgeschwindigkeit von 35 Knoten. Das in den 1980er-Jahren gebaute Schiff wurde von China beim Zusammenbruch der Sowjetunion von der Ukraine gekauft. Das jetzt «Lioaning» getaufte Schiff hiess einst «Varyag», wurde aber von der Sowjet-Marine nie fertiggestellt. Die «Varyag» sollte zuerst zu einem schwimmenden Casino umgebaut und vor der chinesischen Sonderverwaltungszone Macau verankert werden. Doch der langfristig denkende chinesische Generalstab hatte andere Pläne. Es liess den Sowjet-Flugzeugträger mit neuester, zum Teil selbst entwickelter Technologie um- und ausbauen. «Liaoning», das Resultat, kann sich sehen lassen.

Die Nation ist stolz. Chinas Premier Wen Jiabao sagte, «Liaoning» werde eine «mächtige und tiefe Bedeutung» haben und sei «Grund für patriotische Leidenschaft». In allen Medien-Kommentaren kehrt immer wieder ein Argument wieder: Der Flugzeugträger ist Ausdruck der aufstrebenden Grossmacht China. «Lioaning» ist erst der Anfang, denn der Weg ist noch lang. Auf dem ersten und vorerst einzigen Flugzeugträger Chinas können ausser Helikoptern noch keine Flugzeuge landen. Die Piloten müssen erst noch ausgebildet werden. Das wird einige Jahre dauern. Vorerst wird der Flugzeugträger, so das englischsprachige Regierungsorgan «China Daily», vor allem für wissenschaftliche Forschung und Trainings-Missionen verwendet. Klares Ziel dabei sei es, China künftig selbst in die Lage zu versetzen, Flugzeugträger fortschrittlichen Typs herzustellen.

Doch China hat Zeit. Das Verteidigungsministerium schreibt denn auch in einer offiziellen Mitteilung: «Der Flugzeugträger ist von grosser Bedeutung und wird die Kampfkraft unserer Marine auf ein modernes Niveau heben .... und wird effektiv sein in der Verteidigung von Sicherheit und Interessen der Staatssouveränität».

Im Ausland wird die Indienststellung des ersten chinesischen Flugzeugträgers natürlich anders, d.h. meist negativ gelesen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil im Ostchinesischen Meer sich Japan und China wegen der Diaoyu- bzw. Senkaku-Inseln in den Haaren liegen, und im von China beanspruchten Südchinesischen Meer mehrere Staaten, darunter Vietnam, Brunei, die Philippinen, Indonesien und Malaysia eigene Ansprüche geltend machen.

Dennoch: Chinas erster Flugzeugträger ist vorerst vor allem ein Symbol für künftige militärische Macht und weniger eine akute aktuelle Bedrohung. Im übrigen muss wieder einmal darauf hingewiesen werden, dass ein wirtschaftlich so moderner und schnell wachsende Staat wie China sich wohl nicht mit einer - um es etwas plakativ auszudrücken - maoistischen Bauernarmee zufrieden geben kann.

Was die Flugzeugträger betrifft, ist ein Blick aufs bestehende Arsenal in der Welt recht eindrücklich und aufschlussreich.

  • USA: 11 im Dienst, 3 im Bau.
  • Italien: 2 im Dienst («Giuseppe Garibalidi» und «Cavour»)
  • Russland: 1, («Admiral Kuznetsow»)
  • Grossbritannien: 1 nur für Helikopter, 2 im Bau.
  • Frankreich, 1 («Charles de Gaules»)
  • Indien: 1 («Viraat»), 2 im Bau.
  • China: 1, («Liaoning»)
  • Spanien: 1 («Principe De Asturias»)

Wer wollte angesichts einer solchen Liste der Volksrepublik China eigene Flugzeugträger vorenthalten. Dazu kommt - Ironie der Geschichte - dass die technologische Entwicklung im Weltraum wohl Flugzeugträger in wenigen Jahrzehnten obsolet machen würde. Doch so weit sind wir noch nicht.

In China zumal stehen unmittelbar grosse Veränderungen bevor. Das bislang erfolgreiche Wirtschaftsmodell müsse nach über drei Jahrzehnten mehr oder weniger stark überholt werden. Auch politisch und sozial. Der kommende Parteitag, von dem man noch immer das Datum nicht weiss, wird das entscheiden und erstmals nach zehn Jahren eine neue Führung bestimmen. In der einflussreichen Tageszeitung «Global Times» - ein Ableger des Sprachrohrs der allmächtigen Kommunistischen Partei «Renmin Ribao» (Volkszeitung) - formuliert den in China vorherrschenden Ton so: «Der Flugzeugträger ist ein Meilenstein in Chinas Bemühen, Macht aufzubauen. Der Flugzeugträger wird auch ein psychologischer Meilenstein für das Chinesische Volks sein. Wir sollten unseren Minderwertigkeitskomplex endlich verabschieden». Dem ist wohl nichts beizufügen.

(Peter Achten/news.ch)

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