Phänomenomics(TM): Viagra übernimmt Botox
publiziert: Mittwoch, 25. Nov 2015 / 08:36 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 25. Nov 2015 / 12:01 Uhr
Viagra und Botox: Das künstliche Steife trifft auf simulierte Jugend.
Viagra und Botox: Das künstliche Steife trifft auf simulierte Jugend.

Das amerikanische Pharmaunternehmen Pfizer übernimmt das irische Unternehmen Allergan. Pfizer löst damit Novartis als grössten Pharmakonzern der Welt ab. «Viagra datet Botox» - deutlicher gibt es wohl kein Beispiel für die von mir formulierte: «Phänomenomics(TM)»

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In der Gesellschaft gilt nach Lacan das Gesetz des Symbolischen, d.h. beispielsweise einer Sprache, die soziale Regeln und wirtschaftliches Handeln verbindet. In dieser Ordnung sind die Menschen eingebunden (ja, bei Lacan heisst es Subjekte und klingt viel komplizierter, doch für hier reicht es). Pfizer vereinigt mit Allergan (auch ein Begriff, über den man Essays verfassen könnte) ist die phänomeno-logischste Hochzeit innerhalb des Finanzkapitalismus. Der künstliche Ständer vereinigt sich mit der künstlich Glatten. Braucht es eigentlich noch nähere Ausführungen über die Struktur unserer Gesellschaft, deren Werte, Funktion und Darstellung? Es gibt ab Viagra&Botox kein grösseres Pharmaunternehmen als Pfizer. «The harder the battle, the sweeter the victory...» oder «je härter der Schwanz, umso glatter die Geliebte.»

Die Fusion von Viagra&Botox widerspiegelt eins zu eins die postindustrielle Ordnung. Gott ist schon längst tot, dafür lebt der Pharma-Körper umso länger. Der Mann der Gegenwart leidet unter erektiler Dysfunktion - doch dank Pille steht er wieder. Simulierend sakralisiert sich das Simulakra. Dieses trifft nun auf die Frau (oder einen Mann), die (der) nicht glatt = jung ist. Dieses Simulakra muss nicht mal stehen, es reicht, wenn die Oberfläche geschmiert ist. Der simulierte Steife trifft auf simulierte Jugend - und wird zu einem der finanzmächtigsten Unternehmen weltweit.

Viagra und Botox sind nicht einfach pharmakologische Produkte, sondern sie sind «unsere» Werte, Rollen, Lebensziele, Funktionen und Religion in einem. Sie sind Schneeweisssschen und Rosenrot, sie sind Hänsel und Gretel, sie sind Yin und Yang. Diese Simulakren «erwirtschaften» Milliarden. Dazu passt, dass Pfizer, um Allergan zu übernehmen, eine «umgekehrte Fusion» (auch hier schreit die Phänomenologie: Bitte deute mich!) konstruierte. Pfizer hat drei Viertel (!) des eigenen Börsenwerts für ein Unternehmen aufgeworfen, das höchstens einen Drittel des bisherigen Umsatzes von Pfizer erwirtschaftet. Sprich: Der Steife hat all sein Gewicht an die Glätte abgegeben. «Umgekehrte Fusion» - wieder ein von Finanzökonomen kreierter Begriff, um Diebstahl in Milliardenhöhe zu kaschieren. Umgekehrt ist dabei nur der Steuergewinn: Statt in New York versteuert das neue Ehepaar «Viagra-Botox» in Dublin. Eine Milliarde - so schätzt man - sollen dabei jährlich mehr für die Aktionäre anfallen. Selbst Barack Obama murmelte angesichts dieser Obszönität etwas von «unpatriotisch». Doch selbstverständlich bleibt es beim meckern. Wir reden schliesslich von Barack Obama. Dem Mann, der «Change» und «Hope» über jedes Einfallstor ungebändigter US-amerikanischer Finanzhölle eigenhändig eingraviert. Gegen Pfizer hätte der amerikanische Präsident beispielsweise locker Sanktionen verhängen können: Das Unternehmen von allen staatlichen und öffentlichen Aufträgen ausschliessen. Doch Worte ohne Taten sind die Spezialität des ersten Schwarzen in der US-amerikanischen Regierung.

Zurück zu Viagra und Botox. Zurück zu Husserl und Lacan. Das «Ich» ist bei Viagra&Botox nicht mehr ein «Anderer» - oder mein Liebling bei Lacan: «Le je n'est pas le moi» sondern eine Oberflächeninstallation. Mit Viagra tut ein Mann als ob er ein Mann, mit Botox tut eine Frau als ob sie ein Mädchen wäre. Pille oder Spritze, egal, Hauptsache: «Unsere» Werte gib uns heute!

Und Ihr alle meint immer noch, es ginge tatsächlich um Realität? «Phänomenomics» (TM) erzählt Euch eine ganz andere Geschichte. Zeit, mal etwas genauer hinzusehen...

PS: Ich danke Moritz Klenk und Stefan M. Seydel für die Inspiration zu diesem Artikel. Jeder Fehlgedanke ist jedoch mein eigenes Tun.

(Regula Stämpfli/news.ch)

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