Reiskörner, Zinseszinsen und die ewige Krise
publiziert: Dienstag, 8. Apr 2014 / 13:40 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 8. Apr 2014 / 14:00 Uhr
Reiskörner, sich stetig verdoppelnd, auf Schachbrett: Unmöglich zu erfüllender Wunsch.
Reiskörner, sich stetig verdoppelnd, auf Schachbrett: Unmöglich zu erfüllender Wunsch.

Obwohl regelmässig Entwarnungssignale gesendet werden, herrscht gegenüber der Lage der Weltwirtschaft grosse Skepsis und nicht wenige Menschen haben das Gefühl, dass der ganz grosse Kollaps irgendwann noch kommen muss. Leider könnten sie recht haben, denn unser Wirtschaftssystem hat einen monumentalen Strickfehler.

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Kennen Sie die Geschichte vom Schachspieler, der von seinem König als Preis für einen Sieg um Reis bat, und zwar ein Korn auf dem ersten Feld, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten und dann immer doppelt so viele bis zum 64sten Feld. Der König lachte nur und wunderte sich, warum der Schachspieler so wenig wollte, doch der geneigte Leser weiss es natürlich: Diesen Wunsch zu erfüllen war unmöglich, denn die Menge an Reis, die auf dem letzten Feld fällig war, wäre so monumental gewesen, der König hätte sie in der ganzen Welt nicht auftreiben können. Hätte er doch auf dem letzten Feld allein 9'223'372'036'854'775'808 Reiskörner auflegen müssen. Und auch heute wäre es noch eine Unmöglichkeit, auf der ganzen Welt 9 Trillionen Reiskörner aufzutreiben (wobei es im ganzen über 18 Trillionen Körner oder 1,8 Billionen Tonnen Reis bei 10 Körnern pro Gramm wären).

Diese Geschichte demonstriert zweierlei: Die enorme Macht exponentieller Funktionen und unsere Unfähigkeit, diese intuitiv zu erfassen. Aber was hat das mit der Wirtschaftskrise zu tun? Das Wort heisst Zins. Wir sind es gewohnt, das Geld Zinsen abwirft, Zinssätze bestimmen die Schuldenkrise und Zinsen bestimmen unseren Alltag, meist, ohne dass wir es bemerken: Zinsen auf Produktionsgüter und Infrastruktur machen einen grossen Teil der Kosten der meisten Waren aus, wobei die Schätzungen von 20 - 50% reichen.

Zudem sorgen die Zinsen (für all jene, die das immer noch nicht verstanden haben) für den hauptsächlichen Vermögenstransfer von unten nach oben, da sich die echten Zinsgewinne fast exklusiv in den Konten der obersten 10 oder noch weniger Prozenten der Reichtsten der Welt sammeln. Wer also glaubt, das die 0.125% auf seinem Kontokorrent ihn ein klein wenig für seine Sparsamkeit entschädigen ... nein. Und selbst wer gut verzinste Anlagen besitzt, zahlt vermutlich wesentlich mehr an verborgenen Zinsen in den täglichen Ausgaben, als er oder sie je für das angelegte Geld bekommen kann.

Doch das ist nur ein unangenehmes Detail der Verzinsung. Das andere ist, dass Zinsen - genau wie sich verdoppelnde Reiskörner - eine Exponentialfunktion darstellen, sprich, dass durch die Verzinsung der Zinsen sich das Geld unabhängig von unserer Wirtschaft vermehrt. Obwohl alles - denn wir leben ja in einer wirklichen Welt - auf der Realwirtschaft basiert, übertreffen die surrealen Wirtschaftszweige der Devisen- und Derivatenmärkte deren Volumen um das vielfache. Es werden Gewinne eingefahren, denen kein realer Wert gegenüber steht und es bestehen Verpflichtungen, die unmöglich durch Arbeit und Produktion wirklicher Waren bezahlt werden können.

Es handelt sich hier sozusagen um systemimmanente Blasen die entstehen müssen und dann auch immer wieder platzen. Vor der letzten grossen Krise vor 85 Jahren hatten sich auch schon manche Wirtschaftstheorien entwickelt, die danach strebten, die Wirtschaft aus ihren Zinsfesseln zu befreien. «Freigeld» und «Freiland» hiessen die Schlagworte und wer nach dem «Wunder von Wörgl» sucht, wird auch fündig.

Trotz der stetig wiederkehrenden Krisen unseres Geldsystems wurden alternative Systeme dieser Art als «Finanzesotherik» und nicht realisierbar abgestempelt, waren Zinsen doch seit dem Beginn der Geldwirtschaft ein Teil des Systems die offenbar auch ein Antrieb der gesellschaftlichen Innovation waren: Gesellschaften, in denen Zinsen - meist aus religiösen Gründen - verboten waren litten an einer allgemeinen Stagnation sowohl was die Wirtschaft als auch was die gesellschaftliche Entwicklung anging.

Doch die drohende und vermutlich unvermeidlich platzende Blase der Finanzwirtschaft, der beinahe Totalabsturz der Weltwirtschaft, der uns seit Jahren in Atem hält und die stetig grössere Diskrepanz zwischen immer weniger Habenden und immer mehr Habenichtsen sollten unterdessen auch in den Köpfen der Politiker als Hinweise auf ein paar Fehler im System angekommen sein.

Doch es zeigt sich nirgends auch nur der Ansatz eines Umdenkens, eines Zweifels am System bei den Mächtigen, denn so ein Wechsel würde nicht zuletzt jenen, die sie mit grosszügigen Spenden unterstützen, schaden. Wenn - und wir dürfen auf die Europawahlen gespannt sein - die Stimmbürger immer mehr zu vor allem rechten Protestparteien überlaufen, darf man sich nicht darüber wundern. Denn diese sind fast noch die letzten die - wenn auch krude und mit Argumenten, die meist völlig an der Sache vorbei gehen - Zweifel am maroden System äussern. Es reicht unterdessen ein völlig verquerer, meist rassistischer und selbstmitleidiger Dissens, um den Eindruck des revolutionären Denkens zu verbreiten. Grausig.

So wird es vermutlich wieder dazu kommen, dass das Fantasiegeld, welches die Finanzmärkte aufbläht wie eine Seifenblase auf Steroiden früher oder später wieder durch eine Explosion regelrecht vernichtet werden muss, da die Diskrepanz zwischen Realität und Markt einfach zu gross geworden ist. Dies mit «Schuldenschnitten» zu verhindern, ist ja auch nur der verzweifelte Versuch, die Blase kontrolliert zu leeren.

Es ist in diesem Zusammenhang vielleicht dienlich, sich daran zu erinnern, dass es in der wirklichen Welt fast keine Systeme gibt, die exponentielles Wachstum zeigen: lediglich Bakterienkulturen und ungebremste atomare Kettenreaktionen fallen ein. Die einen enden in einem Kollaps, sobald die Nahrung aufgebraucht ist, die andere schliesst mit einer atomaren Explosion (sei es in einer Bombe oder einem defekten Reaktor) ab. Von dem her durchaus adäquate Sinnbilder für das gegenwärtige System.

Vielleicht wäre es für unsere politischen und wirtschaftlichen Führer klug, sich mal mit einem Schachbrett und einem Sack Reis hin zu setzen. Aber vermutlich würden sie dann spätestens, wenn der Reissack leer ist, eine Option auf 1.8 Billionen Tonnen Reis erwerben, denn wir wissen ja, dass an den Märkten alles möglich ist, ganz egal, wie unmöglich es auch sein mag.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

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oder so....:-)
Eine Millisekunde ist zwar in der Datenübertragung und -Verarbeitung eine Ewigkeit. Und so etwas wie Gleichzeitigkeit gibt es in der seriellen Datenverarbeitung ja nicht wirklich. Aber wie auch immer; vielleicht schreiben Sie ja bald unter meinem Namen:-)
Passt keinschaf
Ich denke, dass wir unsere Artikel auf die Millisekunde genau abgeschickt haben, darum ist mein Artikel irgendwo im Nirgendwo.

Grüsse
Seltsame Dinge...
Nein, sondern von mir.
Offenbar wurden wir beide gehackt oder der Server hat ein Problem.
Ich habe nur den Titel gelesen........
....... nein der Text ist nicht von mir!
jorian = keinschaf???
Nun habe ich mich gewohnheitsgemäss als "keinschaf" angemeldet, aber mein Text wurde unter dem Namen von "jorian" veröffentlicht.

Keine Ahnung, was der Server da verwechselt hat....

sorry jorian, nicht, dass Du denkst, ich hätte Deinen account geknackt, da steckt was anderes dahinter.
Zinsverbot
"hatten sich auch schon manche Wirtschaftstheorien entwickelt, die danach strebten, die Wirtschaft aus ihren Zinsfesseln zu befreien. "


Es gab in Europa eine längere Zeit des Zinsverbots. Ganz sicher nicht umsonst.
Die "Geldverleiher des Teufels" wurden Fremde genannt, die mit Geld Geschäfte machten.

"Die Wirtschaft" wird bei uns immer als dasjenige Schuldgeldsystem verstanden, das es seit rund 200 Jahren IST.
Man muss sich nicht den Kopf zerbrechen, wie man dieses Schuld- und Leihgeldsystem von Zinsen befreien könnte - es ist schlicht unmöglich. Es würde ohne Zinsen sofort in sich zusammenbrechen.

Natürlich lässt sich eine Wirtschaft ohne Zinsen betreiben. Allerdings mit Einschränkungen.
Ohne Schuld- und Leihgeldsystem wäre es nicht möglich gewesen, riesige internationale Konzerne aufzubauen.
Warum nicht?
Weil kein Mensch zu seinen Lebzeiten auf irgendeine Art und Weise mit seinem Verstand und seiner Muskelkraft so viel erwirtschaften könnte, um einen derartigen Apparat damit aufzubauen.
Das ist und war nur möglich, weil Banken Kapital gegen Zins zur Verfügung stellen.

Wenn das Zinsgeschäft verboten wird, hat niemand mehr ein Interesse, Geld zu verleihen.
So müsste das Kapital entweder an alle gleichmässig verteilt werden (Kommunismus) oder man bestimmt "Heilige" von Gottes Gnaden, die es Kraft ihres Standes verwalten dürfen (Monarchie).
Der Sozialismus wäre die dritte Lösung; sie entspricht einer Monarchie, in der die Könige im Hintergrund bleiben.

Wenn allerdings niemand mehr Kapital ausleihen kann, wird niemand zu seinen Lebzeiten solchen weltgeschichtlichen Blödsinn wie internationale Grosskonzerne aufbauen.

Wir müssten zurück ins Europa des 17. Jhdts.
Unsere Theoretiker kranken daran, dass ihnen die Sicht versperrt ist. Sie können sich in ihren Träumen schon kaum mehr eine Welt vorstellen, in der es keine Geldverwalter und Geldverleiher gibt.
Der Effekt von 200 Jahren Bankwesen.
Ausbeutung
Ein ausgezeichneter Artikel. Der Zinseszins ist ein geniales Ausbeutungssystem.
“Ich kenne nicht alle sieben Weltwunder. Aber ich kenne das achte: den Zinseszins-Effekt.” (Bankier Maier A. Rothschild)
Zur Ergänzung:
http://fassadenkratzer.wordpress.com/2013/12/06/ausbeutung-durch-das-z.../

Das Problem ist, dass dieses System leistungslosen Einkommens mit den anderen der Bodenrente und des Unternehmergewinnes in der an den Hochschulen herrschenden neoliberalen Wirtschaftstheorie gedeckt werden.
http://fassadenkratzer.wordpress.com/2014/01/31/503/
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