Radsport in den Grundfesten erschüttert
publiziert: Freitag, 12. Okt 2012 / 12:17 Uhr / aktualisiert: Freitag, 12. Okt 2012 / 13:56 Uhr
Gemäss Bericht der USADA kannte der mehrfache TdF-Sieger Lance Armstrong kein Pardon.
Gemäss Bericht der USADA kannte der mehrfache TdF-Sieger Lance Armstrong kein Pardon.

Mit dem Abschlussbericht der amerikanischen Anti-Doping-Agentur im Fall Lance Armstrong kommt ein Dopingsystem bisher unbekanntem Ausmasses ans Licht. Das amerikanische Radsport-Idol scheint dank dem Report der USADA endgültig als Dopingsünder überführt zu sein.

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Die Geschichte von Lance Armstrong könnte aus der Feder eines Hollywood-Drehbuchautors stammen. Trotz einer Überlebenschance von weniger als fünf Prozent besiegt der Texaner den Hodenkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Er kehrt 1998 auf die Radsport-Bühne zurück und gewinnt von 1999 bis 2005 siebenmal in Folge die Tour de France. Mit dem am Mittwoch veröffentlichten Bericht der USADA steht aber fest, dass die Armstrong-Saga zu gut war, um wahr zu sein. Lance Armstrong selbst reagierte auf die Veröffentlichung des wohl grössten Schwindels in der Sportgeschichte mit ein paar gelangweilten Worten über sein Internet-Sprachrohr Twitter. «Was ich heute Abend mache? Ich hänge mit meiner Familie ab, unbeeinflusst, und denke an meine Stiftung», textete der Amerikaner.

 Der Radsport war dagegen längst in seinen Grundfesten erschüttert worden. Denn was die amerikanische Anti-Doping-Agentur in ihrem 202 Seiten langen Abschlussbericht publik gemacht hat, birgt höchste Brisanz und lässt nur einen Schluss zu: Die gesamte Karriere des siebenmaligen Toursiegers basiert auf Lug und Trug. Armstrong hat gedopt, getäuscht, gelogen und gegen alle Regeln des Sports verstossen. Minutiös hat die USADA die dunkle Vergangenheit Armstrongs von 1998 bis zu seinem endgültigen Karriereende vor gut zwei Jahren nahezu lückenlos aufgeschlüsselt. Pikante Details wie Geldzahlungen von Armstrong an Dopingarzt Michele Ferrari von über einer Million Euro sind dabei ans Tageslicht gekommen. Das «ausgeklügelste, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm, das der Sport jemals gesehen hat», wurde durch den USADA-Bericht in allen Einzelheiten dargelegt.

 Was folgte, waren öffentliche Doping-Geständnisse von den in dieser Saison noch aktiven Radprofis George Hincapie, Michael Barry, Christian Vande Velde, Levy Leipheimer, Tom Danielson und David Zabriskie, die zu den elf früheren Teamkollegen Armstrongs beim US-Postal-Team gehörten. Die sechs noch aktiven Fahrer erhielten für ihr kooperatives Verhalten eine von zwei Jahren auf sechs Monate gemilderte Sperre, die rückwirkend auf den 1. September in Kraft tritt.

Mit voller Härte

Armstrong, der jegliche Zusammenarbeit mit der USADA abgelehnt hatte, dürfte es hingegen mit voller Härte treffen. Die USADA hatte ihn bereits am 24. August dieses Jahres wegen Dopings lebenslang gesperrt und ihm rückwirkend ab dem 1. August 1998 alle Ergebnisse aberkannt, darunter auch die sieben Tour-Siege. Der Radsport-Weltverband UCI hat nun 21 Tage Zeit, die Sanktionen zu bestätigen oder Einspruch einzulegen. Was mit den Erfolgen des einst vom Krebs geheilten Radstars passiert, ist noch völlig offen. Gut möglich ist, dass die Armstrong-Zeit als «schwärzeste Ära» in den Geschichtsbüchern gekennzeichnet wird und die Siege nicht neu vergeben werden. Denn nach Erkenntnissen der USADA wurden 20 der 21 Fahrer, die zwischen 1999 und 2005 am Ende auf dem Tour-Podium standen, mit Doping in Verbindung gebracht.

Die UCI werde alle Informationen prüfen, um über mögliche Einwände, einer Anerkennung der Strafe und Fragen der Verjährung zu entscheiden, kommunizierte der Weltverband. Bei einem möglichen Veto gegen das Urteil gegen Armstrong dürfte die UCI, die sich in den letzten Monaten im Fall Armstrong stark zurückgehalten hat, aber kaum auf Zustimmung der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA stossen. Deren Präsident John Fahey sprach den amerikanischen Kollegen ein grosses Lob aus, dass sie «den Mut und die Entschlossenheit hatten, diesen schwierigen Fall konzentriert im Interesse der sauberen Athleten und der Integrität des Sports zu bearbeiten». Das Vorgehen der USADA sei angemessen und in Übereinstimmung mit dem WADA-Code gewesen, ergänzte Fahey.

Armstrong machte Ferrari zum Millionär

Die USADA hat offensichtlich ihre Hausaufgaben gemacht. Die Agentur veröffentlichte elf Geldzahlungen Armstrongs an eine von Ferrari betriebene Schweizer Firma in Höhe von 1,03 Millionen Dollar im Zeitraum zwischen dem 21. Februar 1996 und dem 31. Dezember 2006. Auch in der Zeit danach stand Armstrong offenbar weiterhin in Kontakt mit Ferrari. So veröffentlichte die USADA den Mail-Verkehr zwischen Armstrong, Ferrari und dessen Sohn Stefano aus dem Jahre 2009. Geldzahlungen sind während dieser Zeit offenbar in bar getätigt worden. Ferrari war im Oktober 2004 im Zuge eines Dopingprozesses wegen Sportbetrugs zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden. Armstrong hatte daraufhin zumindest offiziell die Zusammenarbeit mit Ferrari beendet.

Doch Ferrari war wohl nur ein Teil der grossen Verschwörung. «Armstrong handelte mit der Hilfe einer kleinen Armee an Unterstützern, einschliesslich Doping-Ärzten, Drogenschmugglern und andere Personen innerhalb und ausserhalb des Sports. Armstrong hatte nicht nur Kontrolle über seinen eigenen Drogenkonsum, der extensiv war, sondern auch über die Dopingkultur im Team. Der Weg für die Verfolgung seiner Ziele verlief weit ausserhalb der Regeln», hiess es in dem USADA-Bericht weiter.

Dabei hat Armstrong auch vor äussersten Mitteln nicht Halt gemacht. Dass er Kritiker wie Greg LeMond, Filippo Simeoni oder Christophe Bassons mundtot hat mundtot machen wollen, ist bekannt. Dass er sogar unter anderem Droh-Nachrichten an die Frau von Leipheimer schickte, ist dagegen neu. Auch hatte er Teamkollegen wie Vande Velde unter Druck gesetzt, sich dem Doping-Programm zu unterwerfen. Dieses Programm umfasste die ganze Bandbreite: Epo, Testosteron, Bluttransfusionen, Wachstumshormone und Kortikoide. Auch nach seiner Rückkehr dürfte er kaum sauber gewesen sein. Nach einer Untersuchung der Blutkontrollen des siebenmaligen Tour-Siegers durch den Wissenschaftler Christopher Gore aus den Jahren 2009 und 2010 liege die Wahrscheinlichkeit, dass Armstrongs Werte natürlicher Herkunft seien, bei «eins zu einer Million».

Armstrong will sich zukünftig seiner Krebsstiftung widmen. Für viele Patienten bleibt er ein Held, sein Buch «Tour des Lebens - Wie ich den Krebs besiegte und die Tour de France gewann» wurde zigfach verkauft. Eine Geschichte, an der die USADA nun kräftig Hand angelegt hat.

(bert/Si)

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