Bern - Finstere Gesellen in einem verrauchten Hinterzimmer, die ihre Pokerfaces aufsetzen: Ganz so ist es nicht mehr. Pokerboom in der Schweiz heute, das sind häufig junge Menschen, die sich mit Eifer um eine ausgefeilte Strategie bemühen.

Auch privat darf nicht um Geld gespielt werden, doch wegen fehlender Anzeige kann die Polizei meist nicht einschreiten.
Praxis gelockert
Im Dezember 2007 hat die Eidgenössische Spielbankenkommission (ESBK) ihre Praxis in Bezug auf Poker nun etwas gelockert: Pokerturniere können neu auch ausserhalb von Casinos durchgeführt werden, wenn für eine längere Dauer gespielt wird und damit das Können anstelle des Glücks stärker zur Geltung kommt.
Dies bürgt nach Meinung der ESBK dafür, dass der Erfolg nicht bloss vom Glück, sondern zu einem guten Teil vom Können abhängt. Die Swiss Gamblers, den Verein, der sich die Propagierung des Pokerspiels als Sport auf die Fahne geschrieben hat, freut dieser Durchbruch.
Der 27-jährige Marc Schöni, seit drei Jahren neben seinem Beruf als Informatiker intensiv mit Poker beschäftigt, quantifiziert die Faktoren, die den guten Spieler ausmachen, so: «Je ein Drittel Können, Glück und Psychologie; bei letzterer kommt das Pokerface, auch heute noch gelegentlich mit Hut und Sonnenbrille, ins Spiel.»
Die Swiss Gamblers, erstaunlicherweise eine Non Profit Organisation, wollen Poker populär machen und das Können (in der Pokersprache: skills) der Leute verbessern. Sie tun dies mit Kursen, bei denen Marc Schöni oder Präsident Robert Walser, auch er 27-jährig und in der Informatikbranche tätig, als Leiter amten.
Nervenkitzel
«Für uns zählt in erster Linie der Nervenkitzel», erläutert Walser im Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA anlässlich der Pokermesse im Dezember in Bern. Wer für sich allein stundenlang am Automaten Roulette spiele, sei viel stärker suchtgefährdet als ein Pokerspieler, findet er. Es fehlten der Kontakt und die Interaktion mit den Mitspielern.
Die Pokermesse in Bern wurde zum Spiegelbild des Booms, der die Schweiz seit einigen Jahren erfasst hat. 1200 Plätze für das Pokerturnier, das den Sieger zur Teilnahme an einem grossen Turnier in Australien berechtigt, waren vorgesehen. Der Ansturm war zu gross; es wurde auf 1500 Plätze erweitert. Das Gedränge an der Messe war riesig.
Beim Poker werde rasch klar, ob jemand Talent habe oder nicht. Wenn nicht, sei es besser, die Hände davon zu lassen. Im günstigen Fall könne es ein guter Zeitvertreib sein. Mit Mass betrieben, sei das finanzielle Risiko klein. «Wer gut ist, der kann sogar richtig toll Kasse machen, das ist mehrfach bewiesen» so Schöni.
Der Profi
Einer, der den Durchbruch geschafft hat, ist der 35-jährige Rino Mathis, der sich auch gegenüber den Steuerbehörden als Pokerspieler zu erkennen gibt. Seit sechs Jahren hat der Informatiker - von den mathematischen Gesetzmässigkeiten her besteht eine Affinität - das Spiel zum Beruf gemacht und erzielt damit nach eigenem Bekunden ein gutes Einkommen.
Er tut dies ausschliesslich mit Siegen oder vorderen Platzierungen an Turnieren sowie mit Cashgames in Casinos; der Ustermer ist daneben ein gefragter Mann als Kursleiter und Referent.
Bei den Swiss Gamblers ist der Familienvater Ehrenmitglied und trägt den Nickname «barolo». Weshalb kann er trotz einem nicht unbeträchtlichen Glücksfaktor von diesem Kartenspiel leben?
Mathis: «Das Erfolgsrezept heisst Disziplin und Konstanz. Man muss nicht perfekt sein, es reicht schon, ein paar Fehler weniger zu machen als die Konkurrenz. Der Glücksfaktor wird allgemein überschätzt. Eigentlich gut für uns Pro's (Profis), wenn es dabei bleibt.»
Sein Rat an junge, interessierte Leute: «Probiert dieses hochinteressante Spiel aus, redet mit Pro's, informiert euch und lest Bücher. Spielt Online, so bekommt ihr ein Gefühl für die Karten.» Mathis trägt den Titel eines FullTilt Pro's, den weltweit zur Zeit nur 56 Cracks führen dürfen.
(von Hans Trachsel/sda)
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