
Die Diskussion ging weiter: Ist teure Forschung nötig und ist es nicht sogar so, dass Wissenschaft uns entmenschlicht und zu Material macht? Sprich, ist die Wissenschaft am heutigen - wahrgenommenen - Elend schuld, unter dem viele Leute leiden? Vermutlich nicht mehr als die Philosophen.
Auf der wissenschaftlichen Seite war man sich zwar schon bald einmal sicher, dass es die Natur war, welche die menschliche Entwicklung beeinflusst - nur wie das gehen sollte, konnte nicht beantwortet werden.
In Tat und Wahrheit handelte es sich über Jahrzehnte sowohl bei den Erforschern auf der philosophischen als auch auf der wissenschaftlichen Seite um eine Horder Blinder die im Nebel mit weichgekochten Nudeln herumstocherten.
Während die einen viele Philosophen davon ausgingen, das Kleinkinder sozusagen «weisse Tafeln» sind, die nur durch die Erfahrungen gefüllt werden, vermuteten die anderen eine Art mechanistisches Bewusstsein, das, wenn nur in genug kleine Einheiten zerlegt, wie ein Uhrwerk erklärbar wäre. So sassen dort Mechanismus und da Existentialismus in ihren Elfenbeintürmen und schmollten sich an.
Dumm nur, dass weder der eine noch der andere Ansatz mit der täglich beobachteten Realität korrelieren wollte. Es lag an der Wissenschaft zu entdecken, dass alles viel komplizierter und irritierender ist, als es jeder gerne gehabt hätte.
Nun ... was ist der letzte Stand des Wissens? Vor allem, dass Milliarden Jahre der Evolution den Menschen - und alle anderen Lebewesen - zu unglaublich komplizierten, dynamischen Wesen gemacht haben. Und dass die Einflüsse vielfältiger sind, als sich viele hätten Träumen lassen.
So werden sehr vermutlich manche Geisteskrankheiten (vor allem solche, die Schubweise auftreten), durch in unser Erbgut eingeschmuggelte Viren-DNS ausgelöst, wobei das Rätsel darin besteht, was diese schädlichen Informationen aktiviert (Infektionskrankheiten stehen im Verdacht), was einen Handkehrrum zur Epigenetik bringt, dem erstaunlichen Fakt, dass der Körper auch von sich aus auf Umwelteinflüsse reagieren und Gene aktivieren und deaktivieren kann.
So könnten manche Kriegstrauma und Verhaltensstörungen vor allem von Kindern epigenetisch bedingt sein, weil Stressprogramme ausgelöst werden, welches das Verhalten in einer gefährlichen Umwelt begünstigen. Sogar die Befürchtung besteht, dass diese Aktivierung vererbt werden könnte, obwohl es darauf bisher nur sehr wenige Hinweise gibt. Viel eher löst das Verhalten solcher Eltern bei den Kindern wieder die gleiche Veränderung aus.
Nicht nur bei Neurologie und Genetik, auch sonst sind die wissenschaftlichen Fortschritte gigantisch, doch die Einordnung dieser Erkenntnisse in das Leben fehlt unserer Gesellschaft zum grossen Teil. Die meisten profitieren zwar von technischen Fortschritten, blenden aber das dahinterliegende Weltwissen weitgehend aus. Nur christliche Fundis, orthodoxe Juden und Islamisten helfen ihren Gefährten dabei, mit dieser Flut umzugehen, indem sie einfach alles, was einem Weltbild aus der Bronzezeit widerspricht, als Teufelswerk verdammen - zwar grundfalsch aber sehr einfach und effektiv.
Dies kann kaum die Arbeit der Philosophen sein, wobei manche aber fast auf jenes Niveau zurück fallen - dies nicht zuletzt aus zum Teil kultivierter Ignoranz heraus. Und genau so ignorant wie manche Geisteswissenschaftler gegenüber den «harten» Wissenschaften sind, so ignorant sind viele Wissenschaftler gegenüber Menschlichkeit und Ethik, jenen Kernthemen, die von der Philosophie beherrscht werden.
Für lange Zeit war diese umfassende Blindheit ziemlich egal, denn die menschliche Existenz schien - unter dem Licht der Religionen und der Metaphysik - irgendwie von der banalen Realität abgekoppelt (ausser man verhungerte oder wurde tot geschlagen). Doch heute steht fest, dass unsere Wahrnehmung, unser Denken, unser Handeln durch die gleichen Realitäten bestimmt werden, die auch einen Stein zum Fallen bringen und die Atome zusammenhalten.
Dass sich die Gesellschaft zum grössten Teil von der Philosophie abgewendet hat und erst jetzt wieder - in Form von «Pop-Philosophen» wie Richard David Precht - diese breiter entdecken, ist bezeichnend. Denn Precht nähert sich den Fragen eben auch über den Weg der neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse und zeigt mit seinem Erfolg, dass ein Wunsch nach Interpretation besteht - eine Interpretation, welche auch der Wissenschaft eine Rechtfertigung und vor allem eine verständliche Sprache zurück gibt.
So zeigt sich, dass Wissenschaft im Alltag speziell durch philosophische und ethische Bewertung gewinnen kann, denn reines Wissen ist an sich nutzlos - erst im Kontext der menschlichen Existenz bekommt es sein Gewicht. Man könnte also sagen, dass philosophische Ethik für die Wissenschaft eine Art Higgs-Boson ist, das, wie jenes der physikalischen Welt Masse und Zusammenhalt verleiht, all diesen empirischen Erkenntnisse eine relevante Gestalt im Leben der Menschen verleihen kann.
(Patrik Etschmayer/news.ch)
Die Philosophie (zumindest die nichtdogmatisch, aktuellere) hinterfragt was die Wissenschaft als bereits erwiesen proklamiert.
In unseren Tagen hat vieles ein immer kürzeres Verfallsdatum, so besonders auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Was heute als "Tatsache" verkauft wird, ist morgen schon Schnee von gestern. Da halte ich mich lieber an Wittgenstein "Worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen".
Ein Widerspruch an sich ist, von immer komplexeren Zusammehängen in der Welt zu sprechen und dann die vereinfachenden Welterklärungsversuche eines Richard David Prechts wohlwollend zu erwähnen.
Ist nicht genau dies Augenwischerei, das sich das Geheimnis der eigenen Existenz auf knapp 400 Seiten ("Wer bin ich und wenn ja, wie viele) entdecken liesse?
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