Religionsunterricht - kein Mittel gegen Islamismus!
publiziert: Donnerstag, 8. Jan 2015 / 10:13 Uhr
Schulen: Solides Wissen über Kulturgeschichte vermitteln statt Religion «light» durch religiös motivierte Personen.
Schulen: Solides Wissen über Kulturgeschichte vermitteln statt Religion «light» durch religiös motivierte Personen.

Ein neuer Mythos wird kolportiert: «Unwissenheit über den Islam kann junge Menschen in den Extremismus treiben». Damit wird - faktenfrei - Religionspolitik betrieben zu Gunsten von schönfärberischem religiösem Halbwissen, das seinerseits zu einem Nährboden werden könnte für das, was man damit zu verhindern versucht.

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Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD) will mit dem Ausbau des islamischen Religionsunterrichts der Fanatisierung Jugendlicher vorbeugen. «Manche jungen Menschen sind leichte Beute für extreme Auslegungen, weil ihnen die Kenntnis des Fundaments ihrer Religion fehlt», sagte er der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart. Islamischer Religionsunterricht könne dazu beitragen, zu verhindern, dass Kinder und Jugendliche als «religiöse Analphabeten» auf Extremisten hereinfallen.

Politikertalk. Nicht um die Lösung konkreter Probleme geht es dabei, nicht darum, die sozioökonomischen Faktoren, die zur Radikalisierung führen können, zu bekämpfen und völlig vorbei geht das Ansinnen an der Tatsache, dass Extremismus auch und gerade unter Konvertiten grassiert, die durch einen wie auch immer gearteten Islamunterricht an der Volksschule gar nicht erreicht würden.

Dass «religiöses Analphabetentum», so man ein solches konstatieren will, ursächlich für Extremismus ist und dass dem durch staatlich lizenzierten konfessionellen Unterricht wirksam begegnet werden kann, ist zudem eine unbelegte Behauptung. Im Gegenteil. Fakti ist: Die grosse Mehrheit der Menschen hierzulande ist religiös kaum mehr gebildet und trotzdem - oder gerade deshalb? - bleibt sie friedlich.

In einem staatlich konzessionierten konfessionellen Unterricht dürfte vielmehr mit grosser Wahrscheinlichkeit den vielen Kindern aus säkular lebender Familien überhaupt erst eine religiöse Identität verpasst werden. Kinder aus Familien, die ihren Nachwuchs aus unreflektierter Loyalität zur selber nicht mehr praktizierten Kultur und Religion und oft auch aus pragmatischen, stundenplantechnischen Gründen hinschicken.

Kinder werden so an staatlichen Schulen aufgrund von Herkunftstraditionen segregiert und religiös motivierten Lehrpersonen ausgeliefert, die sie in die religiöse Praxis einführen. Dabei wird erfahrungsgemäss «Religion light» vermittelt, werden nur die Schokoladeseiten der jeweiligen Kultur und Religion präsentiert und werden Verunsicherung und Sinnfragen von Heranwachsenden bewirtschaftet. Religiöses Halbwissen also. Dieses könnte sogar zu einem Nährboden werden für Jugendliche, die sich in ihrer Rebellion gegen ihre (kaum praktizierenden Eltern) für die Extremvariante ihrer Herkunftskultur entscheiden.

Wer kulturelle und religiöse Vielfalt zulassen will, muss den säkularen Staat fördern, eine Verfassung ohne Gottesbezug und säkulare Schulen, an denen solides Wissen über Kulturgeschichte vermittelt wird.

Religionspolitiker bemühen hingegen lieber das sogenannte «Böckenförde Diktum» - «Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.» -, um die staatliche Privilegierung von christlichen Kirchen oder eben neuerdings auch die Förderung des Islamunterrichts an den Volksschulen zu rechtfertigen.

Das Böckenförde Diktum bezeichnet aber tatsächlich ein unlösbares Dilemma und es hat eine Fortsetzung: «Das ist das grosse Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heisst mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und - auf säkularisierter Ebene - in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.»

Freiheit ist also das Schlüsselwort bei Böckenförde und nicht staatliche Regulierung. Es darf nicht sein, dass der Staat im Rahmen der obligatorischen Volksschule Eltern dazu nötigt, ihre Kinder in ein einigermassen willkürlich aufgestelltes Angebot von weltanschaulich definiertem Parallelunterricht einzuordnen oder - wie im Kanton Zürich - im konfessionsreien Fach «Religion und Kultur» das Kulturwissen auf fünf wohlwollend beschriebene Weltreligionen zu beschränken.

Der Staat hat sich aus der religiösen Erziehung rauszuhalten. Er muss sie als Teil der Meinungsfreiheit tolerieren, solange sie nicht grundlegenden Prinzipien des Staates zuwiderläuft. Keinesfalls hat der Staat aber die Aufgabe, dem Islam an den Volksschulen die gleichen Privilegien einzuräumen, die heute zwar vielerorts für die christlichen Kirchen noch gelten, aber längst abgeschafft gehören!

(Reta Caspar/news.ch)

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