Prominenter Strafverteidiger auf Korsika ermordet
publiziert: Dienstag, 16. Okt 2012 / 23:42 Uhr

Ajaccio - Die Gewalt auf Korsika hat eine neue Stufe erreicht: Erstmals seit mehr als 20 Jahren wurde am Dienstag ein Anwalt das Opfer eines offenbar gezielten Mordes. Der prominente Strafverteidiger Antoine Sollacaro wurde in seinem Auto erschossen, wie es aus Ermittlerkreisen hiess.

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Sollacaro wurde morgens gegen 09.15 Uhr in seinem Auto regelrecht hingerichtet. Er hatte an einer Tankstelle in der Hauptstadt Ajaccio angehalten, um wie jeden Tag eine Zeitung zu kaufen. Laut Augenzeugen hielten zwei Männer auf einem Motorrad neben ihm, einer von ihnen eröffnete das Feuer.

Frankreichs Innenminister Manuel Valls kündigte ein hartes Vorgehen gegen die Gewalt auf Korsika an und hob hervor, durch den Mord an dem Anwalt sei «ein Symbol des Rechtsstaates» angegriffen worden. Der Bürgermeister von Ajaccio, Simon Renucci, brachte am Tatort sein Entsetzen zum Ausdruck: «Wenn man einen Anwalt attackiert, dann ist eine Schwelle überschritten.»

Sollacaro war als Verteidiger des Schäfers Yvan Colonna in ganz Frankreich bekannt. Colonna wurde wegen der Ermordung des korsischen Präfekten Claude Erignac im Jahr 1998 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Zuletzt verteidigte der 63-jährige Anwalt auch den früheren korsischen Nationalistenführer Alain Orsoni, der Präsident des Fussball-Clubs AC Ajaccio ist. Gegen Orsoni und seinen Sohn liefen Ermittlungen wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Bande sowie mehreren Morden, was beide vehement bestreiten.

Schon 15 Morde seit Jahresbeginn

Der Mord an Sollacaro war am Dienstag nicht der einzige auf Korsika: Ein früherer nationalistischer Aktivist wurde ebenfalls von Kugeln durchsiebt in seinem Wagen gefunden. Damit wurden seit Jahresbeginn 15 Menschen auf der Insel mit ihren rund 300'000 Einwohnern erschossen. Hinzu kommen zehn Mordversuche.

Die Ermittlungen zu dem Mord an Sollacaro soll die auf Bandenkriminalität spezialisierte Stelle in Marseille übernehmen. Dort wird auch der Mord an einem der letzten Chefs der korsischen Bande «Meeresbrise», Maurice Costa, untersucht.

Costa war im August am helllichten Tage in einer Metzgerei niedergeschossen worden. Er war das elfte Mitglied der «Meeresbrise», das binnen vier Jahren getötet wurde.

Drogen, Immobilien und Glücksspiel

Die Ermordung im Jahr 2008 eines weiteren Bandenchefs, der den Einflussbereich der «Meeresbrise» auf den Süden der Insel ausdehnen wollte, hatte einen gnadenlosen Bandenkrieg ausgelöst. Laut Experten geht es vor allem um Geschäfte mit Drogen, Immobilien und Glücksspiel.

Ihren Anfang hatte die Gewaltspirale allerdings schon zwei Jahre vorher genommen, nachdem der «Pate» im Süden Korsikas gestorben war. Die traditionelle Aufteilung der Insel zwischen Norden und Süden geriet dadurch ins Wanken.

(bert/sda)

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