Reduzieren, Rezyklieren
publiziert: Dienstag, 10. Mai 2011 / 10:00 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 10. Mai 2011 / 10:22 Uhr

Chinas Müll stinkt zu Himmel. Nicht selten demonstrieren Hunderte und Aberhunderte von besorgten Bürgerinnen und Bürgern am Rande der Grossstädte gegen nahe Abfalldeponien, neuerdings auch gegen Kehrichtverbrennungsanlagen. Die Behörden nehmen die Proteste ernst. Die Müllberge freilich wachsen mit dem rasanten Wirtschaftswachstum und zunehmendem Wohlstand derart schnell, dass die mit Umweltfragen befassten Beamten nicht selten überfordert sind.

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Es liegt nicht an den Gesetzen. Von denen gibt es genug, und nach dem Urteil auch von Umweltorganisationen qualitativ gute. Für Haushaltsabfälle, Industriemüll oder Altautos gibt es eben so detaillierte und sinnvolle Verordnungen wie für Klärschlamm, Plastiktüten, Wegwerf-Kunststoff-Geschirr und den überhand nehmenden digitalen E-Schrott. Im letzten Fünfjahresplan (2006-2010) galt die Parole «Wiederverwenden, Reduzieren, Rezyklieren». Nahtlos daran schliessen sich die noch umfassenderen, schärferen Umweltvorschriften des eben in Kraft getretenen neuen Fünfjahresplan (2011-2015) an. Es ist ein Rennen gegen die Zeit. Die Führung um Staats- und Parteichef Hu Jintao ist sich bewusst, dass nachhaltiges Wachstum ohne durchgreifenden Umweltschutz nicht möglich ist. Das gilt für Wasser und Luft, aber eben auch für den in immer grösseren Mengen produzierten Abfall.

Die Volksrepublik China ist nicht nur Export-Weltmeister und hinter den USA die zweitgrösste Volkswirtschaft, sie hat mittlerweile die USA als weltweit grössten Produzenten von Haushaltsabfällen überholt. Noch in den 70er- und frühen 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurde Abfall in China aus heutiger Sicht vorbildlich wiederverwendet und entsorgt. Das jedoch war das Resultat des niedrigen Lebensstandards und der generellen Knappheit von Rohstoffen. Nichts aber auch gar nichts durfte vergeudet werden. Der Slogan hiess damals: «Abfall in Reichtum verwandeln». Der gleichen Slogan, meint der Pekinger Umweltwissenschafter Chen Luping, wäre auch heute durchaus angebracht, wenn ein wissenschaftliches, modernes Abfall-Management angewendet würde.

Mit dem sich in der Mitte der 80er-Jahre rapid beschleunigenden Wirtschaftswachstum änderte sich vieles. Als ich damals nach China kam, war ich erstaunt, wie unser guter Hausgeist Fan Ayi alles und jedes aufbewahrte, selbst das Schokolade-Papier oder voll geschriebene Notizblöcke. Diese aus Knappheit und Mangel entstandene Einstellung ist auch heute noch bei der älteren Generation zu beobachten. Zudem gibt es in den Grossstädten Wanderarbeiter, die sich ganz dem Abfallsammeln verschrieben haben. PET-Flaschen, Papier, Karton, Metall, Backsteine aus niedergerissenen alten Häusern und vieles mehr werden auf Dreiräder geladen und zu Sammelstellen gekarrt, wo pro Kilo Abfall abgerechnet wird. Davon leben allein in Peking 170'000 Wanderarbeiter. «Man wird nicht reich», sagt Xiao Qu, der im Chaoyang-Distrikt seine Runden dreht, «aber man kann davon leben, und Hauptsache, meine kleine Tochter kann in die Schule gehen».

Beim normalem Haushaltsabfall gibt es Bemühungen, getrennt zu sammeln. Aber Gesetz ist das noch nicht. Im Wolkenkratzer, in dem ich wohne, wird aller Müll ungetrennt zur Abfalldeponie oder zur Kehrrichtverbrennungsanlage gebracht. Jene, die ihren Haushaltsmüll trennen, beklagen sich, dass er später ohnehin wieder zusammengeworfen wird.

In den über 600 Städten Chinas produzieren derzeit die Menschen insgesamt 150 Millionen Tonnen Haushaltsmüll pro Jahr. Das sind 440 Kilogramm pro Kopf. Die Mülllawine wird nach Angaben der Umweltschutz-Behörde mit zehn Prozent pro Jahr wachsen. Dazu kommt leichter und schwerer Industriemüll. Ausnahmslos alle Städte kämpfen mit grossen Abfallentsorgungs-Problemen.

In der Hauptstadt Peking ging man wie mit so vielem andern mit dem Beispiel voran. Vor zwanzig Jahren, zu Beginn des ganz grossen Wirtschaftsbooms, wuchs die Zahl der meist unkontrollierten und mithin ungesicherten Müllkippen rasant. Je nach Statstik gab es zu Beginn des Jahrhunderts mehrere Hundert oder gar ein Tausend solcher Mülldeponien. Seit zehn Jahren werden Abfälle immer mehr auf meist gesicherte Deponien und in Kehrrichtverbrennungsanlagen entsorgt. Die Städter, mittlerweile recht umweltbewusst, beschweren sich jedoch immer noch über den Gestank, fürchten gesundheitliche Schäden durch Abgase der Kehrrichtverbrennung, und dies vor allem, sie trauen den Behörden nicht so recht über den Weg. Wei Panming, Vizedirektor bei der zuständigen Pekinger Stadtbehörde bringt das Dilemma der Regierung auf den Punkt: «Wir sind recht schnell mit dem Aufbau von entsprechenden Entsorgungs-Anlagen, aber die Kehrichtmengen wachsen noch schneller, der Druck ist also sehr gross».

Diskutiert wird auch eine Erhöhung der Abfallgebühr. In Peking kostet das pro Haushalt pro Monat lächerliche 3 Yuan (umgerechnet 40 Rappen), nicht gerade ein Anreiz, weniger Müll zu produzieren. Umweltschutz-Organisationen und Forschungsinstitute an den Universitäten sind aktiv mit Expertise und Vorschlägen an der lebendigen Umwelt-Diskussion beteiligt. Was nämlich fehlt in China, ist noch immer eine moderne, effiziente Abfall-Bewirtschaftung. Erste Ansätze zu auch privat betriebener, erfolgreicher Industrialisierung der Müllentsorgung - z. B. Stromerzeugung, Kompostierung, Öl-Raffinierung, Papierproduktion - sind bereits sichtbar.

Unterdessen gibt es überall in Peking auch Kehrricht-Eimer auf denen gut ersichtlich geschrieben steht: «nicht wieder verwertbar» und «wieder verwertbar». Gut gemeint, gewiss, doch reine Kosmetik. Immerhin.

(Peter Achten/news.ch)

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