Nicht therapierbar
Psychopathen wie im Fall Marie «ändern sich nie»
publiziert: Mittwoch, 9. Mrz 2016 / 14:32 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 9. Mrz 2016 / 19:45 Uhr
Der Angeklagte wird bis zu seinem Tod an seiner Störung leiden. (Symbolbild)
Der Angeklagte wird bis zu seinem Tod an seiner Störung leiden. (Symbolbild)

Renens VD - Der 39-Jährige Angeklagte im Mordfall Marie ist in den Augen der beiden psychiatrischen Gutachter «nicht therapierbar». Der Neuenburger Psychiater Philippe Vuille hat deshalb am Mittwoch im Marie-Prozess für die lebenslange Verwahrung des Angeklagten plädiert.

4 Meldungen im Zusammenhang
Der Neuenburger Psychiater und Gutachter Philippe Vuille bekräftigte am Mittwochmorgen vor dem Strafgericht in Renens VD sein hartes Urteil gegenüber dem mutmasslichen Mörder von Marie: Dieser sei ein Psychopath mit sadomasochistischen, dominanten und exhibitionistischen Zügen, bei dem eine hohe Rückfallgefahr bestehe.
Ausserdem habe er beim 39-jährigen Angeklagten multiple Störungen der sexuellen Vorlieben erkannt. Viele Menschen integrierten solche Vorlieben in sexuellen Spielen. Beim Angeklagten sei das anders.

Die am 13. Mai 2013 in Payerne VD entführte und mit ihrem eigenen Gürtel erdrosselte 19-jährige Marie habe von den «bösen Augen, dem bösen Blick» des Angeklagten gesprochen. Ab einem bestimmten Moment habe sie wohl begriffen, «dass es sich nicht um ein Spiel handelte».

Psychiater getäuscht

Laut Vuille hat der mutmassliche Mörder der jungen Frau ein Bedürfnis, zu dominieren. Zudem empfinde er Freude daran, andere Menschen zu quälen und zu zerstören. Der Mann spiele mit Gefühlen, lüge schnell und könne selbst Psychiater täuschen. Vuille sagte, er habe in seiner Praxis genügend Erfahrung mit solchen Menschen gesammelt. Er habe mindestens drei oder vier Menschen mit den gleichen psychopathischen Störungen gesehen, die gemordet hätten.

Aus seiner Praxis könne er sagen, dass sich «solche Menschen nicht änderten und nicht therapiert werden könnten». Der Angeklagte werde bis zu seinem Tod an seiner Störung leiden, für ihn gebe es keine Therapie. Er sei «unheilbar». Von einem Psychotherapeuten zu verlangen, einen solchen Menschen zu therapieren, bedeute, von ihm «übernatürliche Fähigkeiten» zu erwarten.

Kontroverse unter Experten

Eine lebenslange Verwahrung des Angeklagten sei aufgrund dieser Diagnose angezeigt, zeigte sich der Neuenburger Experte überzeugt. Persönlich habe er zwar gegen die Verwahrungsinitiative gestimmt und finde diese lebenslange Verwahrung einen Blödsinn. Trotz allem sei die Schweiz aber ein Rechtsstaat und es gelte, Abstimmungsresultate zu respektieren.

Am Nachmittag wurde die Verhandlung mit der Befragung des zweiten Gutachters, dem Solothurner Lutz-Peter Hiersemenzel, fortgesetzt. Er legte dar, dass er in den meisten Punkten grundsätzlich mit seinem Kollegen übereinstimme. Es gebe nur wenige Abweichungen hinsichtlich der Art der Persönlichkeitsstörung. Dies sei aber nicht ungewöhnlich bei Expertengutachten und nicht wesentlich für die Einschätzung der Therapierbarkeit und der Gefährlichkeit des Täters.

Er sei zum Schluss gekommen, dass der Angeklagte an einer sehr schweren, gemischten Persönlichkeitsstörung leide. «Es liessen sich kaum gesunde Elemente feststellen», hielt Hiersemenzel fest.

Prognose für die Zukunft unsicher

Der Mann habe eine narzisstische Persönlichkeit, eine frauenfeindliche Grundhaltung, ein starkes Dominanzstreben, eine hohe Kränkbarkeit und eine fehlende Empathiefähigkeit. Ausserdem habe er eine mittelschwer verminderte Einsichtsfähigkeit, was die Aussichten auf eine Verbesserung stark beeinträchtige.

«Ich denke, dass der Mann momentan nicht therapierbar ist», sagte Hiersemenzel. Er sehe sich jedoch nicht in der Lage zu sagen, wie seine Therapierbarkeit in Zukunft aussehen werde. Je weiter weg die Zukunft sei, desto unsicherer sei die Prognose. Forensische Prognosen, die psychiatrische Gutachter normalerweise erstellten, hätten einen Horizont von fünf bis zehn Jahren. Für Prognosen auf 20 Jahre hinaus fehle eine wissenschaftliche Grundlage.

Trotzdem könne er sich nicht vorstellen, dass man dem Angeklagten jemals eine günstige Prognose stellen werde, sagte Hiersemenzel. Ausserdem bestehe eine hohe Rückfallgefahr.

Grundsätzliche Übereinstimmung

Damit stimmen die beiden Gutachter in den meisten Punkten grundsätzlich überein. Dies ist die Voraussetzung dafür, einen hoch gefährlichen Straftäter lebenslang verwahren zu können. Seit der Annahme der Verwahrungsinitiative 2004 hielt die lebenslange Verwahrung nur einmal vor den Gerichten stand.

Der Waadtländer Generalstaatsanwalt Eric Cottier und der Anwalt der Familie des Opfers, Jacques Barillon , wollen am Freitag bekannt geben, welche Strafen sie im Mordfall Marie fordern.

(arc/sda)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Renens VD - Der Mörder von Marie ist zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe und einer lebenslänglichen Verwahrung ... mehr lesen
Laut dem Gericht gab es keine entlastenden Elemente die für den Angeklagten sprechen.
Der Angeklagte ist laut Ansicht der Staatsanwaltschaft nicht therapierbar. (Symbolbild)
Lausanne - Die Staatsanwaltschaft hat am Freitag in ihrem Plädoyer die höchst mögliche Strafe für den mutmasslichen Mörder ... mehr lesen
Renens VD - Der mutmassliche Mörder der 19-jährigen Marie hat am Dienstag vor dem Strafgericht in Renens VD ... mehr lesen
Der Angeklagte verweigert die Antwort zur Frage nach dem Motiv. (Symbolbild)
Die Verteidigerin will den Fall nicht alleine übernehmen.
Renens VD - Im Prozess um das Tötungsdelikt an der 19-jährigen Marie hat der Angeklagte zum Prozessauftakt vor dem Strafgericht ... mehr lesen
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 20
Francesco Schettino: Weil er das Schiff verliess, wurde er als  «Käptain Feigling» verspottet.
Francesco Schettino: Weil er das Schiff ...
Schiffsunglück  Florenz - Kapitän Francesco Schettino ist mehr als vier Jahre nach der Havarie der «Costa Concordia» auch in zweiter Instanz zu 16 Jahren und einem Monat Haft verurteilt worden. Das Berufungsgericht in Florenz bestätigte damit das Urteil aus erster Instanz. mehr lesen 
Reaktionär  Bern - Gegen die geplante Stiefkindadoption für Homosexuelle regt sich Widerstand. Sollte das Parlament das neue Adoptionsrecht in der vorliegenden Form verabschieden, ... mehr lesen 3
Reaktionäre Kräfte schliessen sich für das Referendum zusammen, mit dabei auch EDU-Präsident Hans Moser.
Schweizer Sprayer  Wien - Mit einem Urteil von zehn Monaten unbedingte Haft ist am Wiener ... mehr lesen
Der Sprayer bestritt, das Fahrrad geklaut zu haben.
Titel Forum Teaser
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute So Mo
Zürich 14°C 22°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Wolkenfelder, kaum Regen bewölkt, etwas Regen
Basel 12°C 23°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt, Regen Wolkenfelder, kaum Regen
St. Gallen 13°C 21°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Wolkenfelder, kaum Regen bewölkt, etwas Regen
Bern 10°C 22°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Wolkenfelder, kaum Regen bewölkt, etwas Regen
Luzern 11°C 23°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Wolkenfelder, kaum Regen bewölkt, etwas Regen
Genf 14°C 23°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt, Regen Wolkenfelder, kaum Regen
Lugano 16°C 20°C Wolkenfelder, kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig bedeckt, wenig Regen gewitterhaft
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten